Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1363.

„Braun“ verschattet

So malen die deutschen Medien die ehemals deutschen Ostgebiete – im düsteren Licht der unseligen zwölf Jahre

Ob Fiktion, Dokutainment oder Reportage: Jene zwölf Jahre des Terrors nehmen in der deutschen Kunst- und Medienlandschaft eine überproportional große Rolle ein. Über keine Epoche der deutschen Geschichte wird in den Medien derart extensiv berichtet wie über die Jahre des Nationalsozialismus – kaum verwunderlich angesichts der Singularität und der Monstrosität der Verbrechen. Doch ein wenig mag auch das Moment des Schauerlichen die Dauerhausse der Weltkriegsjahre in den Medien mit verursachen: ‚sex sells‘ bekanntlich, doch: auch ‚war sells‘ und steigert die Druckauflage und die Zuschauerquote. Allein aber auf diesem Ticket des „Dritten Reiches“ gelingt auch den historischen deutschen Ostgebieten der Einzug in die Medienberichterstattung.

Die Jahre vor 1933: Weitgehend Fehlanzeige. Denn die Zahl der Journalisten wie auch der Leser, die sich für eine Region vor allem oder allein deshalb interessieren, weil sie bis 1945 zu Deutschland gehörte, ist mittlerweile gering. Die Jahre nach 1945: Hier sieht es ebenfalls mau aus.

Selbstredend wird über Ostmitteleuropa berichtet, und niemand umgeht heute mehr verschämt den Umstand, dass weite Landstriche noch vor gut sieben Jahrzehnten zu Deutschland gehörten. Der Hautgout, der dem alten deutschen Osten in der linken und linksliberalen Medienlandschaft einst anhaftete, ist längst passé. Wer über das heutige Schlesien berichtet, steht nicht mehr unter dem Generalverdacht, Schlesien zugleich ‚heimholen‘ und mit seinem Pressebericht subtile und schleichende Germanisierungstendenzen betreiben zu wollen. Doch einen Aufmerksamkeitsbonus besitzen die alten deutschen Provinzen freilich auch nicht. Über Ostpreußen wird zwar gerne mit einigem Enthusiasmus berichtet, aber nicht häufiger und auch nicht umfassender als über das Languedoc oder die Rocky Mountains.

Einzig wenn es um die Jahre zwischen 1933 und 1945 geht, ist der alte deutsche Osten in den Medien präsent. Dann horcht man auf (Jüngere werden vielleicht sogar erstmals dieser Tatsache gewahr) und erinnert sich an die Existenz des einstmals so bedeutend größeren deutschen Territoriums. In Niederschlesien wurde im Herbst 2015 ein Panzerzug vermutet – in tiefen Stollen unterhalb des unweit der Stadt Waldenburg gelegenen Schlosses Fürstenstein soll seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein mit Tonnen von Gold gefüllter Eisenbahnwagen versteckt sein. Mythen und Spekulationen schossen ins Kraut und katapultierten Schlesien – das heute polnische Wałbrzych wurde in Medien sogar mit dem deutschen Namen Waldenburg versehen – für kurze Zeit ganz nach vorn in die ansonsten schwächelnde Kultur der Erinnerung an die früheren Ostgebiete. Ein Schatz verberge sich dort, vergleichbar vermutlich allein mit dem Bernsteinzimmer – gleichfalls ein Faszinosum, das Königsberg eine alles in allem geringe, aber über die Jahre doch konstante Erwähnung in der Medienlandschaft sichert.

Der Zweite Weltkrieg begann im Osten – und er endete im Osten. Jedes Schulkind, in Deutschland wie in der Welt, erfährt vom deutschen Überfall auf den (oberschlesischen) Sender Gleiwitz am 31. August 1939 und von der deutschen Beschießung der (Danziger) Westerplatte am Folgetag, dem 1. September. Das missglückte Attentat auf Hitler vollzog sich in der (ostpreußischen) Wolfsschanze; tröstlich zumindest, dass mit dem Kreisauer Kreis auch der Widerstand (im niederschlesischen Kreisau) seinen Weg in die Geschichtsbücher fand. Bald darauf setzten Flucht und Vertreibung ein; ein Massenexodus aus den deutschen Siedlungsgebieten gen Westen, der seit einigen Jahren erst die gebührende Resonanz in den Medien findet und bewirkt, dass auch nachwachsende Generationen en passant von der Existenz der früher zu Deutschland zählenden Provinzen erfahren.s8

Man mag es nolens volens gutheißen, dass – quasi als Beifang der allgegenwärtigen Präsenz des „Dritten Reiches“ in den Medien – wenigstens auf diese Weise die Ostgebiete immer wieder einmal Urständ, wenn auch keine fröhlichen, in Presse, Funk und Fernsehen feiern, denn ohne ihren engen Bezug zur NS-Ära wären die preußischen Regionen östlich von Oder und Neiße vermutlich vollends zu einer medialen Terra incognita hinabgesunken. Doch kann man diesen Umstand auch makaber finden und deplaziert, vor allem aber geschichtsverzerrend. Denn das Bewusstsein der Deutschen von den ehemals deutschen Ostgebieten läuft Gefahr, in ein gefährlich strudelndes Fahrwasser abzugleiten und eine einseitig ‚braune Schlagseite‘ zu bekommen. Wer über das heutige, das derzeitige Schlesien berichtet, meint naturgemäß das polnische Schlesien; ein Bezug zur ehemaligen Deutschheit Schlesiens muss nicht notwendigerweise hergestellt werden. Die alten deutschen Ostgebiete vor 1933 indes sind kaum jemals Gegenstand von Radiofeatures, Fernsehdokumentationen oder Feuilletonschwerpunkten: von Wissenschaft und Handel, Industrie und Alltagskultur, von großen Städten und vom flachen Bauernland, von Stettin, vom Sudetenland und von Hindenburg/Oberschlesien, von den Siedlungsgebieten der Siebenbürger Sachsen, der Banater Schwaben und der Bukowinadeutschen in Friedenszeiten schreibt und spricht kaum jemand jemals. Namen sind dies, die keiner mehr nennt – es sei denn, das Sujet der Meldung verfügt über eine enge Anbindung an die Jahre des Nationalsozialismus.

Die letzten deutschen Jahre Schlesiens und Ostpreußens waren fatalerweise zugleich die Jahre der tiefstmöglichen deutschen Schuld. Den Ostgebieten wird man mit einer derart selektiven Medienpräsenz jedoch nicht gerecht, denn die Landstriche östlich der Elbe waren summa summarum 1933 nicht schwärzer, nicht roter und nicht brauner als der Rest des Reiches. Während die Nordsee- und die Ostseeinseln, Görlitz und das Ruhrgebiet in den Medien epochenüberdauernd thematisiert werden – vom ausgehenden 19. Jahrhundert und den Weimarer Jahren bis hinein in die Tagesgegenwart –, sind die deutschen Ostgebiete in die hässliche Ecke des „Dritten Reiches“ verbannt worden.

Wem mag man es verdenken, wenn sich in Tiefenschichten des Bewusstseins unausweichliche Konnotationen festbeißen, die Schlesien unweigerlich mit den dunkelsten Jahren deutscher Geschichte verknüpfen, obwohl die deutsche Geschichte Schlesiens so viele andere Punkte, unter ihnen auch viele Glanzlichter, aufweist? Die Medien sind frei in ihrer Themenwahl und richten sich zugleich nach den vermuteten Interessen ihrer Hörer- und Leserschaft. Ändern wird sich vermutlich nichts an der – wenngleich beklagenswerten – Einseitigkeit des Bildes, das die Ostgebiete in den Medien abgeben: gerade so, als hätte in Breslau allzeit die NSDAP regiert, als könnte in Ermangelung anderer Inhalte über den deutschen Osten allein im NS-Kontext berichtet werden. Es gilt mithin einen Tatbestand zu beklagen, der vermutlich irreversibel ist.

Schlimmer aber noch: Die verquere Gleichung „Ostgebiete = ‚irgendwie braun‘“, die sich in manche Köpfen einschleichen mag, ist zudem geeignet, auch die deutsch-polnische Annäherung zu belasten. Es sei, so Harald Wiederschein in „Focus online“ über den Waldenburger Panzerzug, „unter Umständen damit zu rechnen, dass sich in dem Tunnel die sterblichen Überreste von Zwangsarbeitern befänden“. Für die deutsch-polnischen Beziehungen, die derzeit so gut seien wie seit 500 Jahren nicht, „wäre eine solche Erinnerung an die Grausamkeit Nazideutschlands ein herber Rückschlag“. – Dass freilich 1869/70 rund 7000 Waldenburger Bergleute streikten und den bis dahin größten Arbeitskampf in Deutschland gegen heute überwundene Arbeitsbedingungen ausfochten, wäre vielleicht gleichfalls eine Erwähnung wert – doch kaum jemand erwähnt es.

Martin Hollender (KK)

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