Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1235.

Beherzt denken und handeln

Der vor 100 Jahren geborene Helmuth James Graf von Moltke führte in Kreisau Geister zusammen, die dem Hitlerschen Ungeist widerstanden

Unter den vielem Gruppen, die in den Jahren 1933–1945 in Deutschland den Nationalsozialismus bekämpften, gebührt dem Kreisauer Kreis des Grafen Moltke eine besondere Bedeutung und Beachtung. Die Deutsche Bundespost ehrte das Andenken Moltkes, der vor nunmehr 100 Jahren geboren wurde, bereits 1964 mit einer Sondermarke.

Helmuth James Graf von Moltke gehörte zu einem vor allem in Norddeutschland und Dänemark verbreiteten alten und berühmten Adelsgeschlecht. Der strategisch hochbegabte Helmuth von Moltke (der Ältere) stieg in Preußen bis zum Chef des Großen Generalstabes und Generalfeldmarschall (Kriege 1864, 1866 und 1870/71) auf, erhielt den Grafentitel und den Beinamen „der große Schweiger“. Auf dem von ihm erworbenen Gut Kreisau, idyllisch zwischen Schweidnitz und Reichenbach am Fuße der Hohen Eule gelegen, wurde Helmuth James Graf von Moltke am 11. März 1907 als Urgroßneffe des Feldmarschalls geboren.

Sein Vater, der Gutsbesitzer, hatte die Tochter des aus Schottland stammenden obersten Richters der Südafrikanischen Union geheiratet, und so besaß Helmuth James von Anfang an eine kräftige Prise Internationalität. Nach der Reifeprüfung studierte er in Breslau, Berlin und Wien Rechtswissenschaft und legte das Referendarexamen ab. Schon vor diesem engagierte er sich unter dem Einfluß des Breslauer Professors Eugen Rosenstock-Huessy für die schlesische Arbeitslagerbewegung, die – mit dem Mittelpunkt im Boberhaus zu Löwenberg – Arbeiter, Bauern und Studenten auf freiwilliger Basis zu echter Volksgemeinschaft zusammenführen sollte, und zeigte dadurch sein von der Not im mittelschlesischen Industriebezirk von Waldenburg (Bergbau) gewecktes sozialpolitisches Interesse. 1929 übernahm der erst Zweiundzwanzigjährige die Leitung des hochverschuldeten väterlichen Gutes und rettete es vor dem wirtschaftlichen Ruin. Von 1930 bis 1932 war Helmuth James an schlesischen Amtsgerichten und dann in Berlin tätig, wo er nach dem 1934 bestandenen Assessorexamen als Rechtsanwalt arbeitete.

Von der mütterlichen Linie her war Moltke sehr aufgeschlossen gegenüber Angelsächsischem, reiste oft nach England und erhielt auch dort die Zulassung als Rechtsanwalt. Aufgrund seines rechtlichen Denkens und als entschiedener evangelischer Christ ließ er sich nicht vom Nationalsozialismus verführen, sondern näherte sich oppositionellen Kreisen und hoffte auf den Sturz des Regimes. Während des Krieges arbeitete er als Sachverständiger für Kriegs- und Völkerrecht bei der Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht und bemühte sich, den Kriegsgefangenen, der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten und Juden zu helfen. Er wußte von deutschen Kriegsverbrechen, glaubte nicht an den „Endsieg“ und rief aus kleinen Anfängen, zusammen mit seinem schlesischen Landsmann Peter Graf Yorck von Wartenburg, die später als Kreisauer Kreis bezeichnete weitverzweigte Widerstandsgruppierung, eine Art Denkfabrik, ins Leben, dabei Männer zusammführend, die sich nach sozialer Herkunft, politischen Vorstellungen und religiös-weltanschaulich zum Teil sehr stark unterschieden, aber in der Gegnerschaft zum „Dritten Reich“ und im Pflichtgefühl Seite an Seite standen. Zum engeren Kreis gehörten u. a. Sozialisten wie Carlo Mierendorff, Protestanten wie Eugen Gerstenmaier, Katholiken wie Hans Lukaschek und der Jesuit Alfred Delp. Moltke hatte die Leitung, war Inspirator und Impulsgeber, konnte überzeugen und bewegen und Brücken bauen.

Mitten im Zweiten Weltkriege, so auch im Verlaufe dreier von Moltke und seiner Frau Freya – einer Kölner Bankierstochter und promovierten Juristin – vorbereiteten und 1942 und 1943 in Kreisau durchgeführten großen Treffen, wurden auf der Basis von Christentum und sozialer Verantwortung in umfassender Weise Grundlagen für den Wiederaufbau Deutschlands nach der Beendigung der totalitären Herrschaft erarbeitet. Zu den Themen zählten u. a. die föderalistische Neuordnung des Staates, das Verhältnis von Staat und Kirche, das Bildungswesen, Arbeiterschaft und Bauerntum, Währungsreform und die Bestrafung von Rechtsschändern. Der Staat sollte von unten, von kleinen Gemeinschaften her, aufgebaut werden, ohne Parteischablonen, und hinstreben zur politischen Einigung Europas auf christlicher Basis, samt europäischer Verfassung.

Nicht alles Gedachte konnte ausdiskutiert werden. Einem Attentat auf Hitler stand Moltke –  bei allen Wünschen nach einem Ende des Gewaltregimes – im Gegensatz zu anderen Kreisauern ablehnend gegenüber, dabei von religiösen Erwägungen geleitet. Er und sein Kreis unterhielten viele Kontakte zu Persönlichkeiten des Auslandes und bewiesen auch auf diese Weise ihre europäische Gedankenweite.

Nach der Verhaftung Moltkes am 19. Januar 1944 endete die Arbeit des Kreisauer Kreises, aber nicht die vieler seiner den Umsturz ersehnenden Mitglieder. Im Verlaufe der nach dem Scheitern des Staatsstreiches vom 20. Juli 1944 durchgeführten Untersuchungen kamen die Kreisauer Aktivitäten immer stärker in das Blickfeld, Moltke wurde angeklagt, im Januar 1945 zum Tode verurteilt und am 23. dieses Monats in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Er starb als bewußter Christ und in der Überzeugung, sich nicht für Standesinteressen und eigene Belange, sondern für menschheitliche Interessen eingesetzt zu haben.

Der bekannte Historiker Hans Mommsen schrieb 1994: „Das Kreisauer Programm entstand als ein umfassendes Gegenkonzept zum totalen Machtanspruch des Dritten Reiches und zielte auf dessen welthistorische Überwindung. (…) Die geschichtsphilosophische Perspektive Kreisaus ist aufs engste mit den Ideengängen Helmuth James Graf von Moltkes und Peter Yorck von Wartenburgs verknüpft.“

Freilich: Manches Programmatische war von zu hoher geistiger Warte aus gesehen, zu sehr von negativen Erfahrungen mit dem deutschen Parlamentarismus gespeist und für den Neuaufbau nach 1945 nicht verwendbar. Die Deutsche Post ist dafür zu loben, daß sie am 1. März 2007 eine Sonderbriefmarke zu Ehren von Claus Schenk Graf von Staufenberg und Helmuth James Graf von Moltke, den Zeugen für ein anderes und besseres Deutschland, herausgab.

Hans-Ludwig Abmeier (KK)

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