Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1241.

Brücke sein kann man nur mit Selbstgewißheit

Das Pfingsttreffen der Sudetendeutschen entwickelt sich vom Wiedersehensfest zur Veranstaltung mit kulturellem Gewicht

Seit der ersten Veranstaltung des Sudetendeutschen Tages vor 58 Jahren hat sich das Gesicht dieses zweitägigen Pfingsttreffens der aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien vertriebenen Deutschen verändert. Das gilt nicht nur für die Teilnehmerzahlen, die mit dem Rückgang der Erlebnisgeneration verständlicherweise abnehmen, auch wenn sich in diesem Jahr in Augsburg wieder mehrere zehntausend Besucher versammelten. Das zeigt sich vor allem in der Art der Veranstaltungen. Die Heimatorttreffen, die früher mehrere riesige Messehallen füllten, spielen heute nur noch eine geringe Rolle. Die Begegnungen konzentrieren sich weitgehend auf eine zentrale sogenannte Aktionshalle, in der sich Heimatkreise, Verbände und Interessengemeinschaften, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Handwerk, Kunst und Volkstümliches von den Familienforschern bis zur Sektion Sudeten im Deutschen Alpenverein an Messeständen oder in Ausstellungen präsentieren und zu geselligem Beisammensein und Gespräch einladen.

Zusätzlich zu der von Anfang an veranstalteten zentralen Hauptkundgebung am Pfingstsonntag, der traditionell ein römisch-katholischer und ein evangelischer Gottesdienst vorausgehen, der Feierlichen Eröffnung und dem sogenannten Großen Volkstumsabend am Pfingstsamstag ist das Pfingsttreffen der Sudetendeutschen von Jahr zu Jahr um zahlreiche differenzierte Angebote erweitert worden. Neben politischen Vorträgen und Diskussionen  treten vor allem wissenschaftliche und künstlerische Angebote immer mehr in den Vordergrund. Aus dem Wiedersehenstreffen und dem Erinnerungsaustausch entwickelt sich mehr und mehr ein „Kongreß“, bei dem sich die in ganz Deutschland, Österreich und weit darüber hinaus verstreut lebenden Sudetendeutschen bzw. deren Nachkommen, die noch in der Tschechischen Republik lebenden Deutschen und zunehmend tschechische Besucher dem Gedanken- und Informationsaustausch widmen. Dem Motto des diesjährigen Treffens, „Wir Sudetendeutschen – Brücke zur Heimat“, wurde auf vielfältige Weise entsprochen.

Die Angebote reichten von Mundartlesungen und musikalischen Darbietungen über die Vorstellung von Trachten und heimatlichen Werkstätten für Klöppeln, Ostereierkratzen und Hinterglasmalerei bis zur Präsentation von Neuveröffentlichungen in Büchern und anderen Medien. So stellte das Sudetendeutsche Archiv die Neuerscheinung „Die Tschechoslowakei in der österreichischen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit“ von Matthias Franz Lill vor; die aus Aussig/Ústí nad Labem kommende Wissenschaftlerin Dr. Kristina Kaiserová präsentierte in einer Veranstaltung des Arbeitskreises Sudetendeutscher Akademiker  ihre Untersuchung über „Erinnerungskultur, oral history – gemeinsame Spurensuche“ von Tschechen und Deutschen. In einer Veranstaltung der Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, Dr. Eva Habel, referierte Susi-Katrin Reimann über ihre – auf 16 ausführlichen Interviews basierende – Magisterarbeit über die Auswirkungen der Vertreibung auf die nächsten Generationen und ihre „Wurzelsuche“ im Land der Vorfahren, die zweisprachig in der Reihe „edition spuren – edice stopy“ erschienen ist.

Beim Großen Volkstumsabend, einer bunten Darbietung von Trachten, Tänzen, Liedern und Instrumentalmusik, traten neben einer schwäbischen und einer assyrischen Gruppe aus dem Raum Augsburg sowie anderen sudetendeutschen Gruppen sowohl die umfangreiche und generationenübergreifende, im Jahr 1954 in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich gegründete Schönhengster Sing- und Spielschar als auch die im Jahr 1995 in der heutigen Tschechischen Republik ins Leben gerufene jugendliche Schönhengster Tanzgruppe Mährisch Trübau/Moravská Trebová auf. Das parallel zum Volkstumsabend stattfindende „Sudetendeutsche Schatzkästlein“ ist einem ernsteren Veranstaltungsprogramm vorbehalten, das durchweg von früheren Trägern des Sudetendeutschen Kulturpreises auf hohem Niveau gestaltet wurde: Dr. Helga Unger las aus ihrem schriftstellerischen Werk, Dr. Diether Krywalski referierte über die „Deutsche Literatur in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien“, und die Gitarrenvirtuosin Prof. Barbara Probst-Polášek sorgte für die musikalische Umrahmung.

Kultureller Höhepunkt der Sudetendeutschen Tage ist die seit 1972 stattfindende Verleihung der Sudetendeutschen Kulturpreise. Der Goldene Saal im Augsburger Rathaus bietet dafür den prächtigsten Rahmen. Für die sudetendeutsche Volksgruppe ist die alljährliche Auszeichnung herausragender Wissenschaftler und Künstler in den unterschiedlichsten Bereichen die Bestätigung und Demonstration ihrer kulturellen Lebendigkeit und Stärke.

Den Großen Sudetendeutschen Kulturpreis erhielt in diesem Jahr der Physiker, Mathematiker, Chemiker und Mediziner Prof. Dr. Walter Josef Lorenz. Der 1932 in Mährisch Ostrau/Ostrava geborene Wissenschaftler kam nach der Vertreibung 1946 nach Heidelberg, wo er nach Schulbesuch und Studium zunächst am Max-Planck-Institut, später an der Nuklearmedizinischen Abteilung der Strahlenklinik und später am Institut für Nuklearmedizin des neu gegründeten Deutschen Krebsforschungszentrums tätig war, dessen Direktor er 1972 wurde. Der Bundeskulturreferent der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Reinfried Vogler, betonte in seiner Laudatio, daß Lorenz als Mittler zwischen Physik und Medizin wesentlich an der Entwicklung neuer technischer Methoden und Geräte zur Diagnostik und neuer Therapiemöglichkeiten zur Krebsbekämpfung beteiligt gewesen sei.

Der Kulturpreis für Literatur wurde dem 1941 in Horka in Nordmähren geborenen Gymnasiallehrer Dr. Gerold Tietz für seine schriftstellerische Leistung überreicht. Neben satirischen Prosastücken haben ihn vor allem drei große Romane – „Böhmische Fuge“, 1997, auch ins Tschechische übersetzt; „Große Zeiten – kleines Glück“, 2005; „Böhmisches Richtfest“, 2007 – bekannt gemacht. Mit dem Kulturpreis für Musik wurde der 1914 im österreichisch-schlesischen Friedek/Frýdek geborene Guido Masanetz für seine Arbeit als Operetten-Komponist und Dirigent, unter anderem am Berliner Metropol-Theater, geehrt. Der 1940 in Karlsbad-Fischern/Karlovy Vary-Rybáre geborene Maler und Zeichner Roland Helmer erhielt den Kulturpreis für bildende Kunst und Architektur, wobei besonders seine geometrisch-abstrakte Formensprache gewürdigt wurde.

Den Kulturpreis für darstellende und ausübende Kunst erhielt der 1966 in Wigstadl/Vitkov im Bezirk Troppau/Opava geborene Richard Hein, der seinen bevorzugten Tätigkeitsbereich als Opern- und Konzertdirigent trotz der Flucht seiner Familie aus der CSSR im Jahr 1968 heute vor allem in der Tschechischen Republik, unter anderem in Troppau, Olmütz/Olomouc, Mährisch Trüb-au/Moravská Trebová, Pilsen/Plzen, Brünn/Brno und Prag/Praha findet. Für sein umfangreiches wissenschaftliches Werk wurde der 1935 in Brünn geborene Pädagoge, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Dr. Diether Krywalski geehrt, der sich vor allem mit didaktischen Arbeiten zur deutschen Literatur Böhmens und Mährens einen Namen gemacht hat. In Würdigung der kontinuierlichen herausragenden Arbeit zur Erhaltung und Pflege sudetendeutschen Kulturguts erhielt der Iglauer Singkreis unter der Leitung von Dr. Wilfried Stolle den Sudetendeutschen Volkstumspreis. Die bereits 1941 in Iglau/Jihlava ins Leben gerufene Chorgemeinschaft widmet sich insbesondere dem Volkslied aus den ehemals deutschen Sprachgebieten Ostmitteleuropas und pflegt rege Kontakte zu tschechischen und deutschen Kulturgruppen in ihrer Heimatstadt.

Als Startschuß für das langersehnte und immer wieder geforderte zentrale Sudetendeutsche Museum in München werteten der Bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber und die „Schirmherrschaftsministerin“ Christa Stewens ihre Zusage, den Betrag von 300 000 Euro für die Erarbeitung einer grundlegenden Konzeption zur Verfügung zu stellen. Stoiber bezeichnete dieses Museum als „Zukunftsprojekt von herausragender Dimension“, das auch nach Tschechien ausstrahlen müsse.

Ute Flögel (KK)

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