Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1318.

Brandenburger aus Überzeugung

Ihr ist er gefolgt, vom Rhein in die Landschaft seiner Geburt vor 90 Jahren: Werner Bader

Wenn man die deutschen Vertreibungsgebiete aufzählt, bleibt Ost-Brandenburg oft unerwähnt, obwohl der östlich der Oder gelegene Landesteil ein Drittel der einst preußischen Provinz Brandenburg ausmacht. Aber auch hier gab es historisch bedeutsame Orte wie Küstrin, wo der junge Prinz Friedrich von Preußen von seinem Vater, dem „Soldatenkönig“, 1730 ins Gefängnis geworfen wurde, oder Landsberg an der Warthe, wo 1929 die spätere DDR-Schriftstellerin Christa Wolf geboren wurde, die den wichtigsten DDR-Roman zum Thema Flucht und Vertreibung schreiben sollte. Und es gab die Kleinstadt Drossen, deren Staatliche Oberschule der spätere Journalist Werner Bader als Stipendiat bis zum Abitur 1941 besuchte, ehe er zur Luftwaffe eingezogen wurde und vier Jahre als Pilot in einem Kampfgeschwader Einsätze flog.

Werner Bader hat, obwohl sein Jahrgang 1922 hohe Kriegsverluste aufzuweisen hat, überlebt und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit in der Vier-Sektoren-Stadt Berlin überstanden. Am 4. März feierte er, unverwüstlich und dem Leben zugewandt, in Görne bei Friesack im Havelland seinen 90. Geburtstag. Geboren ist er als jüngster von drei Brüdern in Haidemühl bei Spremberg in der Niederlausitz, wo sein Vater als Wiegemeister in der Brickettfabrik arbeitete.

Nach Kriegsende und amerikanischer Gefangenschaft, noch 1945, nahm er ein Studium der Geschichte, Zeitungswissenschaft und Slawistik an der Berliner Friedrich-Wilhelms- Universität auf, die damals Linden- Universität hieß und 1946 von den Kommunisten in Humboldt-Universität umbenannt wurde. 1948 wechselte er an die neugegründete Freie Universität in Berlin-Dahlem. Aber als leidenschaftlicher Journalist, der in die Praxis drängte, war er schon als Student nebenberuflich tätig, so arbeitete er 1946/47 bei der Berliner Tageszeitung „Kurier“, ein Blatt, das von der französischen Besatzungsmacht lizenziert war und für das er 1946 als Beobachter und Berichterstatter am SED-Gründungsparteitag teilnahm.

Zwei Jahre später leitete er das Berliner Büro des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Im Jahr der Gründung beider deutscher Nachkriegsstaaten 1949 in Bonn und Berlin wurde er Redakteur der Berliner Ausgabe der von den Amerikanern gegründeten „Neuen Zeitung“, wo er vier Jahre blieb, um 1953, im Jahr des Aufstands vom 17. Juni, zum Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) zu wechseln, dem späteren Sender Freies Berlin (SFB), wo er bis 1957 arbeitete. Dann verließ er Berlin und wurde 1958 in Köln Chef vom Dienst in der Nachrichtenredaktion der Deutschen Welle, zehn Jahre später wurde er zum Leiter des deutschen Programms berufen, was er bis zum Eintritt ins Rentenalter 1987 blieb.

Von dieser Kölner Position aus entfaltete Werner Bader, der immer neue Möglichkeiten der kulturpolitischen Betätigung entdeckte, eine Fülle von Aktivitäten. So wurde er 1973 Mitbegründer und Präsident der Internationalen Assoziation deutschsprachiger Medien (IADM) und schuf 1977 in Solingen die heute noch existierende Zentralstelle für deutschen Chorgesang. Auch in seiner Landsmannschaft Berlin-Mark Brandenburg wurde er aktiv, seit 1985 als deren Seinem Landsmann Bundessprecher und Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Brandenburg. In diesen Positionen leistete er schier Unglaubliches wie 1998 die Errichtung des Hauses Brandenburg in Fürstenwalde/Spree, mußte sie jedoch 1999 wegen Kontroversen innerhalb der Landsmannschaft aufgeben.

Fruchtbare Aktivitäten entfaltete Werner Bader auch in der Bonner Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, deren Vorstand er von 1972 bis 2005 angehörte. Hier war er unter anderem verantwortlich für den Erzählerwettbewerb und dann für den Medienpreis.

Daß er auch Autor dreier beachtenswerter Bücher ist, wird oft übersehen. Über die „märkische Nationalhymne“ veröffentlichte er 1988 das Buch „Steige hoch, du roter Adler – Welthits aus märkischem Sand“, worin er die Entstehung des Liedes beschrieb, das der „Wandervogel“ Gustav Büchsenschütz 1923 in der Jugendherberge Wolfslake dichtete und komponierte. Das Buch erschien in mehreren Auflagen. „Pionier Klinke. Tat und Legende“ (1992) war den aus der preußischen Niederlausitz stammenden Soldaten gewidmet, die am 18. April 1864 im deutsch-dänischen Krieg an der Erstürmung der Düppeler Schanzen beteiligt waren. In „Der Teufelsaktuar von Spremberg. Die Abenteuer und Liebe des legendären Räuberhauptmanns Lauermann“ (1997) behandelt Bader einen Stoff aus seiner näheren Heimat.

Daß sein öffentliches Wirken nicht unbemerkt blieb, versteht sich von selbst. So wurde er dreimal mit dem Bundesverdienstkreuz in zwei Abstufungen ausgezeichnet. Vom Bundesland Brandenburg wurde ihm 2010 der Landesverdienstorden „Roter Adler“ zugesprochen.

Seit 1997 lebt Werner Bader in Görne, das mit dem Ortsteil Kleßen zusammen lediglich 393 Einwohner hat. Doch hat er sich mitnichten in der märkischen Einsamkeit vergraben, sondern ist trotz seines hohen Alters erstaunlich aktiv geblieben. So hat er mit Burkhard Schröder, dem Landrat des Landkreises Havelland, erreicht, daß im Nachbardorf Ribbeck, das durch Theodor Fontanes Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ (1889) bekannt geworden ist, von jedem Bundesland ein Birnbaum gepflanzt wurde. Der Birnbaumhain mit 16 Bäumen im Ribbecker Schloßpark wird ihn überleben und von seiner schöpferischen Unrast zeugen!

Was ihn zurzeit umtreibt, ist die „Märkische Dichterstraße“. Mit diesem Unternehmen, wozu er eine Reihe von Städten und Dörfern in Brandenburg angeschrieben hat, möchte er auf die reiche Literaturlandschaft Brandenburgs aufmerksam machen, zu deren Vertretern Heinrich von Kleist und Theodor Fontane zählen. 47 Antiquariate hat er inzwischen angeschrieben, 142 Autoren ermittelt und 540 Bände märkischer Literatur gesammelt, die man im „Grafenstall“ seines Anwesens in Görne besichtigen kann. Er lebt, was ihm offensichtlich Verpflichtung ist, auf dem einstigen Hof des Grafen Friedrich Ludwig Wilhelm von Bredow (1763–1820), der aus einem urpreußischen Geschlecht stammt und über welchen der schlesische Autor Willibald Alexis (1798–1871) den „vaterländischen Roman“ mit dem Titel „Die Hosen des Herrn von Bredow“ (1846) geschrieben hat.

Wenn man Werner Baders Leben überblickt, dann staunt man, was er alles durchgemacht und glücklich überstanden hat. Dazu gehört auch die Festnahme durch die Amerikaner 1945, als er fröhlich bei Sangerhausen/Thüringen mit dem Fahrrad auf der Autobahn fuhr, und die Mitteilung auf einem Blatt in seiner Stasi-Akte: „Die Entführung des Bader“: 1952 sollte er nach Ostberlin gelockt und am Walter-Ulbricht-Stadion verhaftet werden. Warum schreibt er das alles nicht auf und beschenkt uns mit seiner Autobiographie? Mit seinem noch unveröffentlichten Essay „Angekommen“ (in Görne) hat er zumindest einen Anfang gemacht.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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