Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1318.

Bis hin zu „allerley Insecten in Teutschland“

Der friderizianische Vernunftstaat begründete den Glauben an die Statistik

Wer weiß schon, daß der heutige Schweizer Kanton Neuenburg/Neufchatel, einst als Fürstentum ein Protektorat von Bern, der mächtigsten Stadtrepublik nördlich der Alpen, seit 1707 den preußischen König als Landesfürsten hatte? (Bedingt war dies
durch fast vergessene Erbrechte, die aber von mehreren europäischen Großmächten, dem Deutschen Reich und der alten Eidgenossenschaft 1707 anerkannt wurden.) Als
Friedrich II. 1740 dritter preußischer König wurde, ließ er seinen „lieben getreuen Untertanen zu Neufchatel“ ein Dekret zukommen , in dem er ihnen ausdrücklich erlaubte, sich auf ewig verdammen zu lassen, „wenn es ihnen denn ihr Glaube so geböte, soferne sie nur alle anderen in Frieden ließen, die nicht an Höllenstrafen glauben wollten“. Auch der König selbst wird nicht geahnt haben, daß dieses Dekret eigentlich die Gründungsurkunde des „Vernunftstaates Preußen“ und zugleich der Glaubensfreiheit wenigstens in Deutschland werden würde.

Bei Dekreten und Deklamationen ist der Vernunftstaat Preußen allerdings nicht stehengeblieben, sondern hat durch die Schaffung eines vernunftorientierten Klimas und durch konkrete Maßnahmen in Wissenschaft und Technik erstaunlich viel bewegt. Eine der Voraussetzungen war, daß Preußen ab 1754 – mit Ausnahme politischer, vor allem kabinettspolitischer Themen – eine weitgehend zensurfreie Presse hatte, in der es auch kritischen Geistern möglich war, über alles zu schreiben, was sie für publikationswürdig hielten. Das galt vor allem für die großen Bereiche der Naturwissenschaften und der Technik. Kein kirchliches Dogma konnte sie
mehr daran hindern.

Gleichsam das Flaggschiff dieses Vernunftstaates war die Preußische Akademie der Wissenschaften. Die in Berlin 1700 gegründete Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, aus der 1744 durch eine Anordnung Friedrichs II. die Akademie wurde, hatte einen fast skurrilen Anlaß: Die protestantischen Stände im Deutschen Reich beschlossen, mit dem Jahr 1700 die in katholischen Ländern längst vollzogene gregorianische Kalenderreform nachzuvollziehen. Bis dahin war noch der julianische Kalender verwendet worden. In Preußen sah man in der Berechnung und Herausgabe neuer Kalender sowohl eine wissenschaftliche Aufgabe wie ein „neues Geschäftsfeld“, nämlich den Vertrieb der neu ermittelten Daten auch über die Landesgrenzen. Die Einrichtung eines Observatoriums und die Verleihung des Kalendermonopols
gehörten dann auch zur – sonst preußisch bescheidenen – Erstausstattung. Immerhin war es die erste im alten Deutschen Reich überhaupt, für die man sich die Vorbilder aus London und Paris geholt hatte. Die Anregungen dazu kamen von Gottfried Wilhelm Leibniz, der 1711 auch der erste Präsident wurde.

Wie die älteren Akademien der Wissenschaften in London und Paris sollte die der
Berliner Gelehrten vor allem mathematische und physikalische Studien treiben und dabei Theorie und Praxis vereinen. Durch die Herausgabe des Kalenders und die Aufzeichnung meteorologischer Daten, die Ausarbeitung eines Lexikons von deutsch- und fremdsprachigen Begriffen und von Informationen über technische Neuerungen und nicht zuletzt die „Beschreibung und Ordnung von allerley Insecten in Teutschland“ entstanden vor allem die methodischen Grundlagen für die „Erfindung der Staats- und Regionalstatistik“ und dann der biologischen Statistik durch und in Preußen.

Die Akademie hatte in den Jahren vor dem Siebenjährigen Krieg gutachtliche Stellungnahmen abzugeben zu wissenschaftlichen Instrumenten, zu Sägen, Zahnrädern, optischen, astronomischen, meteorologischen Instrumenten, zu wind- und wasserbetriebenen Kraftmaschinen, zu Pumpen, Feuerspritzen, Sägewerken, Öfen, Brückenund Dammbauten. Nach 1763 rückten Probleme des wirtschaftlichen Wiederaufbaus in den Vordergrund: Die in Preisschriften abgehandelten Gebiete waren Instrumentenbau, mechanische Fragen des Militärwesens, Ballistik und Hydrodynamik, aber auch Methoden zur Energieeinsparung durch Holzsparöfen, die Chemie der Textilfarbgebungen, die Elektrizität und zunehmend die Landwirtschaft, etwa Besömmerung der Brache, Koppelwirtschaft, Verbreitung von Intensivfutterpflanzen wie dem Klee 1783 und dem Kartoffelanbau. Physiker der Akademie ließen 1783 die erste deutsche Montgolfière steigen, bauten 1784 den ersten Blitzableiter und 1794 den ersten optischen Telegraphen von Spandau nach Schloß Bellevue.

Nach dem Siebenjährigen Krieg hatte sich in Preußen die Chemie als „Lieblingswissenschaft“ durchgesetzt. Friedrich II. widmete der Chemie in der Akademie gleich bei der Reorganisation 1744 mehr Aufmerksamkeit.
Andreas Sigismund Marggraf, der den Zucker in der Rübenpflanze und zugleich
den „rechtsdrehenden Zucker“ entdeckt hat, erhielt eine feste Besoldung und ein neues Laboratorium. 1779 erhielt auch sein Schüler, Franz Carl Achard, ein Gehalt von der Akademie. Er war unter vielem anderem der Erfinder der industriellen Zuckergewinnung, damals zuerst aus „weißen schlesischen Rüben“. Selbst so kritische Zeitgenossen wie Mirabeau und Mauvillon charakterisieren Preußen in ihrer „Preußischen Monarchie unter Friedrich dem Großen“ gleichsam als Erfinder einer verwertbaren staats- und regionalwirtschaftlichen Statistik.

Der Hugenottennachfahre Franz Carl Achard hat die Übertragung kameralistischer Denk- und Datenmodelle auf biologische Vorgänge und deren Erfassung und Beschreibung mit statistischen Methoden möglich gemacht. Der Beginn dieser Arbeit lag noch in der letzten Lebenszeit von Friedrich II., der sie auch finanziell förderte. Die
Erfolge seiner Arbeiten haben den König sehr zufriedengestellt (was nicht vielen gelungen ist!), denn er gewährte ihm für seine Verdienste um die Verbesserung der inländischen Tabakkultur eine Pension von immerhin 500 Talern jährlich. Die Arbeiten an der Preußischen Akademie der Wissenschaften gehören zu den Grundlegungen der Leitideen und vor allem der Leitmethoden der modernen Biologie und damit
auch der Biotechnologie bis hin zur Gentechnik.

Natürlich werden durch diese Leistungen und ihre Fortwirkung die Maximen des
Machtpolitikers Friedrich II. nicht sanfter: „Gefällt dir ein Land, und du hast genügend
Soldaten, so nimm es dir!“ Die auch von ihm selbst verbreitete Kunde von seiner „Friedensliebe“ hat niemand besser gedeutet als Carl von Clausewitz: „Der Eroberer ist immer friedliebend, denn er zöge gern ruhig in unser Land ein!“ Der „große König“ wäre gleichfalls gern „ruhig“ in möglichst viele Nachbarländer eingezogen. Da es ruhig aber nicht möglich war, ist es dann mit Kanonendonner und großem Unglück im Gefolge geschehen. Doch neben dem Machtstaat ist auch der Vernunftstaat Preußen als Heimstatt für Realwissenschaft und Technik durchaus einen Gedanken wert.

Dietmar Stutzer (KK)

«

»