Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1268.

Blick zurück und ostwärts

Schon eine punktuelle Rückschau auf Ereignisse in der europäischen Öffentlichkeit des vergangenen Jahres zeigt, daß auch 2008 alle, denen Kultur und ihre Befreiung aus der Erstarrung des Kalten Krieges am Herzen liegt, zu manchen Hoffnungen berechtigt.

Januar
Zu Jahresbeginn gründen Esten, Deutsche und Freunde des Baltikums in Berlin einen Deutschbaltisch-Estnischen Förderverein e.V. Dieser wird als Trägerorganisation der Domus-Revaliensis-Tage in der estnischen Hauptstadt Reval (Tallinn) aus der Taufe gehoben, veranstaltet aber darüber hinaus auch andernorts Seminare, mit denen vor allem jüngeren Esten die deutschbaltischen Spuren in der Geschichte und Kultur ihres Landes vermittelt werden sollen (Kontakt: Babette Baronin v. Sass, Oehlertplatz 6, 12169 Berlin, Tel.: 030/79788686).

In Augsburg erscheint unter der redaktionellen Leitung des rußlanddeutschen Schriftstellers Waldemar Weber die erste Ausgabe der „Deutsch-Russischen Zeitung“. Das Blatt kommt monatlich heraus und berichtet in deutscher wie russischer Sprache schwerpunktmäßig über die Lage und die Perspektiven dieser Volksgruppe sowohl in der Bundesrepublik als auch in der Russischen Föderation und der gesamten GUS (DRZ-Media GmbH, Postfach 220361, 86183 Augsburg, Tel.: 0821/7957070, redaktion@dr-zeitung.de).

Februar
Mit Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg, wird ein Donauschwabe zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Zollitsch erblickte 1938 in Philippsdorf (Filipovo) in der Batschka im seinerzeitigen Jugoslawien das Licht der Welt. Im Jahre 1944 wurde er dort Augenzeuge eines Massakers durch Tito-Partisanen, bei dem 212 Bewohner, darunter sein älterer Bruder, umkamen. Erzbischof Zollitsch fühlte sich seinen donauschwäbischen Landsleuten stets besonders verbunden.

März
Nach jahrelangem Streit beschließt das schwarz-rote Regierungskabinett in Berlin ein „sichtbares Zeichen gegen Flucht und Vertreibung“ in der Hauptstadt. Damit rückt die Eröffnung einer deutschen Gedenkstätte für Vertreibungsopfer immer näher, zumal Kulturstaatsminister Bernd Neumann Anfang September wichtige organisatorische Einzelheiten bekanntgibt. Das offizielle Konzept für die 1200 Quadratmeter große Dauerausstellung im Berliner Deutschlandhaus unweit des Potsdamer Platzes sieht die Trägerschaft durch das in eine selbständige bundesunmittelbare Stiftung umzuwandelnde Deutsche Historische Museum in Berlin vor. Die Kosten für Umbau und Einrichtung des Gebäudes werden auf 29 Millionen Euro geschätzt, die laufenden Ausgaben auf jährlich 2,4 Millionen.

April
Bereits zum siebten Mal seit 1997 bereist der britische Thronfolger Prinz Charles Rumänien. Nach der Absolvierung eines politischen Pflichtprogramms in Bukarest geht die Fahrt in die Siedlungsgebiete der ungarischen Szekler und der Siebenbürger Sachsen. Insbesondere die Kirchenburgen, die mittelalterlich anmutenden Städte und die idyllischen Dörfer der Deutschen haben es dem traditionsbewußten Architekturliebhaber aus dem Hause Windsor seit Jahren angetan. Prinz Charles ist Schirmherr des 1987 in London gegründeten britischen „Mihai Eminescu Trust“, der nach einem bedeutenden rumänischen Dichter des 19. Jahrhunderts benannt ist. Diese Stiftung hat sich dem Erhalt des Kultur- und Naturerbes in Rumänien verschrieben und unter anderem größere Summen für Vorhaben in Sachsendörfern wie Deutsch-Weißkirch, Meschendorf, Radeln, Bodendorf, Klosdorf, Rauthal, Neudorf, Birthälm und Arkeden bereitgestellt. Man möchte diese und andere von ihren angestammten deutschen Bewohnern weitgehend verlassene Dörfer mit neuem Leben erfüllen. Hunderte alter Bauernhäuser und mehrere Kirchen konnten dank der Initiativen der Stiftung und ihrer Vorsitzenden Jessica Douglas-Home (aus der Familie des früheren britischen Premierministers Sir Alec Douglas-Home) bereits restauriert werden.

Hessens Europaminister Volker Hoff übergibt dem EU-Sprachenkommissar Leonard Orban eine Erklärung über die Benachteiligung der deutschen Sprache durch die Staatenunion auf administrativer Ebene. Zum Zeitpunkt der Übergabe unterstützen insgesamt 18 europäische Regionen und rund 50 Europaabgeordnete aus sechs Mitgliedsstaaten die Forderung Hessens nach einer Besserstellung des Deutschen, das von fast 100 Millionen Bewohnern der EU als Muttersprache gesprochen wird und damit noch vor den beherrschenden Verwaltungssprachen Englisch und Französisch liegt.

Hinter der Forderung nach sprachlicher Gleichberechtigung stehen neben vielen deutschen wie österreichischen Bundesländern auch die Autonome Provinz Bozen-Südtirol, die Deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien und die rumänischen Kreise Hermannstadt (Sibiu) und Temesch (Timis), aber auch Spitzenpolitiker wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).

Mai
Die deutsche Schule in Russe/Bulgarien feiert ihr 125jähriges Bestehen. Die von deutschen Einwanderern gegründete, derzeit über 1100 Schüler zählende Bildungsanstalt ist eine der ältesten Schulen Bulgariens und die größte ihrer Art auf dem gesamten Balkan. Nicht zuletzt trug sie entscheidend zur positiven Entwicklung der deutsch-bulgarischen Beziehungen bei.

Die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne übernimmt einen bedeutenden Teil des Nachlasses von Theodor Herzen. Herzen war ein deutscher Künstler aus Kirgisien, der mit seinen Illustrationen zum Nationalepos „Manas“, zum „Nibelungenlied“ und der berühmten Liebesgeschichte „Dshamilja“ von Tschingis Aitmatow international Anerkennung fand. Er gilt als der bedeutendste zeitgenössischen Künstler aus den Reihen der Deutschen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und verstarb 2003 in Hürth bei Köln.

Die Landsmannschaft Westpreußen organisiert für die deutsche Minderheit im Weichselland eine kulturhistorische Vortragsveranstaltung in Marienwerder. Es nehmen Delegierte der heute in Westpreußen bestehenden deutsche Vereine teil, darunter insbesondere jüngere Minderheitenvertreter, aber auch etliche offizielle polnische Lokalpolitiker. Im Vorfeld hatte es erstmals eine Sitzung des Bundesvorstandes der Landsmannschaft im Heimatgebiet gegeben.

Juni
Bei den Kommunalwahlen in Rumänien gelingen dem Demokratischen Forum der Deutschen erneut erstaunliche Erfolge. Im siebenbürgischen Hermannstadt (Sibiu) wird Klaus Johannis trotz des minimalen Bevölkerungsanteils der deutschen Minderheit in der 170000-Einwohner-Stadt mit 83 Prozent für eine dritte Amtszeit bestätigt. Im Kreis Hermannstadt amtiert mit Martin Bottesch künftig erstmals ein Deutscher als Präfekt. Insgesamt gibt es in Rumänien jetzt elf direkt gewählte deutsche Bürgermeister und über 40 Deutsche, die auf der Liste des Forums in Kommunalparlamente einzogen. In keiner anderen Region der Erde existiert eine ethnische Minderheitenpartei, die von der Mehrheitsbevölkerung an den Wahlurnen derart großes politisches Vertrauen zugebilligt bekommt.

Der Turm der evangelischen Stadtpfarrkirche von Bistritz (Bistrita) im rumänischen Nordsiebenbürgen geht in Flammen auf und wird weitgehend zerstört. Das Kirchenschiff und dessen Inneres weisen Schäden durch Brandspuren oder Löschwasser auf. Die Bistritzer Stadtpfarrkirche ist nicht nur das Wahrzeichen der Stadt, sondern eines der bedeutendsten Bauwerke Siebenbürgens und dessen deutschen Bevölkerungsteils überhaupt.

Mit der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Lenka Reinerová verstirbt im Alter von 92 Jahren die letzte große Vertreterin der deutschen Literatur in Prag. Das von ihr 2004 mitbegründete „Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren“ soll künftig auch mit offiziellen deutschen Zuschüssen gefördert werden.

Juli
Die französische Nationalversammlung ringt sich zu einer weitreichenden kulturpolitischen Entscheidung durch, indem sie im Rahmen einer großangelegten Verfassungsreform eine Änderung des Artikels 1 beschließt. Dort heißt es jetzt unter anderem: „Die Regionalsprachen gehören zum Erbe der Nation.“ Zuvor beinhaltete die Verfassung ausschließlich den lange Zeit unverrückbaren Grundsatz: „Die Sprache der Republik ist Französisch.“ Der Änderungsantrag war von elsässischen Abgeordneten der Regierungspartei UMP eingereicht worden.

August
Im Münchner Presseclub wird ein neues Europäisches Journal für Minderheitenfragen vorgestellt. Die Vierteljahreszeitschrift des Springer-Verlages erscheint zweisprachig (deutsch und englisch) in Wien unter der Herausgeberschaft von Prof. Dr. Christoph Pan – Leiter des Südtiroler Volksgruppen-Instituts in Bozen – und Prof. Dr. Dr. Franz Matscher, der u.a. als österreichischer Diplomat und Minderheitenexperte beim Europarat wirkte. Schriftleiterin ist Dr. Beate Sybille Pfeil, stellvertretende Vorsitzende des Südtiroler Volksgruppen-Instituts.

September
Der oberschlesische Ort Lubowitz (poln. Lubowice) erhält als erste Gemeinde mit deutschem Bevölkerungsanteil in der Republik Polen ein zweisprachiges Ortsschild. In Lubowitz, wo 1788 der berühmte romantische Dichter Joseph von Eichendorff zur Welt gekommen ist, stellen die deutschgesinnten Oberschlesier rund 20 Prozent der gut 300 Einwohner, was laut dem „Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten und Regionalsprachen“ von 2005 genau der erforderlichen Mindestquote für zweisprachige Beschilderungen entspricht. Weitere der seit Jahren herbeigesehnten bilingualen Schilder gibt es seit dem 8. September in Radlau im Kreis Rosenberg und in Czissek im Kreis Kandrzin-Cosel.

Die Ostsee-Akademie im Pommern-Zentrum Travemünde feiert ihr 20jähriges Bestehen. Die Lübecker Einrichtung ist der organisatorische Mittelpunkt der pommerschen Landsmannschaft im Bundesgebiet (Ostsee-Akademie Travemünde, Europaweg 3, 23570 Lübeck Telefon: 04502-803203, office@ostseeakademie.de).

Oktober
Auf einer Tagung des Verwaltungsrates des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Stuttgart stellt die Kultur- und Bildungseinrichtung „Collegium Bohemicum“ ein wichtiges Projekt vor: den Aufbau einer Museumssammlung zum Kulturerbe der deutschsprachigen Bürger Böhmens, die Bestandteil einer ständigen Ausstellung des Museums von Aussig (Ústí nad Labem) zur Geschichte dieser Volksgruppe werden soll. Die Eröffnung der Dauerausstellung ist für 2011 geplant.

November
Der demokratische Senator Barack Obama wird mit großer Mehrheit zum neuen US-Präsidenten gewählt. Unter seinen Vorfahren finden sich auch deutsche Einwanderer, namentlich ein Christian Gutknecht (1722 im elsässischen Bischweiler geboren, dann 1749 mit seiner Frau Maria Magdalena Grünholtz ausgewandert und 1795 in Germantown verstorben) sowie eine Familie Watzle, deren Spuren sich bis ins Jahr 1616 nach Heilbronn zurückverfolgen lassen.

Dezember
Im niedersächsischen Göttingen begeht die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) ihr 40jähriges Jubiläum. Präsident der GfbV ist der aus dem Sudetenland stammende Tilman Zülch, der innerhalb der Organisation dafür wirbt, auch das Unrecht an deutschen Vertreibungsopfern des 20. Jahrhunderts und die im östlichen Europa fortwirkenden Benachteiligungen heimatverbliebener Landsleute öffentlich zu machen. Die Gesellschaft für bedrohte Völker zählt rund 8000 Mitglieder (Kontakt: Geiststraße 7, 37073 Göttingen, Telefon: 0551/49906-0, info@gfbv.de).

Martin Schmidt (KK)

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