Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1216.

Bibliographische Anteilnahme

Axel Dornemann hat die Literatur zu Flucht und Vertreibung erschlossen und dem Mitteilungsbedürfnis der Betroffenen ein Denkmal gesetzt

Es ist bemerkenswert und erstaunlich, daß zur Zeit, also 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und seiner furchtbaren Folgen von Flucht und Vertreibung der mehr als 12 Millionen Menschen aus den ehemals deutschen Ostprovinzen, dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte, das jahrzehntelang eher tabuisiert und lediglich in Kreisen der Heimatvertriebenen präsent blieb, nun im deutschen Kulturleben intensiv thematisiert wird. Die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (2005/06) oder Guido Knopps Fernsehserie und sein Buch „Die große Flucht“, das, 2001 erschienen, 2004 bereits die dritte Auflage erlebte, sind deutliche Signale.

Auf literarwissenschaftlicher Seite stellt sich Axel Dornemanns Bibliographie zu diesen herausragenden Merkzeichen des neuerwachten Interesses an Flucht und Vertreibung. Es ist die erste umfassende Bestandsaufnahme zu diesem Thema. Mit ihren fast 2000 Titeln vermittelt sie eine Ahnung davon, wie tief das Leid der Betroffenen und wie bedrängend das Bedürfnis war und immer noch ist, dem schicksalhaften Geschehen und der verlorenen Heimat mit allem, was sie an Liebenswertem und Sicherheit Bietendem besaß, im Wort Dauer zu verleihen.

Um es vorweg zu sagen: Dornemanns Bibliographie ist eine großartige Leistung. Sie stellt die literaturwissenschaftliche wie auch die geschichtswissenschaftliche Arbeit endlich auf eine solide und umfassende bibliographische Grundlage, ist aber auch für alle, die sich diesem Thema mit Interesse zuwenden, eine wahre Fundgrube für literarische Entdeckungen und eine Quelle anregender Perspektiven. Denn die Bibliographie verzeichnet nicht nur die Produkte bekannter und weniger bekannter Verlage, sondern auch die sogenannte „graue Literatur“, Arbeiten also, die im Selbstverlag, in nicht weit verbreiteten Sammelbänden etc. oder im Verfahren des „Printing on Demand“ (Drucken auf Nachfrage) veröffentlicht wurden.

Die Bibliographie beschränkt sich auf Prosaliteratur (also Romane, Erzählungen, Novellen, aber auch Autobiographien, Reiseberichte, Briefe, Jugendbücher) und auf erzählende Erlebnisberichte. Erfaßt werden Werke mit dem Handlungsraum Schlesien und Oberschlesien, Pommern, Ostpreußen, Ostbrandenburg, Sudetenland, Westpreußen, Posen und Warthegau. Diese Namen werden auch als Hinweise auf den Handlungsraum des jeweiligen Werkes bei der Titelangabe und als Ordnungskriterium im „Register nach Vertreibungsgebieten“ verwendet.

Das Hauptcorpus des Werkes bilden die alphabetisch nach Verfassernamen geordneten, fortlaufend numerierten bibliographischen Angaben zu 1894 Einzelwerken. Es folgen Nachträge und ein Verzeichnis der Sammelwerke und Anthologien, so daß, wie schon erwähnt, fast 2000 Titelnachweise zusammenkommen. Vermerkt werden, wie üblich, der Verfassername, gegebenenfalls das Pseudonym, die Lebensdaten in Jahresangaben, Haupt- und Untertitel des Buches, Erscheinungsort, Verlag, Erscheinungsjahr, Umfangsangabe, gegebenenfalls Angaben über den Sammelband, in dem das Werk erschienen ist. Über diese üblichen Angaben hinaus erscheint ein Hinweis auf die literarische Form (z.B. Roman), und es wird das Vertreibungsgebiet genannt, aus welchem der Protagonist des Werkes geflohen oder vertrieben worden ist. Wenn möglich, wird auch die entsprechende Region oder Stadt genannt.

Besonders hervorzuheben ist, daß die meisten Titel mit einer kurzen Annotation versehen sind. Es handelt sich um inhaltsbezogene Informationstexte, auch Werbetexte der Verlage. Bisweilen aber wurden Zitate zur Kennzeichnung des Werkes aufgenommen, die aufhorchen lassen. So z. B. ein Zitat aus dem Essay „Ich erinnere mich…“ von Günter Grass: „So ist mir die verlorene Heimat zum andauernden Anlaß für zwanghaftes Erinnern, das heißt für das Schreiben aus Obsession geworden. Etwas, das endgültig verloren ist und ein Vakumm hinterlassen hat, das mit dem Surrogat der einen oder anderen Ersatzheimat nicht aufgefüllt werden konnte, sollte auf weißem Papier Blatt für Blatt erinnert, beschworen, gebannt werden, und sei es verzerrt, wie auf Spiegelscherben eingefangen.“

Es sind solche Annotationen, die dazu beitragen, daß Dornemanns Buch mehr ist als eine exzellente Bibliographie. Sie wird zu einem einführenden Handbuch, das für das schwer überschaubare Gebiet der Vertreibungsliteratur die notwendigen Wissensvoraussetzungen vermittelt und über die verschiedenen Erarbeitungsansätze informiert.

Dazu trägt neben den Annotationen vor allem die Einleitung bei. Sie beginnt mit dem einfühlsamen Umreißen dessen, was Flucht und Vertreibung für den einzelnen Betroffenen an traumatischer Verletzung mit sich brachte. Es fehlen auch nicht Hinweise auf die erst vor wenigen Jahren entstandenen psychologischen Untersuchungen zur seelischen Dauerbeschädigung der Betroffenen, ihrer Kinder und Enkel. Hierzu gehört auch das Phänomen der Schreib- und Sprechblockade, das viele Vertriebene veranlaßte, ihr Leben lang oder viele Jahre hindurch über das zu schweigen, was ihnen widerfuhr. Damit einher geht die Tatsache, daß die Zahl der biographischen Berichte, die in den ersten Jahrzehnten nach 1945 entstanden, verhältnismäßig gering war, seit ca. 1980 aber anschwillt, so daß – statistisch nachweisbar – von einem Durchbruch der Flucht- und Vertreibungsliteratur gesprochen werden kann. Hier eröffnet sich ein breites Forschungsfeld für die Sozialpsychologie.

Die Einleitung bietet einen kurzen Abriß der historischen Gegebenheiten, in denen die Vertreibungsliteratur steht, und vermerkt auch die speziellen Vorgänge des Flucht- und Vertreibungsgeschehens in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Ostbrandenburg, dem Sudetenland, Böhmen und Mähren sowie Posen mit seiner komplizierten Geschichte. Auch auf Ostpolen wird eingegangen, dessen polnische Bevölkerung 1945 von der Sowjetunion in den von den Deutschen „gesäuberten“ Gebieten zwangsangesiedelt wurde. Eine Karte im Einband verdeutlicht die Hauptrichtungen der Flüchtlings- und Vertriebenenzüge und nennt die Zahlen in den Aufnahmegebieten.

Eine – allzu kurze – Überschau über literaturwissenschaftliche Arbeiten, vor allem solche mit bibliographischen Zusammenstellungen, erleichtert den Einstieg in die literargeschichtliche Aufarbeitung des Themas. Das betrifft auch die besondere Situation der Vertreibungsliteratur in der DDR. Die wenigen Hinweise dazu werden durch Verweise auf weiterführende Sekundärliteratur (S. XXII) ergänzt. Vielleicht geben die literaturwissenschaftlichen Zusammenstellungen den Anstoß dafür, daß diese Thematik an den Universitäten stärker als bisher Gegenstand von Forschung und Lehre wird.

Die lebhaft geschriebenen Anmerkungen zur Titelrecherche (S. XXIV–XXXI) enthalten viele Anregungen für alle, die sich dieses Themas annehmen und weiterführendes Quellenstudium betreiben wollen. Das zieht sich bis in den mit „Dank“ überschriebenen Erlebnisbericht über die bibliothekarische Sucharbeit des Verfassers hinein.

Am Schluß der Einleitung kommt jene Antriebskraft zur Sprache, die so oft für das Engagement ausschlaggebend ist: das individuelle biographische Verwobensein mit dem Thema. Der Autor schildert, wie er in den Lastenausgleichsakten seiner Großmutter die Schilderung eines verlorenen Paradieses findet „mit Pferde- und Schwimmteichen, Gärten und voll behangenen Obstbäumen“. Sie „gab den entscheidenden Anstoß zur Fertigstellung dieser Bibliographie“.

Natürlich bleiben Wünsche offen. Das ist bei einem solch umfangreichen und in der Breite der Zusammenschau Neuland betretenden Werk kein Wunder. Vor allem sollten die lyrischen und – wenigen – dramatischen Werke in einem weiteren Band erfaßt werden. Dasselbe gilt für die zwar anders gelagerten, aber doch eng verwandten Schicksale der Menschen in den deutschen Siedlungsgebieten in Rumänien, Ungarn, Rußland etc. Auch die literaturwissenschaftlichen Arbeiten sollten wesentlich ergänzt werden.

Sollte der Band soviel Nachfrage finden – was sehr zu wünschen ist! –, daß eine Neuauflage notwendig würde, so könnten folgende Monita hilfreich sein: Die literaturwissenschaftliche Aufarbeitung der einzelnen Titel ist ergänzungsbedürftig, denn es fehlen Angaben über weitere Auflagen, um die Bedeutung für die Rezeption kenntlich zu machen. Es fehlen auch Angaben zu Übersetzungen in andere Sprachen, vor allem aber aus anderen Sprachen. So geht z.B. aus den Angaben zu Stefan Chwins Buch „Tod in Danzig“ mit der überragenden Schilderung der Flucht der deutschen Bevölkerung und des Brandes der Stadt nicht hervor, daß es sich um die Übersetzung des Buches eines polnischen Autors handelt. Die Angaben zum polnischen Original müßten aufgenommen werden.

Für die literarwissenschaftliche Aufarbeitung wäre es auch wichtig, wenigstens bei den bedeutenderen Büchern auf Sekundärliteratur hinzuweisen. Dies würde für jeden, der sich neu mit dem betreffenden Autor beschäftigt, den Zugang erleichtern.

Daß trotz der Fülle des Gebotenen Lücken geblieben sind, ist absolut verständlich. So fehlt z. B. das seinerzeit recht bekannte Jugendbuch „Weltreise wider Willen“ von Hanna Stephan. Vielleicht könnte der Hiersemann Verlag eine Sammelstelle für Nachmeldungen einrichten, auch um Hinweise auf Werke zu ermöglichen, die nach dem Erscheinungsjahr der Bibliographie publiziert werden; denn die Bibliographie sollte sich zu einer weiterbetreuten Standardeinrichtung entwickeln.

Es ist klar: Die Erfüllung dieser und anderer Wünsche würde viel Zeit und Arbeitskraft kosten und hätte das Erscheinen des Bandes, wären sie denn vorab erfüllt worden, erheblich verzögert. Deshalb sollen Bedenken beiseite geschoben und nochmals Freude und Dankbarkeit geäußert werden; denn diese Bibliographie ist für die wissenschaftliche wie für die allgemein interessierte Beschäftigung mit ostdeutscher Literatur von hohem Wert und sie dokumentiert eines der schwierigsten Kapitel deutscher und europäischer Geschichte.

Axel Dornemann: Flucht und Vertreibung in Prosaliteratur und Erlebnisbericht seit 1945. Eine annotierte Bibliographie. Anton Hiersemann Verlag, Stuttgart 2005. XXXII, 376 S.

Roswitha Wisniewski (KK)

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