Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1269.

Böhmisches, zu „Böhmischem“ verkommen

Stift Tepl bietet Einkehr und Besinnung nur noch dem, der über die Vergänglichkeit sinnen will

Deutsche Klöster wie Maria Laach, Corvey, Andechs oder Waldsassen, österreichische Klöster wie Melk, Mondsee, Kremsmünster oder St. Florian mögen dem kulturell interessierten oder religiös geprägten Reisenden bekannt sein. Bei ehemaligen Klöstern wie Chorin, dem schlesischen Leubus oder dem oberschlesischen Groß Rauden wird dies schon seltener der Fall sein. Wie aber sieht es bei ehemaligen sudetendeutschen Klöstern wie Osseg, Braunau oder eben Stift Tepl aus? Sie sind durch die Vertreibung, widerrechtliche Aufhebung und Enteignung, jahrzehntelange weltliche Nutzung, die häufig zu Verfall und beinahe gänzlicher Zerstörung führte, zu „böhmischen Dörfern“ geworden. In der deutschen Medienlandschaft wird kaum über sie berichtet.

Stift Tepl, nicht weit von seiner berühmten Gründung Marienbad gelegen, wurde jüngst durch Martin Walsers Roman „Ein liebender Mann“ dem deutschen Publikum wieder ins Gedächtnis gerufen. Trotzdem bleibt Tepl, das Goethe in den Jahren 1821 bis 1823 mehrmals besuchte und dem er seine Steinesammlung schenkte, mit seiner wechselvollen Geschichte und seiner überragenden Bedeutung für das Tepler Land und das ganze deutsche Egerland weitgehend im Schatten der Geschichte.

„Zum Kloster Tepl führt eine zerdroschene Asphaltstraße. Sie führt an zerfallenen Kuhställen und verlassenen Fabriken entlang. Der Klosterbau ist aber immer noch schön, wenn man den abgebröckelten Putz, verfallene Dächer und die Ruinen früherer Gebäude nicht zur Kenntnis nimmt“, heißt es in der tschechischen Wirtschaftszeitung „Hospodarske noviny“ vom November 2008, die die Verwüstung dieses Kulturdenkmals durch die nationalistisch-kommunistische Tschechoslowakei beklagt.

Zur Zeit des Stauferkaisers Friedrich II. begründete der tschechische Gaugraf Hroznata das Stift als Prämonstratenserkloster mit Mönchen aus dem Prager Kloster Strahov, das seinerseits vom Kloster Steinfeld in der Eifel besetzt worden war. Hroznata bringt seine Gründung kein Glück. Er wird von Raubrittern gefangen und verhungert in der Gefangenschaft, weil er die Zahlung eines Lösegeldes standhaft verweigert. Im 19. Jahrhundert wird er seliggesprochen und gilt heute als Schutzpatron der politischen Gefangenen.

Seine Klostergründung nimmt nach der großen Pest im 14. Jahrhundert einen bedeutenden Aufschwung. Wie in vielen Gebieten Mitteleuropas, so in Böhmen, Schlesien und Mähren, kultivieren deutsche Siedler bisher unbebautes und dünn besiedeltes Land. Deutsche Bergleute fördern Eisen, Silber, Zinn und Gold auf dem Stiftsland, zu dem auch die kleine Stadt Tepl nicht weit vom Kloster gehört. In der Zeit der Reformation erheben sich Bürger und Bauern gegen das Stift und seine Herrschaft, die fast zugrunde geht. Mit der Hilfe der katholischen Habsburger wird die Rekatholisierung bis zum Ende des 16. Jahrhunderts durchgesetzt, die Protestanten werden zur Auswanderung gezwungen.

Tepl wird nach Plänen von Christian Dientzenhofer im Barockstil umgebaut, es entwickelt sich zu einem Mittelpunkt von Kunst und Wissenschaft mit einer berühmten Bibliothek von über 100000 Bänden. Zu deren Schätzen gehört der „Codex Teplensis“, die erste vollständige Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache noch vor Martin Luther. Das Stift bleibt auch nach der Josefinischen Reform erhalten und weitet seine Tätigkeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus. So unterrichten seine Mönche bis 1921 am Pilsner Deutschen Staatsgymnasium, bis die neue tschechoslowakische Regierung unter Masaryk dies verbietet.

Zur Blüte des Klosters trägt auch die 1818 durch den Abt Karl Reitenberger vollzogene Gründung Marienbads bei, das mit seinen kalten Glaubersalzquellen weltbekannt wird. Die reichen Einnahmen ermöglichen unter Abt Helmer den Bau der neuen Stiftsbibliothek und des Museums. Abt Gilbert Helmer bekleidet auch wichtige politische Ämter als Landtagsabgeordneter und Mitglied des Herrenhauses und nach 1919 als Senator der sudetendeutschen christlich-sozialen Partei.

Die 1918 begründete Tschechoslowakei beschlagnahmte schon 1919 Marienbad, was jahrelangen Rechtsstreit bis zum Völkerbund und zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag zur Folge hatte. Erst 1938 wurde die Beschlagnahme aufgehoben, jedoch mußte das Stift danach an das Finanzministerium des Deutschen Reiches verkaufen. Mit der Niederlage des NS-Staates schien auch das Ende des Klosters gekommen. Tschechische Besatzungskräfte inhaftierten den Abt Petrus Möhler, der der 50. Abt des Stiftes war, und den Konvent. Den Konvent vertrieb die tschechoslowakische Benesch-Regierung im April 1946 nach Bayern, Abt Petrus Möhler, der die Abdankung verweigerte, wurde 1948 deportiert. Das Stift wurde als „Stift Tepl im Kloster Schönau“ in der Diözese Limburg neu gegründet.

Im Stift selbst folgte eine kurze Periode unter dem tschechischen Prior P. Hermann Tyl, der jedoch, nachdem er schon NS-Konzentrationslager überlebt hatte, nach 1950 mit weiteren Ordensbrüdern viele Jahre in kommunistischen Lagern festgehalten wurde. Das Kloster wurde enteignet und als kirchliche Einrichtung aufgehoben, die tschechoslowakische Armee zog ein. Bei einem Besuch in den 70er Jahren wurde der Chronist von tschechischen Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr zur Weiterfahrt genötigt.

Erst nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Tschechoslowakei im Jahre 1990 wurde Tepl den Prämonstratensern zurückgegeben. Abt Hermann Josef Tyl konnte 1989 die erste Messe nach langer Zeit feiern. Heute gibt es wieder eine kleine Ordensgemeinschaft von 17 Mitgliedern. Mit deutscher Hilfe arbeitet man an der Wiederherstellung der Klostergebäude, die imposante doppeltürmige Kirche und die Bibliothek, die trotz der Besetzung gut erhalten ist, bilden die Hauptsehenswürdigkeiten.

Die kleine Stadt Tepl, nach dem Flüßchen Tepl (tschechisch teply=warm) benannt, wird heute in einem Reiseführer als „etwas schäbig“ bewertet. Sie hatte um 1900 3000 deutsche Einwohner, im Jahre 1930 nur drei Prozent tschechische Mitbewohner.

Alle deutschen Bürger des Landkreises Tepl-Petschau wurden bis zum Oktober 1946 vom Bahnhof Tepl (der in alter Form erhalten ist) aus deportiert; das waren fast 15000 Sudetendeutsche. Heimat und Besitz wurde ihnen von der Benesch-Regierung geraubt. Im Unterschied zum Stift wurde hier keinerlei Wiedergutmachung geleistet. Die Tschechische Republik beharrt auf der Rechtmäßigkeit der Benesch-Dekrete und setzt sich damit über jedes Menschen- und Völkerrecht hinweg. Da ist die Wiederbegründung des Stiftes Tepl nur ein kleiner Anfang zu mehr Menschlichkeit und gelebtem Christentum.

Rüdiger Goldmann (KK)

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