Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1267.

Berlin mit slawischem Zungenschlag

Der Schul- und Bildungsverein „Oswiata“ sorgt sich seit mehr als 100 Jahren um das kulturelle Selbstbewußtsein polnischer Berliner

Sprache ist ein identitätsstiftendes Merkmal jeder Nation. Sie ist nicht nur ein schlichtes Verständigungsmittel, sondern auch Trägerin der Eigenart und der Eigenheit einer Volksgruppe. In Berlin wird die polnische Sprache vom Polnischen Schulverein „Oswiata“ (Bildung) unterstützt. Der Verein wurde vor über hundert Jahren gegründet und ist damit eine der ältesten polnischen Organisationen in Deutschland. Zur Nazi-Zeit wurde seine Arbeit verboten. Vor rund zwanzig Jahren wurde der Verein reaktiviert.

Die Wurzeln der polnischen Bildungsvereine liegen im achtzehnten Jahrhundert. Politische Flüchtlinge, Erwerbsauswanderer und Studenten suchten in Berlin nach Möglichkeiten, ihre Kultur und Identität im Exil zu pflegen. So entstanden verschiedene Organisationen, die dies ermöglichten, darunter auch der Polnische Schulverein in Berlin. Durch Unterstützung der Sprache stärke man auch das Selbstbewußtsein, meint Barbara Rejak, Vorsitzende von „Oswiata“.

Der älteste Schüler von „Oswiata“ wurde in einer aus der Provinz Posen stammenden Familie in Berlin geboren. Die polnische Sprache sprach er mit den Eltern, die deutsche mit seinen deutschen Kollegen. Beide Sprachen bedeuten ihm gleich viel. Bolko Kliemek, heute 81 Jahre alt, ist von 1933 bis 1939 in die „Oswiata“ gegangen. Jedoch endete der Schulunterricht wie für viele auch für ihn unerwartet mit dem Kriegsausbruch.

„In der ‚Oswiata‘ haben wir nur einmal in der Woche Unterricht gehabt. Ursprünglich, am Anfang, war das in Kneipen und von 1937 in Berlin in einer Schule an Marianneplatz. Nach dem Kriege war ich schon ein alter Knabe, und da brauchte ich weder die eine noch die andere Sprache zu lernen. Ich habe beide schon ausreichend gekonnt. Nach dem Kriege mußte man sehen, wie man satt wird. Das war sehr wichtig. Denn zu damaliger Zeit sind in Berlin tatsächlich viele, viele Menschen an Hunger gestorben“, erinnert sich Kliemek.

Über sechzig Jahre nach dem Krieg sind die Verhältnisse anders. Nach dem türkischen Bevölkerungsanteil bilden Polen in Berlin die zweitgrößte Ausländergruppe. Sie stellt an die Stadtregierung keine besonderen Anforderungen, die politisch bearbeitet werden müßten. Die Zusammenarbeit läuft gut, meint Staatssekretärin Monika Helbig, Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund: „Nach dem Beitritt Polens hat sich eine ganz neue Qualität der Möglichkeiten ergeben. Ich hoffe, daß nach dem Fall der Grenzkontrollen auch Berührungsängste fallen.“ Diese seien auf deutscher Seite noch ein bißchen größer als auf polnischer Seite. Dank der Freizügigkeit könne man einander besser kennenlernen. Eine normalisierte politische Grundlage schaffe neue Räume für die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen. „Wenn wir den Weg weitergehen, das grundsätzliche Element, Europaschulen zu stärken – und das tun wir aus Überzeugung in Berlin, daß wir Europaschulen wirklich fördern –, dann hat man langfristig eben auch eine Wirkung in die Gesellschaft hinein. Und das wird sich auch auf die polnische Sprache und das Zusammenleben auswirken. Ich binzuversichtlich, daß wir auf einem guten Weg sind“, so Helbig wörtlich.

Der Botschafter der Republik Polen in Berlin, Marek Prawda, unterstreicht die Bedeutung von „Oswiata“ im europäischen Integrationsprozeß: „Auch sie leistet ihren Beitrag dazu, daß Europa zusammenwächst, und – wie wir manchmal sagen – mit zwei Lungen atmen kann. Das frühere Europa mit einer amputierten Lunge ist keine Lieblingserinnerung der Polen. Deshalb freuen wir uns so, daß sich nun Ost und West ihre Geschichten erzählen können. ‚Oswiata‘ hat uns eine der wichtigen deutsch-polnischen Geschichten der letzten 20 Jahren erzählt.“

Arkadiusz Luba (KK)

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