Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1331.

Literatur und Kunst

Böhmisch, bayrisch, Hanitzsch

Ausstellung einer Münchner zeichnerischen Institution

Böhmisch,-bayrisch1„Heute Hinrichtung“ steht an einem Schausteller-Stand von 1911 zu lesen, wo August Schichtl in seinem Varieté „Großkopferte und andere Hammel“ vorstellte. Das Ding steht in der Puppentheater-Sammlung des Münchner Stadtmuseums, 3. Etage.

Die heutigen Hinrichtungen anderer, subtilerer Art finden allerdings weiter hinten statt, in einem weiten Saal, mit erleuchteten Schaukästen und Vitrinen. Alles schön geordnet nach Überschriften wie „München“, „Franz Josef Strauß“, „Bayern“, „Quick-Zeit“ … Ein Rückblick auf 50 Jahre Münchner Hanitzsch-Karikaturen, wirklich: „Gut getroffen“ – und zu sehen bis zum 20. Mai.

Stühlchen warten auf Fernsehlustige. Auf dem Bildschirm ist er allgegenwärtig. Ihm zu Ehren hat man sich durchs Puppentheater-Labyrinth bis ins Heiligtum durchgeschlagen. Man kennt den Mann ja. Vom BR-„Sonntagsstammtisch“ (seit 2007), aus fast jeder „Süddeutschen Zeitung“ oder dem Bonner „Generalanzeiger“, von Buchumschlägen mit Autorennamen wie Dieter Hildebrandt. Und von einem Werbespruch, von dem allerdings nicht jeder weiß, dass er ihn erfunden hat: „Gut, besser, Paulaner“.

böhmisch,-bayrischPasst zu ihm, zu seiner Bierruhe, mit der er – trotz seiner Allgegenwärtig- und Umtriebigkeit – auftritt und seine Links- Mitte-Ansichten über Wort und Strich unters Völkchen bringt. Besonders mit Strich. Denn der gelernte Bierbrau-Ingenieur Dieter Hanitzsch hat einmal, das ist Jahre her, den Nebenjob zum Hauptberuf gemacht. Er ist als „Super-Kari“ einer der Ersten in der Riege der Bleistift-Derblecka. In der FJS-Ära hatte D. H. Riesenspaß an dem Schwoischädl des triumphalen Bayernregenten, dessen CSU-Gewalt unerreicht bleibt. Deshalb gehören Hanitzschs FJS-„Buidln“ zu den am meisten belachten in der Schau, die man dem Jubilar zum Achtzigsten ausgerichtet hat.

Seltenes ist zu sehen: Eine Spielkartenserie zum LBS-WM-Fieber mit Abgeordneten Figuren als Fußballer und FJS als Halleluja-Engel auf Wolkenbett. Oder das Blatt „Koalitionsvereinbarung“, Satire Nr. 20/91 aus der „Quick“, für die Hanitzsch 13 Jahre lang zeichnete. Text: „Nach der Wahlniederlage der CDU 1991 in Rheinland-Pfalz droht der bayerische Ministerpräsident Max Streibl mit dem Austritt der CSU aus dem Kabinett Kohl. Der weiß natürlich, dass er mit der FDP auch ohne die CSU regieren könnte.“ Hanitzsch kannte/kennt sich politisch gut aus, war er doch von 1964 bis 1985 Journalist. Auch ein rares Stück, das Bonmot vom Hanitzsch-Spezl Dieter Hildebrandt: „Er ist einer der wenigen Karikaturisten, die zeichnen können.“ Da lacht man mal über den anderen D. H., der den einen D. H. sehr schön charakterisiert, seiner Zunft aber nicht im entferntesten ein Kompliment macht.

Wer weiß schon, dass beide D. H.s, die zu München gehören wie die Türme der Frauenkirche, „vo driebn rieber“ gekommen sind bzw. einst kommen mussten. Hanitzsch stammt aus Schönlinde in Nordböhmen, keine Autostunde von Dresden entfernt. Es heißt tschechisch Krasna Lipa und bietet vier Unterkünfte, nicht alle preiswert, aber irgendwie originell. Von denen aus liegen zwei Highlights in Reichweite, der „Trixi“- Ferienpark im Zittauer Gebirge und die Burg Oybin. Beide gab es wohl schon, als Klein-Dieter im Dorf Schönlinde am 14. Mai 1933 zur Welt kam.

Wann und wie er aus der sudetendeutschen Heimat vertrieben oder ob seine Eltern mit ihm schon vor dem großen Ausräumen durch die Tschechen nach Bayern – und wohin da – gekommen sind, verrät keine der Viten des längst zum Münchner Inventar avancierten Künstlers. So viel aber hat sich rumgesprochen: Dieter Hanitzsch wohnt, mit Gattin Mercedes, in der märchenhaften Straße Waldperlachs, die nach der Frau benannt ist, die die Betten ausschüttelt. Von der kriegt ein braves Mädel viel Gold, kehrt aber, belohnt, wieder in die angestammte Heimat zurück. Das wünscht sich keiner von Dieter Hanitzsch. Er soll, er muss in München bleiben und Bayern noch recht lange mit „Gold“ aus seiner spitzen Feder beglücken. Ein Geburtstagswunsch der Fans ans Geburtstagskind D. H.

Hans Gärtner (KK)

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