Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1341.

Bei guten Büchern wunderbar geborgen

Dietrich Bonhoeffers Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin

Bei-guten-BüchernDietrich Bonhoeffer – ein Schlesier? Zweifellos: In Breslau wurde der nachmalige Theologe und Widerstandskämpfer im Februar 1906 geboren, doch bereits 1912 – sein Vater, der Psychiater und Neurologe Karl Bonhoeffer, nahm einen Ruf an die Berliner Universität an – verließ die Familie Breslau.

Ist Dietrich Bonhoeffer mithin ‚nur‘ ein ‚Geburtsschlesier‘? Auch sein Vater Karl, gebürtig im württembergischen Neresheim, verbrachte nur fünfzehn seiner achtzig Lebensjahre in Breslau. Auch der Vater also ein ‚Interimsschlesier‘? In der biographischen Kategorisierung der großen Deutschen zählen solche Beckmessereien nicht, entscheidend ist in der Tat der Geburtsort. Auch Heinrich Heine verließ als Jüngling seine Vaterstadt Düsseldorf unwiderruflich und gilt heute unwidersprochen als größter Sohn der Stadt.

Die Wiege zahlreicher deutscher Geistesgrößen aller Disziplinen stand in Schlesien; und wenn jene ihrer Heimat den Rücken kehrten, so häufig genug deshalb, weil ihre Fähigkeiten, weil ihr intellektuelles oder künstlerisches Potential die sich vor Ort, in Schlesien bietenden Möglichkeiten bei weitem überstieg. Für ein Leben in Schlesien waren viele Schlesier schlicht ‚zu groß‘, erst in Berlin fanden sie einen ihnen adäquaten Wirkungskreis. Auch Dietrich Bonhoeffer hätte theologisch wie politisch in Breslau kaum jemals derart wirkungsmächtig werden können wie in der Reichshauptstadt Berlin.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Dietrich Bonhoeffer, einer der ‚Großen Deutschen aus dem Osten‘ – und auch jenseits seiner schlesischen Herkunft einer der bedeutendsten Deutschen des 20. Jahrhunderts –, hat in der Staatsbibliothek zu Berlin eine Gedächtnisinstitution, die als Hüterin seines schriftlichen Nachlasses das Andenken an eine der Symbolfiguren des deutschen Widerstandes konsequent pflegt. Seit 1996 befindet sich der umfangreiche – damals ca. 10 000 Blatt, zusätzlich Fotos und seine Privatbibliothek umfassende – Nachlass in Berlin; am Potsdamer Platz, schräg gegenüber der Matthäikirche, in der Bonhoeffer 1931 zum Pfarrer ordiniert wurde.

In der KK Nr. 1269 wurde im Januar 2009 bereits eingehend über die restauratorischen Maßnahmen berichtet, um das in seiner Substanz geschädigte Papier des Nachlasses langfristig zu sichern; heute soll ein Blick auf die Bemühungen der Staatsbibliothek geworfen werden, den Nachlass zu ergänzen und zu präsentieren wie auch die Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer – neben Joseph von Eichendorff und Gerhart Hauptmann der namhafteste Schlesier, dessen Nachlass die Bibliothek bewahrt – zu beleben.

Bei-guten-Büchern2Eine Ausstellung im Februar 2006 anlässlich des 100. Geburtstags Bonhoeffers präsentierte zahlreiche Lebensdokumente, die seine Courage und seine Weitsicht anhand von Originalexponaten veranschaulichten, so etwa der handschriftliche, mit vielen Korrekturen versehene Entwurf wie auch das Typoskript des Rundfunkvortrages „Wandlungen des Führerbegriffs in der jungen Generation“, der am 1. Februar 1933, einen Tag nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler, aus gestrahlt wurde. Schon in diesen Tagen warnte der junge Theologe vor den sich abzeichnenden Folgen des „Führerkultes“ – angeblich wegen ‚Überlänge’ wurde die Übertragung des Vortrags seinerzeit abgebrochen. Als Auslandspfarrer in London benutzte Bonhoeffer 1934 eine – ebenfalls ausgestellte – englischsprachige Bibel, in der er, fast prophetisch, den achten Vers des 74. Psalms mit einem Bleistift anstrich, jene Sentenz, die das Niederbrennen jüdischer Gotteshäuser („they have burned up all the synagogues of God in the land“) beschreibt.

Eines seiner berühmtesten Gedichte – „Wer bin ich?“ – verfasste Bonhoeffer Anfang Juli 1944 während der Haft im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel.

Dieses Gedicht wurde von der Staatsbibliothek zu Berlin anlässlich des 100. Geburtstages Bonhoeffers als farbiges, beidseitig bedrucktes Faksimile herausgegeben.Wenige Monate später konnte die Bibliothek vom damaligen Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg – Schlesische Oberlausitz und Ratsvorsitzenden der EKD, Professor Dr. Wolfgang Huber, eine vierbändige Lutherausgabe aus der ehemaligen Bibliothek Dietrich Bonhoeffers übernehmen. Über „Bonhoeffer in unserer Zeit“ sprachen 2009 bei einer Podiumsdiskussion in der Staatsbibliothek Bischof Huber, Prof. Dr. Christoph Markschies, Kirchenhistoriker und damaliger Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, sowie Professor Dr.-Ing. Helmut Reihlen, Sc.D. (USA), Stiftung Bonhoeffer-Lehrstuhl New York.

Mit Spenden aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, den USA und Kanada war es der Staatsbibliothek Ende 2009 dann möglich, aus Familienbesitz 40 Briefe und 25 Postkarten, von Dietrich Bonhoeffer verfasst, zu erwerben, zusätzlich zwölf Briefe von der Hand seiner Braut Maria von Wedemeyer. Gleichzeitig wurde der Staatsbibliothek zu Berlin der 27 Kästen umfassende Nachlass der Zwillingsschwester Sabine Leibholz geschenkt Seit den frühen Kinderjahren – und bis in das Jahr 1944 hinein – hatte Bonhoeffer Briefe an seine Zwillingsschwester Sabine und deren Ehemann Gerhard Leibholz geschrieben. Der Nachlass enthält neben Lebensdokumenten auch zahlreiche Briefe der Familie – darunter von den Eltern und Großeltern Dietrichs sowie von anderen Kindern der Familie Bonhoeffer. Bisher kaum dokumentierte Aspekte des Lebens und Wirkens Dietrich Bonhoeffers und seines familiären Hintergrundes können seither quellenkundlich erforscht und bekanntgemacht werden.

Besonders rührt den Betrachter eine Abschrift des Gedichtes „Von guten Mächten“, die Maria von Wedemeyer zu Weihnachten 1945 – sieben Monate zuvor war ihr Verlobter hingerichtet worden – ihren Schwiegereltern schickte. Der Text, den Dietrich Bonhoeffer zu Weihnachten 1944 verfasst und seiner Braut aus dem Gefängnis gesandt hat, liegt in seiner Originalhandschrift im Nachlass der Maria von Wedemeyer, der in der Houghton Library in Harvard verwahrt wird. Doch die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt seither diese besondere Abschrift von ihrer Hand.

Nur wenige Monate später erstand die Bibliothek aus Privatbesitz abermals zwei handschriftliche Briefe von Dietrich Bonhoeffer sowie etwa 200 Briefe seiner Eltern, seiner Zwillingsschwester Sabine und anderer Verwandter, vornehmlich aus den Jahren 1939 bis 1945; Ende 2011 konnte schließlich die detaillierte bibliothekarische Bearbeitung der ca. 1200 Bände umfassenden Privatbibliothek Bonhoeffers abgeschlossen werden. Etliche Bücher stammen aus altem Familienbesitz der von Hases und von Kalckreuths, darunter ein von Gottfried von Schadow handsigniertes Werk über Wittenbergs Denkmäler von 1825. Bonhoeffer durfte während der Haft in Berlin-Tegel eigene Bücher benutzen. Manche wurden zum Austausch konspirativer Nachrichten mit Familienangehörigen verwendet, Restspuren sind heute noch erkennbar.

Am 9. April 2013 jährte sich zum 68. Mal der Todestag Dietrich Bonhoeffers – seien wir präzise: der Tag seiner Hinrichtung. Hätte Bonhoeffer nicht den Weg in den Widerstand gewählt, hätte er sich angepasst, so wäre der mutmaßlich weltweit geachtete Theologe, vermutlich erst vor 25 Jahren friedlich verstorben, noch heute vielen Menschen persönlich oder aus Fernsehdiskussionen bestens bekannt. Aber Dietrich Bonhoeffer ging den anderen, den mutigen und lebensgefährlichen Weg in die Opposition und in den Tod. Für sein Auflehnen gegen die mörderische Diktatur danken wir Heutigen ihm, der seine altruistische Courage mit dem Leben bezahlte, in tiefer Verbundenheit.

Das Erbe Dietrich Bonhoeffers zu hüten, ist eine auf viele Schultern verteilte Aufgabe – Universitäten, Schulen und Volkshochschulen und natürlich in erster Linie die Kirche bemühen sich, die Erinnerung wachzuhalten und das Andenken zu pflegen, nicht zuletzt auch die Staatsbibliothek zu Berlin. Das Konsistorium der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg hatte ihr im Jahr 2002 eine Büste aus rosafarbenem Marmor des Wiener Künstlers Alfred Hrdlicka als Dauerleihgabe überlassen. Die Plastik hat sich in der Bibliothek rasch etabliert; und wie selbstverständlich heißt es schon seit Jahren bei Ankündigungen von bibliothekarischen Fachführungen und Datenbankschulungen, man werde sich „in der Eingangshalle bei der Bonhoeffer-Büste“ treffen.

2011, im Jahr des 350. Geburtstags der Bibliothek, trug Bischof Huber Bonhoeffers Gedicht „Wer bin ich?“ öffentlich vor – ergänzt durch bewegende zeitgeschichtliche und theologische Ausführungen.

Im Gedenken an Leben und Wirken Bonhoeffers hielt Philip D. Murphy, der damalige Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, am Abend des 9. April 2013 einen Festvortrag über Bonhoeffer. Da Dietrich Bonhoeffer kaum irgendwo größere Achtung gezollt wird als in den USA – hiervon zeugen nicht zuletzt die vielen amerikanischen Theologen, die Jahr für Jahr Einblick in seine Papiere zu nehmen wünschen –, war es kaum verwunderlich, dass er auch zu Murphys persönlichen Helden zählt. „To stand up for what is right“, das zeichne Menschen wie Bonhoeffer, Martin Luther King und Rosa Parks aus, jene Bürgerrechtlerin, die sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen zu räumen, und damit die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA auslöste. Der Ausstellungsraum der Staatsbibliothek am Berliner Kulturforum erhielt an jenem Abend den Namen „Dietrich-Bonhoeffer-Saal“.

Tradition soll in ihrem besten Sinne nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers sein; und der Nachlass Bonhoeffers wird von der Berliner Staatsbibliothek nicht museal, sondern aktiv in eine breite Öffentlichkeit vermittelt, zuletzt im Juni 2013, als die Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf auf Einladung der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord in der Berliner Gethsemanekirche eine Sonntagspredigt hielt und den Nachlass als Impulsgeber für Forschung und Gedächtniskultur herausstrich.

Martin Hollender (KK)

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