Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1318.

Befragung eines Fragers

Der Jubilar Joachim Sobotta öffnet sein Schatzkästlein des schlesischen Menschenfreundes

Im Rahmen der etablierten Veranstaltungsreihe „Prominentengespräche“ waren im Laufe der Jahre Persönlichkeiten schlesischer Herkunft wie Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof Prof. Dr. Alfons Nossol und Prof. Dr. Klaus Töpfer im Haus Schlesien in Königswinter zu Gast. „Motor“ dieser Begegnungen war der langjährige Chefredakteur der Tageszeitung „Rheinische Post“, Dr. Joachim Sobotta.

Beim jüngsten Zeitzeugengespräch betonte Reinhard Blaschke, der Präsident des Vereins Haus Schlesien: „Deshalb ist es an der Zeit, die Rollen einmal zu tauschen und ihn, der jahrzehntelang eine wichtige Rolle in der deutschen Presselandschaft gespielt hat, selbst als Zeitzeugen zu befragen.“

Dr. Helmut Herles, ehemaliger Chefredakteur des Bonner „General-Anzeigers“, und Dr. Albrecht Tyrell, Vizepräsident des Vereins Haus Schlesien, waren die „Stichwortgeber“ für das interessante Gespräch mit dem Journalisten. Das zahlreiche Publikum lauschte den Erinnerungen des 1932 in Glatz geborenen Zeitzeugen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Ausstellung „Ferne, nahe Grafschaft Glatz“ eröffnet, die auf Exponaten aus der Sammlung Sobotta beruht.

Die Frage, wo eigentlich die Grafschaft Glatz liege, beantwortete Joachim Sobotta mit einem Hinweis auf eines der Bilder aus der neuen Sonderausstellung im Eichendorffsaal. Es handelt sich dabei um eine Aufnahme aus dem Fernsehen, die eine Szene aus der täglichen Wetterschau zeigt. Wer die europäische Wetterkarte betrachtet, erkennt in Höhe des rechten Ellenbogens der Moderatorin an der Grenzlinie zwischen Polen und Tschechien ein „merkwürdiges Rechteck“, das die Grafschaft Glatz darstellt.

Der heute 80jährige Joachim Sobotta war 14 Jahre alt, als seine Familie mit weiteren
150000 Deutschen aus der Grafschaft Glatz vertrieben wurde. Er verriet, daß er als Heranwachsender bis Anfang des Jahres 1945 in seiner abgelegenen Heimat von den Schrecken des Krieges so gut wie nichts mitbekommen habe. Aufgefallen seien ihm dann jedoch unter anderem die „Vertreibungsbefehle“, die an vielen Häuserwänden
klebten. In der Königswinterer Ausstellung sind übrigens auf einer Tafel Vertreibungsbefehle polnischer Stellen zu sehen, die 1945 – bereits vor Zusammentritt
der Potsdamer Konferenz – völkerrechtswidrig die Ostprovinzen des deutschen Reiches zu „polnischem Staatsgebiet“ deklarierten, obwohl sie gemäß Potsdamer Protokoll lediglich unter „polnische Verwaltung“ gestellt wurden.

Auch die Zeit nach der Übersiedlung der Familie in die Bundesrepublik Deutschland ist für Joachim Sobotta lebendig in Erinnerung. Selbst wenn er zunächst von der Trümmerlandschaft der Stadt Osnabrück schockiert war, erkannte er sehr bald, daß dies zum Alltag gehörte. Er betont heute: „Ich hatte Glück und bin im Aufschwung des Wirtschaftswunders mitgeschwommen.“ Vor allem weiß er, daß er schon gleich nach der Ankunft in Niedersachsen instinktiv auf Integration gesetzt hat. Er hat den regionalen Dialekt gelernt, sein Abitur in Quakenbrück abgelegt und ein Volontariat bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ in Essen angetreten.

Die Studienzeit an den Universitäten Berlin, München und Bonn sowie die wichtigsten Stationen im Berufsleben des ehemaligen Chefredakteurs und nicht zuletzt sein Engagement in der Pflege des Kulturerbes seiner schlesischen Heimat waren weitere Schwerpunkte des Gespräches. In bezug auf den Begriff „Heimat“ erwiderte der Befragte, er sei in Glatz geboren und getauft worden, fühle sich aber auch in Bonn und
Berlin sehr wohl. Er sei ein weltläufiger Mensch, der sich als Deutscher und Europäer versteht und sich zugleich für die Bewahrung der Kulturwerte aus den ehemaligen
deutschen Ostprovinzen einsetzt.

Aus seiner umfangreichen persönlichen Sammlung hat Joachim Sobotta für die Ausstellung im Haus Schlesien eine Auswahl historischer und aktueller Zeugnisse rund um die Grafschaft Glatz getroffen. Zu sehen sind mehrere Landkarten, darunter eine Wandkarte der Grafschaft für den Schulgebrauch um 1880 und eine Dienstkarte des Reichsbahndirektions- Bezirks Breslau (zu dem auch die Grafschaft Glatz gehörte) auf dem Stand vom 1. Juli 1940.

Interessant sind auch die seltenen Zeitungen, etwa die letzte Ausgabe der Glatzer Lokalzeitung „Grenzwacht“ vom 8. Mai 1945 und die erste Ausgabe der „Amtlichen Nachrichten“ für Stadt und Kreis Glatz in deutscher Sprache unter sowjetischer Besatzung vom 23. Mai 1945. Ausgestellt sind ferner historische Ansichtskarten und Notgeldscheine sowie der Kupferstich „Friedrich II. in Nimburg nach der Schlacht bei
Kollin“ von Daniel Berger nach Johann Christoph Frisch (1801). Aktuelle Fotografien und Luftaufnahmen der Stadt Glatz und der Grafschaft ergänzen die Schau.

Die Sonderausstellung ist im Eichendorffsaal von Haus Schlesien bis zum 1. April zu
besichtigen.

Dieter Göllner (KK)

«

»