Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1297.

Beifällig bis abfällig: (Ge-)Denken an die Charta

In Stuttgart wurde das 60jährige Jubiläum eines von den Vertriebenen verfaßten „Gründungsdokumentes der Bundesrepublik“ gefeiert

Als Erika Steinbach, die seit 1998 amtierende Präsidentin des Bundes der Vertriebenen in Bonn, am 5. August im Weißen Saal des Neuen Schlosses zu Stuttgart Bundesaußenminister Guido Westerwelle vom Podium herab begrüßte, erhob sich unter den mehr als 400 Vertriebenen im Saal ein gewaltiges Murren. Erst als die Präsidentin innehielt und ihren Begrüßungssatz an den unvermutet eingetroffenen Ehrengast wiederholte, wurde auch geklatscht. Bei den Zuhörern im Saal war noch in frischer  Erinnerung, wie Guido Westerwelle in Sachen Besetzung des Stiftungsrates „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ gegen Erika Steinbach Front bezogen hatte, was dann nur mit Mühe hatte beigelegt werden können.

In Stuttgart hatten sich die Vertreter von ehemals zwölf Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus den einstigen deutschen Ostgebieten und aus dem Sudetenland versammelt, um des 60. Geburtstags der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ zu gedenken, die am 5. August 1950, fünf Jahre nach Kriegsende, in Stuttgart-Bad Cannstadt verabschiedet und einen Tag später, am 6. August,  an der Ruine des Neuen Schlosses vor 70000 Zuhörern der Öffentlichkeit vorgestellt worden war. Damals war als Ehrengast Vizekanzler Franz Blücher aus Bonn gekommen, und als Redner aufgetreten war der in Breslau geborene Bundesvertriebenenminister Hans Lukaschek, 1929/33 Oberpräsident der preußischen Provinz Oberschlesien.

Fünf Jahre und drei Tage zuvor, am 2. August 1945, war in Potsdam, der Residenzstadt des Königreichs Preußen, von den drei Siegermächten des Zweiten Weltkriegs (Vereinigte Staaten, Sowjetunion, Großbritannien) das Potsdamer Abkommen unterzeichnet worden, mit dem die deutschen Gebiete jenseits von Oder und Lausitzer Neiße unter polnische, sowjetrussische (Nord-Ostpreußen) und litauische Verwaltung (Memelland) gestellt wurden, aber faktisch, wie die Geschichte zeigte, in den Besitz dieser Staaten übergingen.

Nachkriegsdeutschland war ein Jahr nach Gründung des Teilstaates Bundesrepublik Deutschland noch immer zerstört und verwüstet, in den großen, von Bombengeschwadern heimgesuchten Städten waren noch immer riesige Trümmerfelder zu sehen, die acht Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen aus Ostdeutschland mußten mit Nahrung, Wohnungen und Arbeit versorgt werden, das „Wirtschaftswunder“ sollte erst einige Jahre später seine Kraft entfalten.

In dieser düsteren, von Bedürftigkeit und Verzweiflung überschatteten Lage setzten der Zentralverband vertriebener Deutscher und die Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften, die 1951 zum Bund der Vertriebenen fusionieren sollten, mit der Veröffentlichung der „Charta“ ein sichtbares Zeichen: „Wir haben unsere Heimat verloren. Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde. Gott hat die Menschen in ihre Heimat hineingestellt. Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat zu trennen, bedeutet, ihn im Geiste töten. Wir haben dieses Schicksal erlitten und erlebt. Daher fühlen wir uns berufen zu verlangen, daß das Recht auf die Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird.“

Ganz anders bietet sich die Situation 60 Jahre später dar. Erika Steinbach, die, 1943 in Westpreußen geboren, 1950 noch ein Kind von sieben Jahren war, sprach in Stuttgart davon, daß der 5. August 1950 heute „kein Tag der Trauer“ mehr sei, sondern ein „Tag der Freude und des Dankes“. Die Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen in die deutsche Nachkriegsgesellschaft, ohne die der unerwartete Wiederaufbau Deutschlands nach dem verlorenen Krieg unmöglich gewesen wäre,  sei in wenigen Jahrzehnten geschafft worden. Eine politische Radikalisierung vom Heimatverlust betroffener Bevölkerungsgruppen sei zum Glück nicht eingetreten, vielmehr habe die „Charta“ eine „eindeutige Absage an Revanche und Gewalt“ postuliert, in keinem Satz würde zum „Haß gegenüber den Nachbarvölkern“ aufgestachelt, sondern der „Wille zur Versöhnung“ als einzig gangbarer Weg beschrieben.

Nach der kurzen Begrüßungsansprache des Innenministers von Baden-Württemberg und zugleich Landesbeauftragten für Vertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler, Heribert Rech, sprach auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière davon, daß die „Charta“ den heimatlos gewordenen Ostdeutschen Orientierung gegeben habe fünf Jahre nach Kriegsende, vor allem hätten „radikalisierende Bestrebungen“ nach der „Charta“ „keinen fruchtbaren Boden“ mehr vorgefunden.

Festredner Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages in Berlin, bezeichnete schließlich die „Charta“ als „eines der Gründungsdokumente der Bundesrepublik“, was sicher zutreffend ist, wenn man bedenkt, daß damals 16 Prozent der Westdeutschen Flüchtlinge und Vertriebene waren, in Schleswig-Holstein sogar fast die Hälfte der Einwohner aus Ostpreußen und Pommern stammte.  Die Existenz der „Charta“, so Norbert Lammert, sei eine „wesentliche Voraussetzung“ gewesen für die bundesdeutsche Erfolgsgeschichte nach 1949 und das Wirtschaftswunder.

Daß hämische Kritik von links nicht ausblieb, war bei diesem Reizthema zu erwarten. Die unvermeidliche Ulla Jelpke, die für die Linke im Bundestag sitzt, obwohl sie der Partei nicht angehört, nannte die „Charta“, die sie offensichtlich nicht gelesen hat, ein „Dokument des Revanchismus“, und der Schriftsteller Ralph Giordano sprach von einem „Paradebeispiel deutscher Verdrängungskünste“.

Die alte SED-Zeitung „Neues Deutschland“, die es immer noch gibt und die heute die Interessen der Linken vertritt, hatte sogar einen Berichterstatter nach Stuttgart geschickt, der vor lauter Kritik kaum noch wahrnahm, was tatsächlich auf dem Podium gesagt wurde: „Wahrscheinlich wären wir ohne den BdV… weiter bei der Aussöhnung mit den Nachbarn. Und ohne das unangenehme Rechtsklima der Steinbach-Truppen würden sich auch mehr junge Deutsche mit der faszinierenden wie blutigen Geschichte des multikulturellen alten Ostens befassen.“

Hier verbietet sich jede Diskussion. Freuen wir uns darüber, daß die Stuttgarter Redner, die alle nach 1945 geboren wurden, die Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt deutscher Geschichte noch immer für wichtig halten.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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