Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1379.

Beständigkeit im Wechsel

Erinnerungen an 60 Jahre HDO – Gerhart-Hauptmann-Haus Düsseldorf

Östliche Emblematik vor westlich moderner, nüchterner Fassade: ein Modell des Danziger Krantors und glockenbewehrte Wappen ostdeutscher Landschaften
Bild: Gerhart-Hauptmann-Haus

Vielleicht hätten die verschiedenen Direktoren dieses Hauses Memoiren schreiben sollen. Es wäre ihnen wohl nicht schwer gefallen, da sie doch meist der Geschichte als Wissenschaft oder der Literatur und dem Bibliothekswesen von Haus aus und Berufs wegen sehr nahe standen.

Auch zum deutschen Osten, dem alten Ostdeutschland, hatten sie deutliche Verbindungen, einen mehr oder (zum Teil auch) weniger deutlichen „Vertriebenenhintergrund“, keinen Migrationshintergrund, denn vom Osten in den Westen gewandert waren sie ja nicht. Dass das Haus des Deutschen Ostens in der Bismarckstraße errichtet wurde, war wohl Zufall – oder wollte man Ankunft und Abfahrt der Vertriebenen durch die Nähe des Hauptbahnhofs erleichtern?

Im Laufe seines Bestehens veränderte sich einiges im Haus, das Personal wechselte auf allen Ebenen, die Besucher und Freunde ebenfalls. Am beständigsten erwies sich die Bibliothek, auch wenn hier das digitale Zeitalter anklopft.

In der Frühzeit des Hauses hatten alle ostdeutschen Vertriebenenverbände Jugendgruppen, die ihre Heimatabende, ihre Feiern und Feste im Haus begingen. Dabei gab es stets Wahlfreiheit zwischen Fortbildung und Volkstanz, dieser sogar noch in Trachten, welche die Vertreibung überstanden hatten. Das jugendliche Treiben wurde vom Vorstand des Hauses und dem Direktor stets sorgfältig überwacht. So erinnere ich mich daran, dass die Abbildung eines walzenden Paares mit ausgeprägten weiblichen Formen den Zorn der Leitung erregte! Das Verdammungsurteil konnte allerdings nicht aufrechterhalten bleiben, da es sich um eine Zeichnung von Heinrich Zille handelte. Man konnte auch nicht von jedem quasi professionelles Kunstverständnis erwarten.

Das äußerte sich auch einmal bei einer Theateraufführung, als einer Schauspielerin – vielleicht waren es Hauptmanns „Weber“ – ein Hustenanfall so naturgetreu gelang, dass der Hausmeister Joppien, ein biederer Ostpreuße, hilfsbereit auf die Bühne eilte und den Charakter des Stückes massiv beeinflusste, und das ohne jede theatralische Vorbildung.

Nach dem ersten Direktor Professor Dr. Ernst Birke, einem gebürtigen Schlesier, kam das Haus dann für lange Zeit in sudetendeutsche Hände und wurde sowohl in der Leitung wie in der Verwaltung stark sudetendeutsch-österreichisch geprägt. Das erleichterte vielen den Zugang und wurde mit der rheinischen Oberleitung ein sehr harmonischer Abschnitt. Nur das Gastgewerbe konnte trotz österreichisch-kroatischer Hilfskräfte nicht mehr so recht gedeihen, was vielleicht an der Sparsamkeit der Besucher oder der zu hohen Pacht lag. Jedenfalls war die Schließung ein herber Verlust, denn in der Rübezahl-Stube war so manche wichtige Besprechung mit Budweiser, Karlsbader Becherbitter oder Pillkaller (den uns der BdV-Geschäftsführer Vollbrecht beibrachte) wirksam abgeschlossen.

Die Amtsleitung nach Oskar Böses Abschied blieb auf viele weitere Jahre in altösterreichischer Tradition. Mit dem Banater Walter Engel wandte sich das Haus nun mehr der Literatur und ihren bekannteren und weniger bekannten Vertretern zu, vor allem den Südosten lernten Wissbegierige damals gründlich kennen. Der rumänische Kommunismus war durchaus kein Hindernis für den Wunsch, das Banat und Siebenbürgen zu erkunden. Allerdings fiel es uns Westlern schwer, die von Ceausescu angeordnete 10-Uhr-Sperre einzuhalten, was zu kleineren Reibereien mit der Staatsmacht führte.

Und wie gefährlich der Dienst am Vaterland damals gewesen ist, zeigte das für Bukarest verheerende nächtliche Erdbeben von 1977 in der Schulerau (Poiana) oberhalb von Kronstadt (Brasov), als uns die rumänische Miliz mit vorgehaltener Maschinenpistole das Verlassen des durchgerüttelten Hotels verbieten wollte. Einige von uns haben sich dann durch Spionageausflüge ins Szeklerland gerächt, und bei der Bewachung konnte uns ja nichts passieren. Und Zuica, den rumänischen Pflaumenschnaps, gab es eigentlich immer!

Legendär wurde auch eine Fahrt mit 70 Teilnehmern in einem Doppeldecker-Bus durch Pommern, West- und Ostpreußen, Polen, Ober- und Niederschlesien. Der Fahrer hatte die Karten vergessen, die Unterführungen in Pommern waren zu niedrig, und die Alleebäume hingen zu tief über die Straßen, sodass man das weite Land ausgiebig „erfahren“ durfte.

Diese Ostkontakte erfuhren dann ihre Dokumentation in der durchaus nicht von allen gewünschten Namensänderung in „Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-Osteuropäisches Forum“. Und hier sei unbescheiden, aber noch einmal deutlich angemerkt: Die beiden Neubenennungen stammen von mir. Ich schweige von dem geheimen Gutachten über den Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, das die damalige NRW-Landesregierung in Auftrag gab. Dem Zusatz stimmte Staatssekretär Bodenbender im Aufzug zu.

Auch von einer Studienfahrt nach Ostpreußen wäre noch einiges zu erzählen, aber das kann beim nächsten Jubiläum vom derzeitigen Leiter Winfrid Halder nachgeholt werden, der uns und das Gerhart-Hauptmann-Haus schon geraume Zeit begleitet; hier streikt meine Feder und meint, man müsse auch als Zeitzeuge ganzer 60 Jahre nicht alles ausplaudern.

Rüdiger Goldmann (KK)

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