Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1280.

Bauen – aber worauf?

Der Plan zum Wiederaufbau des Eichendorffschen Schlosses in Lubowitz gestaltet sich mangels historischer Grundlage als Farce

Seit vielen Jahren wirbt das Oberschlesische Eichendorff-Kultur- und -Begegnungszentrum in Lubowitz (künftig abgekürzt: Lubowitzer Zentrum) für den „Wiederaufbau" des Schlosses, in dem am 10. März 1788 Joseph Freiherr von Eichendorff geboren wurde. Die Mitteilungen in den verschiedenen Blättern geben weder von den Planungen und Kalkulationen noch vom Stand der Entwicklung des Vorhabens ein klares Bild, sondern widersprechen einander gar zu eklatant.

Da verheißt ein illustrierter Artikel, der unter dem Titel „Palac Eichendorffów w Lubowicach" (= Das Schloß der Familie Eichendorff in Lubowitz) erschien („Lubowitzer Jahrbuch". V, 2007. S. 17–26), die unbedingt notwendige Klarheit zu verschaffen, sind doch dessen Verfasser Professor Dr. Ing. Jerzy Witeczek und Dr. Ing. Tomasz Wagner die mit dem „Wiederaufbau" befaßten Architekten, der Erstgenannte zugleich Mitglied des „Wissenschaftlichen Beirats" vom Vorstand des Lubowitzer Zentrums. Sie veröffentlichen ihren Artikel, was sehr befremdet, nur in polnischer Sprache, lediglich mit einer nichtssagenden deutschsprachigen Zusammenfassung im Anhang.

Schon der Titel des Berichts überrascht, verspricht er doch umstürzend Neues: Die Autoren kennen danach die historische Gestalt des Schlosses in Lubowitz, das dem Vater des Dichters, Adolf Freiherrn von Eichendorff, gehörte. Mit Spannung erwarten alle Kenner Eichendorffs, wie die Architekten das belegen und womit?

Im ersten Abschnitt des Artikels, einer allgemeinen Einführung, mangelt es nicht an sachlichen Fehlern. Es lohnt nicht, sie aufzulisten. Was aber schreiben darin die beiden Architekten, gewiß auch im Namen des Vorstands des Lubowitzer Zentrums, über die Bedeutung des Schlosses für den Dichter und sein Werk? Der Ort sei wichtig, heißt es, „an dem der Dichter seine Jugend verbrachte und den er in seinen Werken so schön beschrieb". Das verschlägt freilich jedem Eichendorff-Kenner die Sprache, sind doch beide Aussagen unbezweifelbar falsch. Denn in seiner Jugend, dem Zeitraum zwischen 1801 und 1815, verlebte Joseph von Eichendorff, wie in seinen Schriften leicht nachzulesen, nur seine Ferien und Urlaubszeiten, seine „Jubelperioden", in Lubowitz, also wenige Wochen oder Monate. Nicht entdecken läßt sich dagegen irgendeine noch so kleine ,,schöne" Beschreibung des Schlosses, weder des gesamten Komplexes noch eines einzelnen Gebäudes, sei es in Außen- oder Innensicht. Eine derart falsche Behauptung erzeugt Mißtrauen. Weder die Autoren noch die Mitglieder des Lubowitzer Zentrums scheinen mit Leben und Werk des deutschen Spätromantikers und mit seiner Zeit vertraut zu sein.

Die Einführung endet mit der schwer verständlichen Aussage: „Das geplante Vorhaben sieht vor, das Schloß in Form einer dauerhaften Ruine zu belassen und in seinem Grundriß einen modernen Pavillon zu errichten, der eine historische Ausstellung und ein Zentrum für Tourismus beherbergen sollte." Da man in der Regel mit „Pavillon" ein kleines Nebengebäude, neuerdings auch ein Ausstellungsgebäude bezeichnet, so ist nach einigem Nachdenken anzunehmen, es sei ein Bau im „Pavillon-System" gemeint.

Was bei fehlender Kenntnis von Leben und Werk des Dichters eine allgemeine „historische Ausstellung" im „Grundriß" der Ruine bezweckt, das bleibt ungesagt. Sie läßt angesichts der zum Teil peinlichen Schwächen bei der vorhandenen Lubowitzer Sammlung und den florierenden Flunkereien nichts Gutes erwarten. Jedenfalls kann sie an wirklich sehenswerten Originalen, das sind bei jedem Autor Handschriften und Erstdrucke, rein gar nichts aufweisen. Diese allein aber zählen in der literarischen Welt. Überdies wäre eine Kombination mit einem „Tourismus-Zentrum" äußerst fragwürdig, da dem Dichter selbst wesensfremd. Die geplante Kombination erweckt den Eindruck einer oberflächlichen Geschäftigkeit mit Hang zum billigen Rummel. Wieder einmal soll Eichendorff für wesensfremde Zwecke instrumentalisiert werden.

Der folgende Abschnitt des Artikels, „Der historische Grundriß des Schlosses", ist der zentrale, hängt doch von ihm alles weitere ab. Dieser Text ist nur richtig zu verstehen, wenn die an das Ende des Abschnitts gesetzte Illustration einbezogen wird. Sie soll nämlich nach Meinung der Architekten wie des Lubowitzer Zentrums nichts weniger zeigen als das „Schloß in Lubowitz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts". Das wird willkürlich postuliert, also nicht bewiesen. Das Blamable ist: Es trifft ganz und gar nicht zu!

Vielmehr handelt es sich um eine der zahlreichen „verschönerten" Fassungen eines Holzstichs, der im Jahre 1872 in einer Zeitschrift erschien. Er entstand auf Wunsch eines vornehmen hessischen Eichendorff-Liebhabers nach einer Skizze des Bau-Eleven Gustav Starcke. Schon nicht wenige Zeitgenossen bestritten heftig die Glaubwürdigkeit (= Authentizität) der Ansicht. Tatsächlich handelt es sich um eine Erfindung, womöglich geschaffen nach dem Erlebnis der Umbauarbeiten des bei ihrem Beginn zehnjährigen Eleven. (Vgl. F. H.: Die Garten-Ansicht des Eichendorff-Schlosses in Lubowitz aus dem Jahre 1872. In: Oberschlesien, 11/2009.)

Diese zweifellos unechte Ansicht bildet die alleinige Grundlage für so gut wie alles: die suggestive Titelgebung, die in dem Artikel geschilderten Diskussionen, die daraus entstandenen Entwürfe und alle weiterreichenden Planungen. Denn restlos alle Beteiligten vertreten die unbegründbare Meinung der Architekten: „Das Gebäude in dieser Form war die Geburtsstätte des Dichters." Wie konnte es zu diesem so folgenreichen, alles entscheidenden Fehlurteil kommen? Sie verzichteten, wie ihr Artikel hinreichend belegt, auf eine historisch-kritische Untersuchung der gewählten Vorlage. Aus Bequemlichkeit, aus Berechnung oder bloßer Unfähigkeit? Was aber zieht jeder kritische Historiker heran, um zu sicheren Ergebnissen zu kommen?

Die notwendigen archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen bedürfen der ständigen Überprüfung unter Einbeziehung aller historisch-kritisch aufbereiteten Quellen. Das heißt konkret für den „Wiederaufbau" eines Schlosses in Lubowitz die sichere Kenntnis von:

1. Bauakten der Periode von Kloch / Freiherr Adolf von Eichendorff

2. Bauakten der Umbauperiode unter Herzog Viktor von Ratibor 1858–1862

3. Taxationsberichte aus den Jahren 1801, 1817, 1821

4. Grund- und Aufrisse aus den Jahren 1909 und 1938

5. Fotos (außen und innen)

6. Metrisch-topographische Karten

7. Sonderkarten von den Planungen in der NS-Zeit wie in der Zeit des Kommunismus

8. Katasterpläne

9. Texte von Mitgliedern der Familie von Eichendorff (nach historisch-kritischen Ausgaben)

10. Lokalstudien von quellenkundigen Forschern

Wie immer empfiehlt sich für ein solches Objekt, zusätzlich Zeitzeugen zu befragen, hier die letzten Bewohner des einstigen Schlosses (Familie von Watzdorf) und die letzten Benutzer (z.B. Hausangestellte, Post).

Das alles ersparten sich sowohl die Architekten, die sich den Bauauftrag wünschen, als auch die Mitglieder des Lubowitzer Zentrums. Nach den in dem Artikel vorgestellten Planungen, welche auf die notwendigen Finanzmittel mit keinem Wort eingehen, läuft alles auf Vortäuschung eines seriösen Vorhabens hinaus, was es in Wirklichkeit ganz und gar nicht ist, nicht sein kann. Der Artikel gipfelt in der Unverfrorenheit, das unsägliche, nach unhaltbaren Vorgaben angefertigte Modell des Architekten Mariusz Mrozek aus dem Jahre 2003 zu empfehlen. Doch damit nicht genug: Der als „Eichendorff-Schloß" ausgegebene Bau soll sozusagen den Grundstein hergeben für den Ausbau eines Tourismus-Zentrums, das zeitgemäßen Vorstellungen entspricht, also mit Wellness-Anlagen, Golfplatz, Amphitheater usw.

Das erinnert an sehr ähnliche Vorhaben früherer Zeit. Die Formen der Mythisierung des Geburtsortes im Zeichen des Blut- und Bodenkultes decken sich mit denen des „sozialistischen Realismus". Beide Formen bieten sich als Lehrbeispiele für die Folgen einer Enthistorisierung an. War einst der Mißbrauch des Dichters von ideologischen Zwecken bestimmt, so heute offenkundig von ökonomischen Interessen.

Seit vielen Jahren versucht deshalb das Lubowitzer Zentrum, mit Aufrufen gutgläubige Spender zu gewinnen, stets versichernd, es lägen bereits überzeugende Pläne und Kalkulationen für den „Wiederaufbau" des „Eichendorff-Schlosses" vor. Dabei soll für einen neuerfundenen Bau gespendet werden. Unweigerlich stellen sich Fragen über Fragen an die dafür Verantwortlichen. Nur wer sich den Fragen in aller Öffentlichkeit stellt, bezeugt Verantwortung.

Sämtliche Quellen bestätigen, was Joseph von Eichendorff selbst am Beispiel des väterlichen Schlosses in „Erlebtes", und zwar in dem Anfangskapitel „Der Adel und die Revolution", von den Behausungen des Landadels berichtete: „Die Glücklichen hausten mit genügsamem Behagen großentheils in ganz unansehnlichen Häusern (unvermeidlich „Schlößer" geheißen), die selbst in der reitzendsten Gegend nicht etwa nach dem ästhetischen Bedürfniß schöner Fernsichten angelegt waren, sondern um aus allen Fenstern Ställe und Scheunen bequem überschauen zu können." (HKA V/4. S. 115) Deshalb überragte von Baubeginn an und keineswegs erst seit 1858, wie die Architekten mit dem Lubowitzer Zentrum verbreiten, das zweigeschossige Herrenhaus das mit ihm verbundene eingeschossige Nebenhaus.

Wie immer die literarische Welt den Glauben und die Sehnsucht jener bewertet, die den Dichter der deutschen Spätromantik zu ihrem Idol erkoren haben und sich deshalb Lubowitz und seiner Geburtsheimat innig verbunden fühlen, sollte alles daran gesetzt werden, sie nicht zu enttäuschen und deshalb endlich zu verwirklichen: eine Gedenkstätte in Lubowitz, errichtet auf gesicherter historischer Grundlage, würdig des Dichters, der an dieser Stätte geboren wurde.

Franz Heiduk (KK)

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