Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

Bei der historischen Wahrheit hört die künstlerische Großzügigkeit auf

Die „Kulturpolitische Korrespondenz“ begleitete mich durch Jahrzehnte meines Lebens

Wenn der Dichter malt:
Adalbert Stifter, Das Vonwiller-Haus in Neuwaldegg. 1841. Öl auf Pappe, 29,5 x 33 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 902. Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Ich erinnere mich nicht mehr, wann ich das erste Mal eine Ausgabe der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ in die Hände bekam, es muss aber bereits in den ersten Jahren nach ihrer Gründung gewesen sein; jedenfalls entschloss ich mich sogleich zum Abonnement dieser besonderen Zeitschrift. Ihr Inhalt wie auch ihr Format sagte mir sofort zu.

Beim Lesen in der Bahn – zum Beispiel – belästigte man beim Umblättern keinen Mitreisenden, außerdem ließen sich einzelne interessante Artikel leicht herauslösen, damit sie dann in passender Größe in einem Ordner problemlos untergebracht wurden. Natürlich hatte die Wahl des DIN-A4-Formates und der nur einseitige Druck einen ganz anderen Grund. Er war damals noch für die Klemmbretter der Setzer an ihren Linotypes konzipiert worden, denn die KK richtete sich zunächst an andere Druckerzeugnisse, Periodika und Herausgeber von Anthologien, war also zum Weiterreichen verschiedener Inhalte an andere Printmedien gedacht worden.

Ich selbst machte später von diesem Angebot ebenfalls Gebrauch, als ich über einen Zeitraum von siebzehn Jahren den „Volkskalender für Schlesier“ herausgab und der Aufstieg Verlag für die der KK entnommenen Beiträge kein Honorar zahlen musste, sondern nur ein Belegexemplar zu liefern hatte. Somit konnten er und viele andere kleinere Verlage, die besonders auf ihre Kosten achten mussten, niveauvolle Artikel übernehmen und ihren Lesern bieten. Aber auch große Zeitungen bedienten sich beim Angebot der KK.

Den einander folgenden KK-Redakteuren gelang es von Anfang an immer, sachkundige und engagierte Autoren für ihre Ausgaben zu gewinnen. Das waren keine gewöhnlichen Journalisten, die beispielsweise wegen eines Gedenktages eilig für ein ihnen bis dahin unbekanntes Thema recherchieren mussten, vielmehr fanden sich dafür Persönlichkeiten, die längst mit der Sache vertraut waren und denen es ein Herzensanliegen war, ihr Wissen, in gute Sprache gefasst, weiterzugeben. Die Autorinnen und Autoren berichteten über die früher ostdeutschen Gebiete und deren Kultur, aus denen sie selbst stammten oder denen sie ihre Forschungsarbeit widmeten. Man spürte und spürt es heute noch beim Lesen.

Als gebürtige Breslauerin hatte mir meine Mutter natürlich bereits in meinen Kinderjahren ein breites Wissen über Schlesien vermittelt und in mir die Liebe zu unserer verlorenen Heimat geweckt. Doch über die anderen vielfältigen, riesigen Gebiete, die vom nordöstlich gelegenen Baltikum bis in die südöstlichen Siedlungsgebiete auf dem Balkan reichen, samt den bis 1945 zum Deutschen Reich gehörenden Ländern waren meine Vorstellungen und mein Wissen zunächst recht vage. Das änderte sich jedoch, nachdem ich Abonnentin der KK geworden war.

Mein Onkel hatte zwar eine Ostpreußin mit einem ursprünglich französischen Familiennamen geheiratet, aber die Geschichte der Hugenotten, die einst wegen der Verfolgung aus Glaubensgründen ihre Heimat Frankreich verlassen, in Preußen Zuflucht gefunden und sich da integriert hatten, konnte ich aus der KK erfahren. So erging es mir mit vielen anderen Fragen.

Mit einer breit gefächerten Mischung von Beiträgen über Politik, Wissenschaft, Kunst, Literatur und Musik dieser Gebiete weitet die KK den Horizont aufmerksamer Leser. Sie bietet Artikel über Orte, historische Gebäude, besondere Persönlichkeiten, wichtige Gedenktage, ostdeutsche Sammlungen, Ausstellungen und Tagungen und informiert weiterhin über Aktuelles wie auch über die Schätze der Vergangenheit. Selbst der Eiserne Vorhang war für die KK nicht eisern und hoch genug. Auf irgendwelchen geheimen Wegen gelangten immer wieder Exemplare, in ihrem damals etwas unscheinbaren Gewand gleichsam getarnt, über die Grenzen. Jedenfalls erhielt ich bereits in den frühen siebziger Jahren jedes Mal, wenn einer meiner Texte in der KK erschien, von einem polnischen Bibliothekar in Kattowitz die Rückmeldung, dass er ihn gelesen habe und sich darüber freue.

Wie war ich als noch junge Autorin überhaupt dazu gekommen, in der KK zu veröffentlichen? Ich erinnere mich an eine Tagung der Esslinger Künstlergilde. Professor Hans Gottschalk, damals Fachgruppenleiter für Literatur, zeigte eben, als ich zufällig dazukam, dem KK-Redakteur Peter Nasarski meinen 1968 erschienenen ersten Gedichtband und fragte ihn: Warum veröffentlichen Sie eigentlich keine Lyrik in der Kulturpolitischen Korrespondenz? Ja, warum eigentlich nicht?, fragte Nasarski zurück und nahm das schmale Buch entgegen. Bald darauf erschien ein erstes meiner Gedichte in der KK, und danach wurden fortlaufend Gedichte anderer Autoren und wiederholt auch meine dort gedruckt.

In einem meiner Ordner entdeckte ich Blätter aus der Doppelnummer 77/78 aus dem Jahr 1971 mit der Überschrift: „Portrait einer Künstlerin …“ Damit war ich gemeint. Wie freute ich mich damals darüber und auch über die damit verbundene Ermunterung zum Schreiben. Jörg Bilke, der Peter Nasarskis Nachfolger wurde, führte in den 80-er Jahren für die KK ein längeres Gespräch mit mir, das er „Schlesien, Land meiner Kindheit …“ betitelte. Dieses Interview wurde und wird bis heute von meist polnischen Studentinnen und Studenten der Germanistik als Quelle herangezogen, wenn sie sich in ihren Arbeiten mit einem oder mehreren meiner Bücher beschäftigen.

Viele Jahre hindurch führte der Ostdeutsche Kulturrat (heute die Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR) Erzähl- und Hörspielwettbewerbe durch und zeichnete die Gewinner mit Preisen aus. Die Aufrufe dazu wie auch die Ergebnisse wurden jeweils in der KK veröffentlicht. Dem Stichwort des 13. Wettbewerbs mit dem Titel „In einer Stunde mussten wir fort“ folgte ich und gewann mit meinem Hörspiel „Gestörte Befragung“ den Preis. Zur Preisverleihung reiste ich 1981 ins Funkhaus des damaligen Süddeutschen Rundfunks nach Stuttgart. (Später wurde das Stück von dort und vom Westdeutschen Rundfunk aus mehrfach gesendet.) Einige Tage vor der Feier gab es noch ein kleines Vorspiel. Einer der Radioredakteure rief mich in Meersburg an und versuchte mich zu überreden, an meinem Hörspiel noch etwas zu ändern, um dem Thema seine Brisanz zu nehmen, also es zu glätten und zu entschärfen, etwas großzügiger mit der Wahrheit umzugehen. Ich blieb standhaft, so wie die KK auch unbeirrt bei damals noch unliebsamen Themen verfuhr und stetsverfährt.

Weiterhin begleitete und begleitet mich die KK bis heute, auch wenn sie längst keine Gedichte mehr veröffentlicht, aus Kostengründen ihren Erscheinungsrhythmus stark reduzieren musste, ihre Erscheinungsform jedoch gefälliger und bunter als früher gestaltet. Sie ist mir noch immer ein wichtiger und kompetenter Begleiter in Sachen deutscher Kultur im östlichen Europa. Bis heute wird sie wie schon seit vielen Jahren durch die Handschrift des engagierten Redakteurs Georg Aescht und seiner kenntnisreichen Autoren geprägt. Und die Leitartikel des Präsidenten des OKR, Klaus Weigelt, zählen ebenso zu meiner ständigen Lektüre. Ihnen allen und ihren Vorgängern sei Dank gesagt.

Monika Taubitz (KK)

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