Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1337.

Bildung ist …

… das, das die meisten empfangen, viele weitergeben und wenige haben. Der Heiligenhof in Bad Kissingen arbeitet, damit das nicht so bleibt

Bildung-istIn der Bad Kissinger Bildungs- und Begegnungsstätte Der Heiligenhof ist seit 2003 auch die Akademie Mitteleuropa mit einem eigenen Bildungsangebot präsent. Der gemeinnützige Verein Akademie Mitteleuropa e. V. wurde seinerzeit vom Thüringer Staatssekretär Wolfgang Egerter und Dr. Günter Reichert, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, sowie weiteren langjährigen Weggefährten der Bildungsstätten des Sudetendeutschen Sozial- und Bildungswerks – Der Heiligenhof in Bad Kissingen und Burg Hohenberg in Hohenberg an der Eger – aus der Taufe gehoben. Ein Anliegen der Gründerväter war es, die Bildungsarbeit in diesen Häusern zu öffnen und zukunftsorientiert weiterzuführen. Dazu gehört ein akademischer Anspruch, also die Vernetzung mit deutschen und ausländischen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen sowie Hochschulen. Die Zielgruppen der Akademie Mitteleuropa sind insbesondere Studierende und Doktoranden, die sich mit der Geschichte und Gegenwart der Beziehungen zwischen Deutschen und den östlichen Nachbarländern bzw. der deutschen Minderheiten im östlichen Europa sowie der gemeinsamen Kultur und Werteordnung in Mitteleuropa beschäftigen.

Der geographisch nicht genau abgezirkelte Raum Mitteleuropa war bzw. ist ein Raum der Begegnung von Deutschen mit ihren östlichen Nachbarn – ein Raum, in dem über Jahrhunderte keine scharfen Grenzen gezogen waren, der durchlässig war für Ideen, Handel, Migrationen, wo sich Sprachen und Einflüsse überlappten. In diesen Regionen spielte bis zum Ersten Weltkrieg, vereinzelt auch noch danach bis in die Gegenwart, die deutsche Sprache als lingua franca eine besondere Rolle. Die beiden Weltkriege und ihre Nachwirkungen haben zur Bildung von weitgehend homogenen Nationalstaaten geführt. Es gab Umsiedlungen, Flucht, Vertreibungen von Deutschen aus ehemaligen Reichs- und Siedlungsgebieten. Der Eiserne Vorhang unterband für 40 Jahre die meisten gewachsenen Kontakte. Nach 1989 wurde versucht, neue Kontakte aufzubauen. Die heutigen Studentengenerationen sind allesamt nach dieser Zeitenwende geboren. Sie haben keine Erfahrungen mit einem totalitären System gemacht, kennen nur demokratische Verhältnisse sowie garantierte Bürgerrechte und -freiheiten. Für die jungen Menschen in Mitteleuropa gibt es nahezu keine Grenzen mehr. Die Abschottung gegen Ideen und Informationen funktioniert dank neuer Medien, vor allem des Internets und der mobilen Telefonie, nicht mehr. Studenten sind heute polyglott, studieren mit Hilfe europäischer Programme fast alle einige Zeit im Ausland, reisen in alle Kontinente. Beschränkungen, bestimmte Bücher zu lesen oder Filme zu schauen, gibt es im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr.

Die Akademie Mitteleuropa veranstaltet mittlerweile jährlich zehn bis zwölf zweibis fünftägige Seminare und hat eigene Bildungsformate entwickelt, die mehrfach im Jahr – im jährlichen Zyklus oder im Zweijahresrhythmus – in ähnlicher Form stets für ein neues Publikum und mit neuen Inhalten ablaufen. Hierzu zählen die Graduiertenkolloquien (bislang sechsmal), wo meist geistes- und sozialwissenschaftliche Doktoranden ihre Abschlussarbeiten vorstellen, die Nachwuchsgermanistentagungen Deutsche Regionalliteraturen (bislang acht Veranstaltungen), die Mitteleuropäischen Archivarstagungen (bislang vier Veranstaltungen), die Mitteleuropäischen Städteporträts (bislang drei Veranstaltungen), Dokumentarfilmseminare, Seminare zur deutsch-jüdischen Kultur- und Beziehungsgeschichte, Seminare zur deutschen Musikgeschichte im östlichen Europa etc. Ganz wichtig sind die Mitteleuropäischen Begegnungen oder die Beschäftigung mit Erinnerungsorten und -kulturen. Höhepunkte waren die internationalen Seminare mit simultanem Dolmetschen ins Tschechische, Polnische und Ungarische: Wertorientierungen in Politik und Wirtschaft (2007), Russland und Ostmitteleuropa (2009) sowie zur Rolle Mitteleuropas in Europa (2011). Alle anderen Veranstaltungen liefen in deutscher Sprache ab.

Für alle diese Maßnahmen wurden (meist) öffentliche Förderungen eingeworben, so vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Bundesministerium des Innern, dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, der Robert Bosch Stiftung, dem Deutsch- Tschechischen Zukunftsfonds, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, der Deichmann-Stiftung usw. Für die Bildungsarbeit der Akademie Mitteleuropa werden jährlich über 100 000 Euro benötigt. Bislang ist es – ausschließlich auf dem Wege der Projektförderung – stets gelungen, diese Mittel einzuwerben und die Veranstaltungen kostendeckend durchzuführen. Die Mittel werden für die Begleichung der Referentenreisekosten und Honorare, die Unterkunfts- und Verpflegungskosten sowie für Reisekostenzuschüsse der ostmitteleuropäischen Teilnehmer verwendet. Es werden davon keine Personalkosten bezahlt.

Am 7. November wird im Anschluss an die 8. Nachwuchsgermanistentagung, die sich in diesem Jahr mit der deutschböhmischen und deutschmährischen Literatur beschäftigt, ein Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Akademie Mitteleuropa begangen. Die Veranstaltung wird eröffnet durch Prof. Dr. Bernhard Prosch, Universität Erlangen-Nürnberg, dem Vorsitzenden des Akademie Mitteleuropa e. V. Es folgen Grußworte seitens des Kuratoriums sowie der Förderer. Im Fokus der Veranstaltung steht der Vortrag des Studienleiters Gustav Binder über zehn Jahre Bildungsarbeit. Danach folgt eine Lesung des Büchner- Preisträgers Reinhard Jirgl, Berlin, aus seinem Roman „Die Unvollendeten“ (2003). Abgerundet wird die Veranstaltung durch eine Diskussion zwischen Professor Dr. Ingeborg Fialova-Fürst, Olmütz, Professor Dr. András Balogh, Budapest, sowie Dr. Peter Becher, Schriftsteller und Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins, München, zum Thema Mitteleuropa – Gemeinsamkeiten und Widersprüche.

(KK)

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