Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1274.

Beschwert weder von Klischees – noch von Geschichtsbewußtsein

„Ich habe weder polnische Vorfahren noch einen Onkel im Bund der Vertriebenen. Ich komme einfach nur aus Wuppertal." So locker stellt sich Steffen Möller, Jahrgang 1969 und seit 1994 in Polen lebend, vor. Dort hat er es zu einem Fernsehstar in Unterhaltungssendungen gebracht. Nach eigenem Bekunden gilt er nach dem Papst als zweitbest bekannter Deutscher – nicht etwa Erika Steinbach. Für seine Verdienste um das deutsch-polnische Verhältnis erhielt er 2005 das Bundesverdienstkreuz.

Möller schreibt in sehr lockerer und fröhlicher Weise seine ganz persönlichen Eindrücke über sein Gastland und die Mentalität der Menschen dort nieder. Es sind Erfahrungen aus mehr als einem Jahrzehnt in Polen, also keine Augenblickseindrücke eines Kurzaufenthaltes, aber auch nicht Einschätzungen, die man unbedingt teilen muß. Er gliedert sein Buch nach Schlagworten von A bis Z , in denen er über Erlebnisse und Impressionen berichtet, aber auch über Unterschiede und/oder Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Polen reflektiert.

Einige Beispiele seien genannt. Das von einem Geistlichen geführte und landesweit bekannte „Radio Maryja" bezeichnet Möller als einen Hort des Fanatismus. Es ergriff 2005 zur Sejm-Wahl Partei für die Brüder Kaczynski – nicht ohne Erfolg, wie wir wissen. Folgender haarsträubender Dialog zeigt das Niveau: „Hörer: In Ausschwitz gab es niemals Gaskammern. Das ist doch nur Propaganda der amerikanischen Homosexuellen-Lobby. Radio Maryja: Wohl eher der jüdischen Lobby! Hörer: Läuft das nicht auf dasselbe hinaus?" Nicht nur als Deutscher ist man sprachlos. Die Bedeutung dieses Senders, der überwiegend von der älteren Landbevölkerung gehört wird, hat allerdings nach Möllers Beobachtungen in letzter Zeit erheblich abgenommen.

Der Autor beschreibt zahlreiche Alltagssituationen, in denen er unterschiedliche Mentalitäten aufzuzeigen versucht. Polnische Herzlichkeit gegen deutsche Sachlichkeit, die Polen als Individualisten und Meister der Improvisation. Polen zeigen in der Regel keine Aggressionen, im Gegensatz zu Deutschen – wohlgemerkt, mit Beispielen kann viel behauptet werden, der Leser mag andere Eindrücke gesammelt haben. Auch die eher entspannten Assoziationen zum polnischen Kommunismus – „die lustigste Baracke im Lager des Sozialismus" – widersprechen naturgemäß deutschen Erfahrungen. Was allerdings auch einen Leser mit einer ostdeutschen Biographie in diesem Buch interessieren dürfte, ist die Einstellung eines Westdeutschen des Jahrganges 1969 zur jüngeren deutschen Geschichte.

Möller beschreibt völlig richtig, was jeder Polenreisende aus Deutschland bestätigen kann, daß man an vielen Orten mit Zeugnissen der deutschen Geschichte konfrontiert wird. Er meint aber damit nicht in erster Linie die unzerstört gebliebenen oder restaurierten Zeugnisse der deutschen Vergangenheit, sondern die Fanale des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Besatzungspolitik. Möller registriert aber auch, daß für sehr viele Menschen in Polen die sowjetische Besatzung bis 1990 eine durch und durch negative Erinnerung bedeutet, die manches frühere verdrängt.

Der Autor kann natürlich nicht als Anhänger des Bundes der Vertriebenen angesehen werden, das wurde unlängst deutlich, als er sich in der Talkshow von Anne Will äußerte. Die Vertreibungen von Millionen Deutschen und auch Polen sowie die kulturelle Substanz in den ehemaligen Ostprovinzen des Deutschen Reiches sind keine Themen, die ihn bewegen, irgendwie typisch für viele Angehörige seiner Generation in Deutschland. Allerdings beklagt er beim Stichwort „Tannenberg", in Polen „Grunwald", daß die Geschichte des Mittelalters an deutschen Gymnasien vernachlässigt wird.

Im Vergleich zu den Polen sind die Deutschen Geschichtsmuffel; unter dem Stichwort „Geschichte" bietet Möller sehr bedenkenswerte Überlegungen zum Unterschied zwischen Deutschen und Polen. Zusammenfassend sollte nochmals betont werden: Der Autor schreibt in lockerer, lebendiger und auch fröhlicher Weise; neben den persönlich gefärbten Erlebnissen und Eindrücken vermittelt er eine Fülle von Hinweisen und Ratschlägen – z.B. eine Topliste polnischer Touristenziele oder das Kapitel über Kulinarisches – für einen Besuch oder Aufenthalt in Polen. Ein etwas anderer Reisebegleiter eines deutschen Sunnyboys, den man mit Vergnügen und Schmunzeln lesen kann.

(KK)

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