Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1243.

Brennglas mitteleuropäischer Geschichte

Das Schicksal der Glasstadt Gablonz

Gablonz, eine sudetendeutsche Stadt in Nordböhmen, hat als Namen das tschechische Wort für Apfelbaum, der auch das Stadtwappen ziert. Die Geschichte dieses Ortes ist untrennbar und von Anfang an mit der des Glases verbunden. Die Landschaft war und ist reich an Wald und Wasser und bot so den Glasmachern Entwicklungsmöglichkeiten, die im Erzgebirge durch den dort aufblühenden Bergbau nicht mehr gegeben waren. Im Herrschaftsgebiet von Kleinskal wurden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts viele Glashütten gegründet, die Glasmeister erlangten z.T. überregionale Bedeutung, einige wurden geadelt: Schürer von Waldheim, Wander von Grünwald, weitere namhafte Meister sind die Preißler, Kittel, Riedel, Müller, von denen einige bis heute bekannte Glasunternehmer sind wie die Riedel und die Swarowski. Die Glaserzeugung wurde von den adligen Grundbesitzern der von War-
tenberg, von Biberstein, des Fours und von Harrach gefördert, Deutsche aus Nord (Friedland) und Süd (Kloster Münchengrätz) wurden angesiedelt, die Reichtum und Einfluß der Landesherren mehrten.

Glas war im 17. und 18. Jahrhundert ein begehrtes und teures Erzeugnis. Zu Beginn wurden Butzenscheiben, Fensterglas, Hohlgläser (Trinkgläser, Flaschen, Flakons, Lüsterteile) etc. erzeugt, in späteren Jahrzehnten künstliche Edelsteine (Turnau, Venedig, Frankreich als Vorbilder), Perlen, Knöpfe, Glasringe, Rosenkränze und Glasaugen.

Im 18. Jahrhundert ermöglichten die Erfindung von Stangenglas und dessen Verarbeitung in Druckhütten – nach der Erfindung der Druckerzange – eine starke Ausweitung der Produktion. Das gedruckte, d.h. geformte Glasstück wird auf Schleifvorrichtungen aus Sandstein, Kunststein oder Eisen mit Hilfe von Muskelkraft, Wasserkraft und dann Strom geschliffen. Das noch matte Glas muß dann mechanisch oder durch Feuer- und Säurepolitur zum glänzenden, das Licht widerspiegelnden Kristallglas verfeinert werden. Das Schleifen war lange Zeit eine anstrengende und gesundheitsgefährdende Arbeit, die zu einer frühen Sterblichkeit der Schleifer führte.

Durch mannigfache Zusätze von Metallsalzen erfanden Glasmeister wie Müller oder Egermann farbige Gläser, die dann weiter durch Schliff (Schneiden), Gravieren, Vergolden, Bemalen, Similisieren veredelt wurden. Im Gablonzer Gebiet entwickelte sich schließlich die Schmuckerzeugung durch die Gürtler, die die Schmucksteine oder Perlen in Metallkesseln faßten und Schmuck wie Ketten, Ringe, Armbänder, Broschen, Nadeln herstellten.

Die Imitationen echten Schmuckes erlaubten breiten Bevölkerungsschichten den Kauf. Ein Wiener Juwelier namens Joseph Strasser gab schließlich dem Modeschmuck den Namen „Straß“. Die Schmuckindustrie erzeugte Massenware für Indien und den Orient, so z.B. die Glasringe (bangles), von denen beispielsweise im Jahre 1913 mit dem Dampfer „Gablonz“ 6000 Kisten verschifft wurden.
 Die Gürtlerei bekam wesentliche Anstöße durch die Schmuckerzeugung in Idar-Oberstein (an der Nahe), die Philipp Pfeiffer dort kennengelernt hatte. Er brachte Gesellen nach Gablonz, die sich später als Meister niederließen. Im Jahre 1930 gab es 928 Meister mit 4400 Beschäftigten, Hunderte in Kukan und Morchenstern. Um 1870 gab es an die 3000 Perlenarbeiter, auch in den tschechischen Grenzorten. Zu den größten Perlenerzeugern gehörten Joseph Riedel (Polaun) und Familie Breit (Wiesenthal). Vor 1938 gab es mehr als 2000 Glaswarenerzeuger und ca. 700 Firmen mit 4000 Angestellten, die den Export der hergestellten Waren in alle Welt besorgten. 90 Prozent der Produktion gingen schon zu jener Zeit in den Export.

Ein wichtiger Schritt für die Ausweitung der Schmuckindustrie war die Erfindung der Maschinensteinschleiferei (1892) in Johannesthal durch Daniel Swarowski und Franz Weiß, die bald nach Wattens in Tirol verlegt wurde und dort Tiroler Steine erzeugte, die heute Weltruhm besitzen. Auch die Methode der Silberverspiegelung, des Similisierens (Neumann Jelinek), brachte einen bedeutenden Fortschritt.

Während der beiden Weltkriege wurde die Produktion auf kriegswichtige Produkte umgestellt, der Export brach zusammen oder wurde eingestellt. Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte die Katastrophe. Tschechische „Staatsorgane“ enteigneten alle Betriebe, verhafteten viele Unternehmer, zwangen Fachkräfte zur oft jahrelangen Zusammenarbeit und versuchten die Industrie als Staatsunternehmen weiterzuführen.

Die Gablonzer wurden in alle Welt zerstreut, konnten jedoch in Kaufbeuren–Neugablonz sowie in anderen deutschen und österreichischen Orten einen Teil ihrer Betriebe neu begründen, denen allerdings heute die Konkurrenz in den Entwicklungsländern Probleme bereitet. Nach jahrhundertelangem Aufstieg und harter Arbeit vernichtete der brutale Nationalismus eine blühende Industrie- und Kulturlandschaft, die 100000 Menschen ernährt und Millionen Freude geschenkt hatte, von der Wirtschaftsleistung ganz zu schweigen.

Rüdiger Goldmann (KK)

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