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Ausgaben: Ausgabe 1269.

Bezaubernder Berserker

Lovis Corinth „trägt“, sogar zwei Ausstellungen in Folge an einem Ort

Über 20 000 Besucher haben die Retrospektive „Lovis Corinth und die Geburt der Moderne“, die seit dem 9. November 2008 in Kunstforum Ostdeutsche Galerie gezeigt wird, gesehen. „Die Corinth-Ausstellung verzeichnet damit einen enormen Publikumsanklang, der weit über Regensburg hinausstrahlt“, freute sich deshalb Ulrike Lorenz, die Direktorin des Kunstforums und Kuratorin. „In den sechs Wochen und knapp 35 Tagen der Ausstellung haben uns über 500 Gäste täglich aufgesucht – ein enormer Erfolg für unser Haus.“

Mit 102 Gemälden auf 1200 Quardratmetern Ausstellungsfläche ist die Regensburger Ausstellung nach Paris und Leipzig die letzte und zugleich größte Station des deutsch-französischen Ausstellungsprojekts zum 150. Geburtstag des großen Grenzgängers zwischen Tradition und Moderne. Die ambitionierte Finalstation lockt mit einem eigenen Profil: Über 30 neue Leihgaben in zehn farbstarken thematisch gegliederten Räumen laden ein, Corinth als unzeitgemäßen Vater der Moderne in seiner ganzen Bandbreite kennenzulernen.

Eine besondere Überraschung ist der so genannte „Katzenellenbogen-Zyklus“. In den sechs Gemälden, die seit den achtziger Jahren im Depot der Berlinischen Galerie lagerten, übersteigert Corinth Motive der Odyssee und der Rolandssaga zu grotesker Theatralität. Der brachiale und fast vergessene Figurenzyklus, den Corinth 1913 und 1914 als Auftragsarbeit für den Berliner Millionär Ludwig Katzenellenbogen schuf, wird nach einer aufwendigen Restaurierung zum ersten Mal einem breiten Publikum gezeigt.

Als „Nachtrag“ zur großen Corinth-Gemälde-Retrospektive, die noch bis zum 15. Februar in Regensburg zu sehen ist, eröffnet das Kunstforum am Donnerstag, dem 19. März, um 20 Uhr die Ausstellung „Corinth auf Papier“. Diese gibt einen intimen Einblick in die Werkgeheimnisse des Grenzgängers zwischen allen Stilen. Annähernd 500 Papierarbeiten von Lovis Corinth beherbergt die Graphische Sammlung des Kunstforums. Sie waren noch nie in einer repräsentativen Überblicksausstellung zu sehen. Zu dem reichen Fundus gehören Aquarelle, Zeichnungen, Druckgraphiken – darunter Farblithographien, feinlinige Radierungen oder expressive Kaltnadelarbeiten – sowie Skizzenbücher und illustrierte Bücher, etwa zu Goethe und Schiller. Die außerordentlich hohe Zahl der Werke und deren mediale Vielfalt machen das Museum zu einer der bedeutendsten Corinth-Sammlungen weltweit.

Viele der Arbeiten wurden aus dem direkten Umfeld des Künstlers erworben, etwa von seiner Frau Charlotte und später von seinen Kindern Wilhelmine und Thomas. Damit erklärt sich auch die durchweg hohe Qualität der Zeichnungen, aber auch die ungewöhnlich große Zahl von Probe- und Zustandsdrucken. „Diese Arbeiten sind nicht einmal in den Werkverzeichnissen des Künstlers genannt“, so der Kurator der neuen Schau, Roman Zieglgänsberger, „und stellen dadurch ,unentdeckte‘ Besonderheiten und kleine Schätze dar. Corinths Zeichnungen zu Schillers Gedicht ,Der Venuswagen‘ beispielsweise waren bislang völlig unbekannt.“

Einen weiteren Höhepunkt der Sammlung bilden elf frühe, noch unveröffentlichte Skizzenbücher, die bis zu 30 Seiten umfassen. Sie demonstrieren Corinths schier unerschöpflichen Ideenreichtum. Gleichzeitig zeugen sie davon, daß der Künstler – vor allem als Graphiker – immer wieder um seinen Gegenstand gerungen und sein großes Können erst durch stete Übung in diesem Medium erlangt hat.

Die thematisch gegliederte Schau zeigt seine Selbstbildnisse und Bilder aus dem privaten Umfeld des Künstlers, Portraits seiner Freunde und Künstlerkollegen, zahlreiche biblische, mythologische oder genrehafte Szenen und nicht zuletzt die reizvollen späten Walchenseelandschaften Corinths. Dazu meint Zieglgänsberger: „Besonders die späten experimentellen Druckgraphiken und Zeichnungen vom Walchensee fangen auf beeindruckend moderne Weise die spezielle Atmosphäre der oberbayerischen Voralpenlandschaft ein. Hier wird die große Bedeutung Corinths für die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders augenscheinlich – nach dem großen Erfolg und der überwältigenden Publikumsresonanz der Corinth-Retrospektive kann der Besucher nun einen Blick hinter die Kulissen des malenden Lovis Corinth werfen.“

(KK)

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