Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

Bewusstsein ist ein Ganzes

Amputation als kulturelles Vergehen

Raum der Be-Geisterung:
Wenzel Hablik, Dom-Inneres – Festhalle, Gondelkanal, Wasserkünste, leuchtende Gasglasballons. 1921. Öl auf Leinwand, 132 x 95 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 14402. Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Jubiläumsjahre bringen es an den Tag: Die Verkürzung der deutschen Geschichte auf das Geschehen im Gebiet der heutigen Bundesrepublik schreitet im Bewusstsein der Öffentlichkeit hierzulande erschreckend voran. Die Ausblendung der Geschehnisse in den ehemaligen östlichen Provinzen erfolgt selbst da, wo die dortigen Ereignisse grundlegend oder entscheidend für die weitere Entwicklung auch im Westen waren.
Das erlebten wir im Jahr 2013, in dem sich der Beginn der Befreiungskriege gegen die napoleonische Vorherrschaft in Mitteleuropa zum 200. Mal jährte. In dem Prozess der Herausbildung eines nationalen Selbstverständnisses der Deutschen spielten die Ereignisse des Jahres 1813 eine entscheidende Rolle. Der Kampf gegen die französische Besatzungsherrschaft unter Napoleon Bonaparte seit 1813 setzte auch eine politische Bewegung frei, welche die Ordnung Deutschlands und Europas im 19. Jahrhundert maßgeblich prägte und bis heute nachwirkt.

Bedeutend ist der „ostdeutsche“ Anteil am Geschehen des Jahres 1813. Das betrifft sowohl die handelnden Personen mit ihren starken Verbindungen zu den östlichen Provinzen Preußens, also die den Wiederaufstieg Preußens ermöglichenden Reformer und die zur Volkserhebung gegen die Fremdherrschaft aufrufenden Intellektuellen, als auch Orte wie das an der preußisch-russischen Grenze gelegene Tauroggen, wo am Jahreswechsel 1812/1813 die Konvention geschlossen wurde, die das gegen Napoleon gerichtete Bündnis zwischen Preußen und Russland einleitete, oder Königsberg mit dem Beschluss der Stände Ostpreußens vom 7. Februar 1813, eine Landwehr zum Schutze der Heimat aufzubauen, oder Breslau, wo König Friedrich Wilhelm III. am 17. März 1813 den Aufruf „An mein Volk“ erließ, der den Beginn der gesamtdeutschen Erhebung markierte.

Im Jubiläumsjahr 2013 keinerlei Gedenken, sondern nur tiefes Schweigen von der deutschen Politik wie ebenso von der Öffentlichkeit hierzulande zu all den Jahrestagen dieser Ereignisse, die doch sowohl für die Nationsbildung der Deutschen wie für die Demokratiebewegung in Deutschland anstoßgebend und wichtig waren. Keine parlamentarische Gedenkstunde, kein großer wissenschaftlicher Kongress zu der Thematik. Nicht einmal eine Briefmarke der Post für die Konvention von Tauroggen oder für die Stiftung des „Eisernen Kreuzes“ durch Friedrich Wilhelm III. im Frühjahr 1813 von Breslau aus. Nichts.

Erst im Herbst 2013, als die 200. Jahrestage der Ereignisse von 1813 auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik, nämlich in Sachsen, ankamen, änderte sich das Bild total. Jetzt brach ein wahrer Sturm des öffentlichen Gedenkens los. Jetzt gab es auch einen Staatsakt: Die sächsische Landesregierung richtete in dem mit hohem Millionenaufwand restaurierten Völkerschlacht-Denkmal bei Leipzig einen international besetzten Festakt aus, der europaweit Beachtung fand. Die Presse und das Fernsehen überschlugen sich mit Berichten und Dokumentationen. Die Post widmete der Völkerschlacht eine Sondermarke, und allerorten fanden nun in der Bundesrepublik zu den jeweiligen Jahrestagen der örtlichen Ereignisse lokale Gedenkveranstaltungen statt.

Die große öffentliche Aufmerksamkeit für die Ereignisse vom Herbst 1813 ist erfreulich und dem Geschehen durchaus angemessen. Schließlich besiegelte die Völkerschlacht bei Leipzig das Ende der Herrschaft Napoleons über Deutschland und Mitteleuropa und prägte damit die weitere deutsche und europäische Entwicklung. Aber die Völkerschlacht ist nicht der Anfang der Geschichte. Ohne Kenntnis des Vorgeschehens ist weder ihr Zustandekommen zu verstehen, noch ist die Folgeentwicklung zutreffend zu beurteilen. Daher ist es ein schwerwiegendes Versäumnis, dass die Wissenslücke im öffentlichen Bewusstsein über die vorentscheidenden Vorgänge im Osten weder im Jubiläumsjahr 2013 noch seither angegangen worden ist.

Die gleiche Ausblendung der Geschehnisse im Osten und Verkürzung der deutschen Geschichte auf den Raum der heutigen Bundesrepublik haben wir vier Jahre später beim Reformationsjubiläum erneut erleben müssen. Das Luther-Jahr 2017 war geprägt durch eine breite öffentliche Reflexion über das Reformationsgeschehen vor 500 Jahren und seine Auswirkungen bis zum heutigen Tag. Vorbereitet durch eine ganze Luther-Dekade in der evangelischen Kirche, begleitete eine schier unüberschaubare Fülle von Veranstaltungen, Luther-Feiern, Ausstellungen und Diskussionsrunden, auch in den Medien und nicht zuletzt im Fernsehen, allenthalben im Lande das Gedenkjahr. Viele der Luther-Stätten in Mitteldeutschland erstrahlten – mit Millionenaufwand restauriert und hergerichtet – in neuem Glanz. Diese große öffentliche Aufmerksamkeit gebührte dem Anlass, Martin Luthers berühmtem Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 in Wittenberg, einem Ereignis, das in seinen Auswirkungen auf Politik, Religion, Kultur und Gesellschaft weltgeschichtliche Bedeutung erlangen sollte. Entsprechend breit ausgefächert waren die Ansätze und Themen der Debatte.

Was dabei jedoch völlig in den Hintergrund trat oder ganz ausgeblendet wurde, war die Entwicklung der Reformation in den innerhalb und außerhalb der damaligen Reichsgrenzen gelegenen Landschaften des historischen deutschen Ostens, Regionen, die Wesentliches zum Durchbruch der reformatorischen Ideen beigetragen haben. Die evangelischen Landeskirchen dieser Regionen, die diesen Beitrag hätten leisten können, sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Vertreibung und Zerstreuung der Menschen, die sie einst trugen, zum großen Teil ausgelöscht worden. Die allgemeine Westorientierung der Republik verstellt ohnehin den Blick auf den Osten Europas.

Die einschlägigen Kulturinstitutionen haben sich mit ihren bescheidenen Mitteln bemüht, das Geschehen in den östlichen Regionen in das Reformationsgedenken einzubringen. In den allgemeinen Veranstaltungsprogrammen zum Luther-Jahr aber – seien sie staatlicher, kirchlicher oder kultureller Provenienz – suchte man ebenso wie in den allgemeinen Medien vergebens nach Ostpreußen und Schlesien, den böhmischen Ländern und Siebenbürgen. Der große international besetzte Fachkongress des Deutschen Historischen Museums in Berlin zum „Luthereffekt im östlichen Europa“ widmete von 19 Fachreferaten (Ost-)Preußen kein einziges; Schlesien und Böhmen kamen gerade einmal bei den Kirchenbauten zum Zuge, nur Siebenbürgen wurde reichlich thematisiert.

Diese Aussparung ist umso verwunderlicher, als aus diesen Regionen doch nicht nur wichtige Beiträge zum Reformationsgeschehen kamen, sondern eben dort, in Ostpreußen, die Lehre Martin Luthers ihren welthistorisch bedeutenden politischen Durchbruch erfuhr. Luther selbst hat die Entwicklung in Königsberg und Preußen als Wunder erlebt: Ausgerechnet der Staat des Deutschen Ordens tritt als erstes und dazu großes Territorium geschlossen zu der neuen Lehre über und wird 1525 das erste protestantische Fürstentum überhaupt. War denn der politische Durchbruch für die Reformation durch das Geschehen in Ostpreußen etwa kein „Luthereffekt“? Der Reformator jedenfalls kommentierte die Entwicklung mit dem Ausruf: „In voller Fahrt und mit prallen Segeln eilt das Evangelium nach Preußen!“ Erst zwei Jahre später folgt, ermutigt durch den Anstoß aus Preußen, die Landgrafschaft Hessen und dann erst Kur-Sachsen.

Das Reformationsjubiläum von 2017 war nur ein weiteres Beispiel dafür, wie deutsche Geschichte jenseits der Grenzen der Bundesrepublik hierzulande ausgespart und totgeschwiegen wird; das selbst dort, wo sie konstitutiv für die weitere Entwicklung auch im Westen war. Die Chance, die das Luther-Jahr geboten hätte, die Wissenslücken aufzufüllen, wurde leider nicht genutzt. Wenn wir Europa wirklich wollen, werden wir aber nicht umhinkommen, auch die Geschichte ernst zu nehmen, die in seinem östlichen Teil stattgefunden hat. Die im Mai anstehende Europawahl gibt Anlass, darüber nachzudenken.

Hans-Günther Parplies (KK)

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