Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1246.

Bescheiden, behutsam, beharrlich

Zum Tod eines Schriftstellers, der nie groß rausgekommen, sondern schlicht groß war und ist: Walter Kempowski

Man kann im Werk von Walter Kempowski Themengruppen ausmachen. Seine Familiengeschichte hat er in der literarischen Tradition eines Emile Zola zum zeitgeschichtlichen Panorama gestaltet. In neun großen Prosawerken hat er eine detailgetreue, in viele erhellende Einzelheiten verliebte Darstellung des 20. Jahrhunderts am Beispiel seiner Familie aus Rostock geboten.

Diese Epochenschilderung bei Kempowski enthält dann sein zweites Hauptthema: die Diktatur in ihrer härtesten Ausprägung, in ihrem Gefängnis. Mit 18 Jahren muß Walter Kempowski damit Bekanntschaft machen. Nach seiner achjährigen Haft in Bautzen 1948–1956 aus politischen Gründen wird er aus den vielen Facetten dieser eigenen Welt ein Mosaik zusammensetzen, indem er seine Erinnerungen in Archivmaterial detailbesessen zettelweise anlegt, um dann innerhalb dieser Zettelsammlung Sinnstränge aufzuzeigen. Die autobiographische Sicht auf seine Inhalte führt nicht zu zwanghaften Wiederholungen, sondern zu einer neuen Art der literarischen Vermittlung, die den Leser Erklärungen für das Geschehene selber suchen läßt.

Der Häftlingszeit voraus ging die Schilderung von Kempowskis Kindheit und Jugend vom Ende der dreißiger Jahre bis 1945, seinem 16. Lebensjahr. Die folgende Zeit in der „Zone“ unter sowjetischer Besatzung beschreibt er im Roman „Uns geht’s ja noch gold“ (1972), der mit der Verhaftung des 18jährigen Walter endet.

Kempowskis Jugendzeit endet im Gefängnis Bautzen. Das Leben und Überleben darin schildert „Ein Kapitel für sich“, dem dann der Roman „Aus großer Zeit“ (1978) folgt. Dieser bietet eine Rückblende in der Familienchronik, indem er das Leben seiner Großeltern nach der Jahrhundertwende ins Gedächtnis ruft. In „Schöne Aussicht“ wird die Spanne zwischen der „Großen Zeit“ und „Tadellöser & Wolff“ behandelt, 1985 in „Herzlich willkommen“ dann die Übersiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik und das Lehrerstudium in Göttingen. Als Bestandteile dieser weitgespannten Chronik sind auch die drei Befragungsbände „Haben Sie Hitler gesehen?“, „Haben Sie davon gewußt?“ und „Immer so durchgemogelt“ zu betrachten.

Mit seiner Ankunft in der Bundesrepublik stand Walter Kempowski vor neuen Herausforderungen. Die amtliche Anerkennung seiner politischen Haft wurde ihm verweigert, was ihn nach eigenen Angaben veranlaßte, sich über die Literatur Ersatz zu schaffen, eine vielleicht auch tiefenpsychologische Erklärung für seine Detailbesessenheit, seine „Treue im Kleinen“, seine Methode, die Realität so facettenreich wie möglich zu erfassen, um mit dieser Komplexität zu überzeugen.

In seinem Bildarchiv hortet er zirka 200000 Fotos und eine umfangreiche Sammlung von Biographien und Tagebüchern, darunter auch viele von Flüchtlingen, Vertriebenen, Spätheimkehrern und Aussiedlern. Eine Frucht unermüdlicher Sammlertätigkeit ist seine monumentale Veröffentlichung „Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch“ von 1943 bis 1949. Allein die Monate Januar und Februar 1943 füllen vier Bände dieser episch unwahrscheinlich breit dokumentierten Chronik, die von der Literaturkritik begeistert aufgenommen wurde.

Man würde Walter Kempowski bei aller Würdigung seiner akribischen Forschungstätigkeit und komplexen Gestaltungskunst aber nicht ganz gerecht, wenn man seine pädagogischen Bemühungen außer acht ließe. 1957 holt er das Abitur im Westen nach und studiert Pädagogik in Göttingen. Das Studium beendet er mit der für sein späteres Wirken und Werk grundlegenden Staatsexamensarbeit „Pädagogische Erfahrungen im Zuchthaus“, 1959 geschrieben.

Er heiratet die Kollegin Hildegard Janssen, das „Junglehrerehepaar“ geht 1965 an eine Zwergschule in Nartum bei Bremen. Nach der Schließung dieser Landschule läßt er sich an die Mittelpunktschule in Zeven und von da ab 1979 als Lehrbeauftragter für Kommunikation und Literatur an die Universität Oldenburg versetzen. Seinen Wohnsitz behält er aber weiterhin auf dem Land mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. In seine Kinderbücher „Der Hahn im Nacken“ (1973) und „Alle unter einen Hut“ (1976) fließen seine pädagogischen Erfahrungen ein, und im Porträt „Unser Herr Böckelmann“ (1971) bringt er einen „altmodischen“ Lehrer vor allem der älteren Generation nahe, wie der Erfolg bei den Eltern zeigt.

1980 gibt er sogar „Kempowskis Einfache Fibel“ heraus, in der seine erzieherischen Überlegungen zu einem Zusammenspiel von Einfühlungspädagogik und gelassener Wirklichkeitsbeobachtung nachvollzogen werden können.

Einfühlung und Beobachtung, Sensibilität und dokumentarische Akribie, das sind die Grundsätze, aus denen ein noch immer nicht in seiner ganzen Größe geschätztes Lebenswerk hervorgegangen ist. Allerdings hat Kempowski es noch erlebt, wie seine lautere, doch nie laute, bescheidene, doch nie sich bescheidende Stimme in einer literarischen Öffentlichkeit an Resonanz gewann, in der auch das Weghören gepflegt wird.

Ingmar Brantsch (KK)

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