Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1257.

Bergen, Bukarest, Budapest, Bergel

Tagung zur rumäniendeutschen Literatur in Bad Kissingen

Bergen, Bukarest, Bad Kissingen – hinzu kamen Budapest und Bergel. Diese fünf sich als überraschende „Stabreime“ herausstellenden Begriffe umrahmten die Tagung in der Bildungs- und Begegnungsstätte Heiligenhof/Akademie Mitteleuropa, Bad Kissingen, mit dem Titel „Grenzüberschreitungen, Zwischenräume, Identitätsoptionen. Rumäniendeutsche Literatur im norwegisch-rumänisch-deutschen Dialog“. Die norwegischen, rumänischen und deutschen Veranstalter sowie der Schriftsteller und Publizist Hans Bergel boten ein dichtes Programm rund um die rumäniendeutsche Literatur.

Das Forschungsprojekt ist aus einem Erasmus-Austausch zwischen Bergen und Bukarest (2004–2005) hervorgegangen und wurde in seiner Entwicklungsphase von der Universität in Bergen koordiniert, wobei sich das dortige Germanistischen Institut und jenes in Bukarest die Leitung teilten. Das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München beteiligte sich als Dialogpartner für den wissenschaftlichen Austausch und die Publikation von Forschungsresultaten des Drei-Länder-Projekts.

Eingeleitet wurde die dritte Ost-West-Begegnung mit einem Referat von Prof. Dr. Sigurd Paul Scheichl (Innsbruck) zum Thema „Kommentieren als Überschreiten von Verstehensgrenzen. Muß man südostdeutsche Autoren kommentieren?“. Mit seinem Vortrag „Adolf Meschendörfer und Skandinavien“ widmete sich Prof. h. c. Dr. Stefan Sienerth (München) der Rezeption norwegischer Schriftsteller in der siebenbürgisch-deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Als Chronisten einer verschwundenen Welt zwischen traditionsverhafteten Lebensformen des siebenbürgisch-sächsischen Dorfes und dessen Auflösung durch die Auswanderung präsentierte Lucia Nicolau (Bukarest) Andreas Birkner. Einen Einblick in das schriftstellerische Wirken Hans Bergels vermittelte Dr. Raluca Rãdulescu (Bukarest) mit ihrem Vortrag über seinen Roman „Der Tanz in Ketten“. Multimedial präsentierte Dr. Michael Grote (Bergen) das künstlerische Werk der 1973 in Kronstadt/Brasov geborenen Zwillingsbrüder Gert und Uwe Tobias. Als Versuch der Bergriffsinterpretation versteht sich das Referat von Maria Irod (Bukarest) zu Dieter Schlesaks „Zwischenschaft“. Unter dem Aspekt autobiographischer Romane und der Schaffensprinzipien des Dokumentarromanes faßte Prof. Dr. András Balogh (Cluj/Klausenburg – Budapest) seinen Vortrag über Joachim Wittstock und Klausenburg. Über Heimatlosigkeit, Identitätsverlust und Migrationserfahrung stellte Dr. Daniela Ionescu (Bukarest) Überlegungen zu Franz Hodjaks Roman „Grenzsteine“ an. Im Focus der Selbst- und Fremdkonstruktion von Kulturen und der Selbstentwürfe betrachtete Dr. Iulia-Karin Patrut (Trier) Richard Wagners „Zigeuner“-Bild. Über den Abschied von der postkommunistischen Moderne desselben Autors referierte Ulrich van Loyen (München). Das rumänische Lokalkolorit im Kontext der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur analysierte Dr. Ioana Crãciun-Fischer (Bukarest) am Rande der Lyrik Rolf Bosserts. Mit der Schreibtechnik von Wortspiel und Ironie zur Grenzüberschreitung zu gelangen ist laut Dr. Mariana-Virginia Lãzãrescu (Bukarest) eine Form von Vergangenheitsbewältigung bei Hellmut Seiler. Auf die Subjektivitätsproblematik und das Frauenbild hin befragte Siri Strømsnes (Bergen) Herta Müllers „Reisende auf einem Bein“. Espen Ingebrigtsen (Bergen) analysierte die „performative Gedächtniskritik“ in Herta Müllers Essays. Prof. Dr. Sissel Lægreid (Bergen) sprach zur Poetik der Grenze und der Entgrenzung bei Paul Celan. Über das dichterische Gespräch der Grenzen in der Poetik und Lyrik von Friedrich Hölderlin und Paul Celan referierte Torgeir Skorgen (Bergen). Um die Wiederentdeckung von Moses Rosenkranz in der deutschen Literatur ging es Prof. Dr. George Gutu (Bukarest).

Ein Sammelband mit den Referaten der drei Tagungen ist geplant, verwiesen wurde auch auf die Homepage mit Informationen der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR), auf der auch die Zeitschrift der Germanisten Rumäniens abrufbar ist: www.ggr.ro. Prof. Dr. András Balogh stellte sein Literatur-Portal-Projekt Deutsche Literatur im südöstlichen Mitteleuropa vor, das Zugang zu Primärtexten bieten möchte.

Gustav Binder als Gastgeber und Studienleiter der Bildungs- und Begegnungsstätte Heiligenhof/Akademie Mitteleuropa führte die Tagungsteilnehmer auf einem informativen Stadtrundgang durch Bad Kissingen. Einen Höhepunkt stellte die Autorenlesung von Hans Bergel (München) dar, die von George Gutu eingeführt wurde.

Fazit: Die rumäniendeutsche Literatur ist immer noch ein ergiebiges Untersuchungsfeld, denn die „deutschen Schriftsteller in und aus Rumänien sind Chronisten unverwechselbarer und doch auch paradigmatischer Erfahrungsgeschichten im Zeitalter der Extreme“, wie es im Ankündigungstext zur Tagung heißt.

Dieter Michelbach (KK)

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