Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1278.

Bewährtes unter neuem Namen

Stiftung deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR

Wer in der Welt wirken will, muß verständlich sein. Dies gilt für unsere Arbeit in besonderem Maße: Wir wirken durch Publikationen, Ausstellungen, Tagungen und Wettbewerbe. Mit mißverständlichem Namen steht man der Wirksamkeit im Wege.

Wer heute in der Öffentlichkeit von Ostdeutschland spricht, muß sich näher erklären, wenn er damit nicht die neuen Bundesländer meint, die seit 1990 zur Bundesrepublik Deutschland gehören. Wenn er sich, wie wir in unserer Arbeit, auf die historischen Reichsgebiete östlich der heutigen deutsch-polnischen Grenze an Oder und Görlitzer Neiße und auf die früheren deutschen Siedlungsgebiete in Mittel- und Osteuropa bezieht, erregt er damit ein Mißverständnis.

Natürlich ist der Begriff Ostdeutschland für den historischen deutschen Osten ein legitimer Begriff. Schließlich haben diese Gebiete nicht nur sieben Jahrhunderte zum Siedlungsraum des deutschen Volkes gehört, sie waren auch in diesen Jahrhunderten Keimzellen kultureller Hochleistungen unserer Nation. Aber wer erwartet, daß man von einer respektablen Vergangenheit spricht, wenn man in einer radikal veränderten Gegenwart lebt, die nun schon über ein halbes Jahrhundert, also, wenn man so will, in der Lebenszeit zweier Generationen Realität ist?

Wir wollen den Auftrag des Paragraphen 96 BVFG erfüllen, den Beitrag der Vertreibungsgebiete zur deutschen Kultur im Bewußtsein des deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten. Das ist nach den eingetretenen Veränderungen, sowohl was die heute dort lebenden Menschen als auch was die staatsgebietlichen Zugehörigkeiten betrifft, nur in Zusammenarbeit mit unseren östlichen Nachbarn möglich. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe erweckt der Name „Ostdeutschland" bei unseren polnischen und russischen Nachbarn Vorstellungen von einer erwünschten Wiederherstellung der alten Verhältnisse und läßt zugleich die Erinnerung an die Untaten des NS-Regimes während des Krieges wieder wach werden. Auf unserer Seite dagegen kommt die menschenrechtswidrige Vertreibung der Bewohner der ehemaligen Reichsgebiete mit den erlittenen Grausamkeiten und ihrem ganzen Elend wieder neu ins Bewußtsein.

So ist es für die geschilderten, ohnehin schwer zu erfüllenden Aufgaben eine Erleichterung, wenn wir statt des bisherigen Namens „Stiftung Ostdeutscher Kulturrat" die Bezeichnung wählen: „Stiftung deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR". So ist es nach umfassenden Diskussionen in allen Organen unserer Stiftung schließlich einstimmig beschlossen und von den zuständigen Behörden genehmigt worden. Trotz dieser Erleichterung bleibt die Erfüllung unserer Aufgaben schwer genug. Wir wollen zwar mit dem Ausdruck „deutsche Kultur" sowohl die kulturellen Leistungen und die Wiederherstellung immobiler Zeugnisse der Vergangenheit als auch die gegenwärtigen kulturellen Begegnungen ansprechen, aber es kann keinen Zweifel daran geben, daß auch in diesem Falle die Gegenwart durch das unmittelbare Erleben die Vergangenheit zurücktreten läßt. Auf der anderen Seite hilft gerade die Präsenz gegenwärtiger kultureller Leistungen im jeweils anderen Land, den Wert der nachbarlichen Bemühungen ins Bewußtsein zu rücken und zur Grundlage einer schönen Regelmäßigkeit zu machen.

Insbesondere im Bereich der neuen Gebietserwerbungen unserer Nachbarn (Polen und Rußland) wird damit auch die jahrhundertealte deutsche Vergangenheit immer wieder sichtbar. Wer das Land besitzt, ist auch täglich mit der Geschichte dieses Landes konfrontiert.

Viel schwieriger ist der nachhaltige Blick auf die deutsche Kultur früherer Jahrhunderte im östlichen Europa in unserem eigenen Volke im Rahmen der jetzt gültigen Grenzen. Hier verlangt die Erfüllung der Aufgaben ein unverdrossenes Bemühen, das Denken in historischen Dimensionen in das gegenwärtige Leben einzubeziehen. Der Annäherung an dieses Ziel wird daher auch künftig ein ebenso großer Teil unserer Arbeit gewidmet sein.

Europa kann durch die Erinnerung an die geschichtlichen Leistungen des deutschen Volkes im Osten nur reicher werden, wenn diese Erinnerung auch in unserem eigenen Volke lebendig erhalten wird. Alle Beteiligten werden gewinnen, wenn die Gesamtheit der erforderlichen Anstrengungen in einer Atmosphäre freudigen gemeinsamen Tuns und Lebens erfolgt.

Der Osten Europas ist durch 45 Jahre kommunistischer Herrschaft zu einem Entwicklungsraum geworden, in dem selbst der Wiedergewinn bürgerlicher Freiheiten noch lange nicht zum Abschluß gekommen ist. Durch die Belebung unserer kulturellen Wurzeln in diesen Gebieten können wir dazu beitragen, daß die Fruchtbarkeit von Begegnungen und Verbundenheiten in Zukunft zu schöner Entfaltung kommt.

Eberhard Günter Schulz (KK)

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