Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1364.

Bedenkliches Gedenken

In Sankt Petersburg erinnert ein U-Boot-Museum an den Untergang des Flüchtlingsschiffes „Gustloff“ – samt Verursacher

„Wo wollen Sie hin?“, fragt der Taxichauffeur, mit verwunderter Betonung auf dem S17_1364Fragewort. „In das Museum der Unterseeboote“, wiederhole ich. „So etwas gibt es in Sankt Petersburg nicht. Und ich kenne nun wirklich die Stadt.“ – „Doch, gibt es, fragen Sie nur in Ihrer Zentrale nach.“ Das macht er dann, notiert sich verwundert die Adresse: Kondratjewskij Prospekt Nr. 83, und kommentiert das: „Bin ich noch nie gewesen! Weder mit einem Russen noch mit einem Ausländer. Steht auch nicht im Angebot für internationale Gäste.“ Das stimmt. In der umfangreichen Liste der Sehenswürdigkeiten für die Passagiere meines Kreuzfahrtschiffes wurde vieles als besuchenswert empfohlen, dieses Museum aber nicht. Nun ja, Russland gibt sich dem Ausland gegenüber gerne nachdrücklich friedlich.

Wir starten also, queren die Wassilij-Insel und die Kleine Newa. Rechts, jenseits des Newa-Hauptarmes, grüßt der Winterpalast, dann geht es an den Mauern der Peter-Pauls-Festung entlang. Linker Hand ein Platz, dort winkt Lenin vom Panzerauto vor dem Finnischen Bahnhof. Schließlich biegen wir in den Kondratjewskij Prospekt ein. Links ziehen sich Plattenbauten im Stil der dreißiger Jahre, von Industriegebäuden unterbrochen. Es folgen Fünfgeschosser, weiß verklinkert. Ob die vielen zugeschmierten Wandrisse Kriegsfolgen sind, weiß der Fahrer nicht. Dann recken sich vier moderne Wohntürme 15 Etagen hoch. Rechts, hinter üppigem Grün, stehen Blocks der frühen Nachkriegszeit. Hier signalisiert ein Schild über dem niedrigen Portal das „Museum der Unterwasserstreitkräfte Russlands, benannt nach A. I. Marinesko“. Angekommen!

Ein Museum, das den Namen eines Hauptmanns trägt, keines Generals oder garS18_1364 Marschalls, wie sonst in Russland üblich. Nein, ein den ganzen russischen Staat repräsentierendes Geschichtsdenkmal für einen Offizier der unteren Grade, der ein für den Kriegsausgang völlig unbedeutendes Schiff versenkt hat und sich im Übrigen durch unmäßigen Alkoholkonsum auszeichnete! Schon seltsam.

Wir bezahlen den Eintritt und wenden uns dem Inneren zu. Das ist ein mächtiges Gewölbe. Gleichsam als beträten wir das Innere eines ungeheuren U-Bootes.

Erste Abteilung: „1720–1917. Der Anfang der russischen Flotte“. Interessiert uns nicht. Wir wollen den Haupthelden sehen und die Darstellung seiner Tat. Also durchschreiten wir die Abteilungen „1918–1940. Unterteilte Ereignisse“, „1941–1943. Einzelne Kriegsschauplätze“ und landen in „1943–1945. Einsatz in verschiedenen Meeresregionen“. Hier müsste sich etwas finden lassen.

Richtig! Eine ganze Ecke ist ihm und seinen Kameraden gewidmet. Da steht eine Stele mit der lebensgroßen Büste eines frischen jungen Offiziers. Das ist er! Tafeln mit Abschnitten der Ostsee und Zeichen, die den Einsatz der sowjetischen U-Boote im Januar 1945 vor der südlichen Ostseeküste erläutern. Und dazu drei Gemälde, die die größte Schiffskatastrophe in der Geschichte der Menschheit mit ihren etwa 9000 Opfern darstellen sollen. Die schauen wir uns genauer an.

Die Maler standen vor einem künstlerischen Problem. Der Angriff auf die „Wilhelm Gustloff“ fand in dunkler Nacht statt. Lediglich die kümmerlichen Positionslichter des Dampfers brannten, rechts grün, links rot, eventuell am Vormast weiß. Das reichte nicht aus, um das Geschehen ausreichend zu beleuchten. Die Maler griffen daher zu einer Veränderung der realen Situation. Sie nahmen die Täuschung in Kauf. Eine Praxis, die man bei vielen Schlachtenmalern der letzten Jahrhunderte beobachten kann.

Der Autor von Bild A lässt im Hintergrund zwei schwere Überwasserschiffe agieren, die Scheinwerfer nach oben richten. Einen Lichtstrahl lässt er sich breit im Wasser reflektieren. Dadurch schafft er einen hellen Vordergrund, an dessen Rand er den Angreifer stellt. Das Licht wird durch eine weiße Wassersäule verstärkt, die, durch die Explosion eines Torpedos bedingt, an der Bordwand aufstrebt.

In Bild B wird der gleiche Farbentrick angewandt. Die Quellen sind allerdings so weit entfernt, dass sich der Schiffstyp nicht erkennen lässt. Dafür nutzt der Maler aber die Spiegelung, um sie über die gesamte Wasserfläche und die Wolkenmasse auszubreiten, was das Bild nicht so düster wie A erscheinen lässt. Beide Bilder leben aus dem Gegensatz von Blau- und Weißtönen.

Ganz anders hat der Maler von Bild C das Problem gelöst. Bei ihm kommt Rot hinzu und beherrscht zwei Drittel der Fläche. Es gibt den Rahmen für die Explosion, durchsetzt aber auch das Blau-Weiß der Dünung.

Bei allem Mühen der Künstler: Das Wesen des Vorgangs erfassen sie nicht, überhaupt nicht! Torpedos auf gegnerische Schiffe zu richten ist übliches Kriegshandwerk. Dass sich auf dem Schiff etwa 8000 Flüchtlinge befanden und 1000 Marinesoldaten, konnte Marinesko nicht wissen. Bisher waren U-Boote nur gegen solche Schiffe eingesetzt worden, die aus dem Kurland-Kessel Wehrmachtseinheiten abtransportiert hatten. Welches Elend sich hier anbahnte, konnte dem Kapitänleutnant nicht bekannt sein. Überdies gab es damals keine internationale Konvention über die Kennzeichnung von Flüchtlingsschiffen.

Im Übrigen haben die Maler neben der Farbgebung im Interesse der Überhebung der Tat auch Realitäten gefälscht. Das Schiff war nur von einem Torpedoboot begleitet. Zudem herrschte stockfinstere Nacht. Andere Schiffe tauchten erst nach der Torpedierung zur Rettung der Menschen auf. Licht wurde nur beschränkt eingesetzt, da man auf deutscher Seite weitere Angriffe fürchtete. Dass das U-Boot auf jedem Bild aufgetaucht zu sehen ist, entspricht allerdings den Tatsachen. Marinesko führte den Angriff über Wasser, ein Beweis, dass er sich sicher fühlte.

Wie man allerdings eine Aktion, nachdem ihr grausiges Ergebnis auch in Russland bekannt wurde, immer noch derart hoch ehren kann, ist mir nicht erfindlich. Wäre nicht die Zeit gekommen, da mehr Gerechtigkeit walten zu lassen? Dort schwamm ein Schiff des Gegners, und der Kapitänleutnant hat es nach allen Regeln seines Dienstes angegriffen. Dass er tragisch endete, kann man Marinesko nicht anrechnen. Er hat seine Arbeit gemacht. Das ist aber kein besonderes Verdienst!

Bleibt nur noch die Feststellung: Die Versenkung stellte laut Heinz Schön, dem vor Kurzem verstorbenen Zeugen, kein Kriegsverbrechen dar. Die Gustloff fuhr mit abgeblendetem Licht, trug einen Tarnanstrich, transportierte 1000 U-Boot-Soldaten und hatte mindestens zwei Fliegerabwehrkanonen an Bord. Schuld an dem Unglück ist ausschließlich die deutsche Führung. Sie hat erstens das Schiff ohne Schutz in gefährdetes Gebiet geschickt und hat zweitens den Krieg weitergeführt, auch als die Rote Armee vor der deutschen Grenze stand. Eine sofortige Kapitulation hätte Millionen Menschen das bekannte Maß an Tod, Vergewaltigung, Flucht, Hunger und Zwangsarbeit erspart.

Bernhard Fisch (KK)

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