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Ausgaben: Ausgabe 1215.

Bekenntnis eines „Zwischenschaftlers“

Dieter Schlesak gab sich diesen Ehrentitel und wurde nun zum Ehrendoktor der Universität Bukarest ernannt

Der Schriftsteller und Publizist Dieter Schlesak wurde von der Universität Bukarest zum Ehrendoktor ernannt. Die feierliche Verleihung war einer der Höhepunkte der dreitägigen Veranstaltungsreihe, mit der das 100. Jubiläum der Gründung des Germanistiklehrstuhls der Universität Bukarest im Jahr 1905 begangen wurde. Der Gewürdigte nahm das Ehrendiplom aus den Händen des Rektors der Universität, Prof. Dr. Ioan Pânzaru, entgegen.

Die Laudatio hielt der Leiter des Bukarester Germanistiklehrstuhls, Professor Dr. George Gutu, der eingehend das Leben und Wirken von Dieter Schlesak vorstellte. Er bezeichnete den 1934 im siebenbürgischen Schäßburg/Sighisoara geborenen Autor, der sich 1969 in Deutschland ansiedelte und heute in Italien lebt, als einen von den vielen, „die die Emigrationswelle mitgerissen hat“, zugleich jedoch als einen der „nicht allzu vielen, die das Drama der Auswanderung bewußt erlebt, darüber Auskunft gegeben und über jene Momente der Qual, des inneren Bruchs, des Sich-wieder-Aufrichtens nachgedacht haben“.

Dieter Schlesak war Redakteur der deutschen Literaturzeitschrift „Neue Literatur“ und hat 1968 in Bukarest seinen ersten Gedichtband „Grenzstreifen“ publiziert. Bereits in Deutschland erschien sein autobiographischer Roman „Vaterlandstage oder Die Kunst des Verschwindens“, der gleichzeitig zu einer schonungslosen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seiner Verwandtschaft wurde. Das Buch ist 1995 auch in rumänischer Übersetzung erschienen.

Die Bindungen zu seiner Heimat, zu Rumänien und zur rumänischen Kultur werden in seinen literarischen Werken, in den Essays und in unzähligen Pressebeiträgen offenbar. George Gutu erwähnte zwei Dinge, die Dieter Schlesak Halt bieten: „die deutsche Sprache (mit all ihrem geistigen Gehalt) und die rumänische Kultur“. Und er zitierte den Autor: „Ohne die rumänische Kultur kann ich mir mein geistiges Dasein nicht vorstellen.“ Ein beachtliches Ergebnis seines nach wie vor wachen Interesses für die rumänische Literatur ist die umfassende Anthologie der rumänischen Gegenwartslyrik „Gefährliche Serpentinen“, die er 1998 anläßlich der Leipziger Buchmesse in deutscher Übersetzung vorgelegt hat.

In seiner Dankrede legte Dieter Schlesak ein Bekenntnis zur rumänischen Kultur ab und nannte sich selbst einen „Zwischenschaftler“. „Zwischenschaft benennt nicht nur das Nirgends-zu-Hause-Sein, das zwischen alle Stühle Gefallene, das Bodenlose, sondern inzwischen auch das heute so wichtige Interdisziplinäre, das ja das global Verbindende, ja Vernetzte ist. Wer meint, es gebe heute noch eine beschränkbare ‚Heimat‘, ist hoffnungslos im Gestern befangen. Für mich weiß ich, daß Künstler und Literaten Brückenbauer sein müssen zwischen der alten Sinnenwelt und jener anderen, immateriellen Welt, die geister- und geistnah ist, wo Zeit und Raum aufgehoben sind!“

Dieter Schlesak ging auch der Frage nach, was ihm Sprache bedeutet: „Sprache ist der einzige feste Boden, die stärkste Kraft dieses verhinderten Vogels, der da Mensch heißt.“ Sprache hatte auch etwas mit der Diktatur zu tun: „Sprachangst aber hat den Sprachmut und Sprachsinn enorm geschärft. Ich bin davon überzeugt, daß die Weltklasse rumänischer Gegenwartspoesie genau auf diesen Erfahrungen und diesem verletzlichen Erleben von Sprache beruht.“
 

Geringfügig ergänzt aus der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien" vom 16. November 2005

Rohtraut Wittstock (KK)

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