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Ausgaben: Ausgabe 1332.

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Gerhart Hauptmann, ein Athlet der Beziehungen

Als mit der Belle Époque auch die große Zeit der literarischen Salons zu Ende ging, dampften schon die ersten Fernzüge durch Europa. Flaubert reiste auf harten Holzbänken zu George Sand, Rimbaud wagte sich ins Herz Äthiopiens, Max Dauthendey träumte am japanischen Biwasee, und Waldemar Bonsels eroberte sich Indien.

Lange Dichterleben an einem Ort, sei es nun Weimar oder Wien, wurden selten, und da es erfolgreichen Dramatikern ja nicht an Geld fehlte, entwickelte sich das fruchtbare Leben des Schlesiers Gerbart Hauptmann zwischen Hiddensee, Berlin, Agnetendorf und Rapallo zu einer Existenz, die man nur darum nicht europäisch nennen kann, weil der große Schlesier außer rudimentärem Gymnasial-Latein keine Fremdsprachen beherrschte. Die selbstverständliche Mehrsprachigkeit eines Hugo von Hofmannsthal, das Leben in zwei Nationen, wie es Heinrich Mann, René Schickele, Anette Kolb über zwei Weltkriege hinweghalf, ersetzte Hauptmann durch eine unbeirrte Heimatverbundenheit, die nach 1933 problematisch wurde.

Der Rundblick im großen Freundeskreis des Dichters zeigt, dass er auch in seinen Beziehungen zu Freunden unbeirrbar blieb, eine Erkenntnis, die zu den wichtigsten Ergebnissen der nunmehr drei Bände gehört, in denen der deutsche Herausgeber Dr. Klaus Hildebrandt, Nürnberg, und sein polnischer Kollege Krzysztof A. Kuczynski Hauptmanns freundschaftliche Beziehungen in gesammelten Studien vorstellen. Es versteht sich, dass im ersten Band die entscheidenden Namen noch am häufigsten sind: Schlenther, Max Pinkus, Samuel Fischer, Alfred Kerr und zum Beschluss die Forscher Walter Requardt und Walter A. Reichardt. Im zweiten Band ist die biographische Skizze über Hauptmanns Sekretärin Elisabeth Jungmann, gestorben als Lady Beerboom, das kostbarste Stück, aber auch der uns nun vorliegende dritte Band hat seine Meriten, bringt er doch viel an kaum Bekanntem.

Der Maler Ludwig von Hofmann (1861–1945) hatte gleichsam ein Parallelleben mit dem Dichter, der ihm fünfzig Jahre unverbrüchliche Freundschaft schenkte, auch als Hofmann im Alter vergessen und ohne Einfluß sein Heil in den NS-Kunsttheorien suchte. Klaus Hildebrandt hat das Schwanken des einst gefeierten Künstlers zwischen Resignation und neuer Hoffnung mit viel Takt und Verständnis geschildert.

Grazyna Szewczyk aus Kattowitz hat sich der Beziehung zwischen Lou Andreas-Salomé und Hauptmann angenommen, womit dieser Muse des Jahrhunderts nach Freud, Rilke und Nietzsche eine weitere Berühmtheit an die Seite gestellt wird. Dem Aufsatz, in dem sämtliche Accents falsch gesetzt sind, hätte allerdings lektorale Durchsicht gut getan. Ein kostbarer Fund ist auch die Beziehung des Dichters zu dem Wiener Kostümbildner und Designer Leonard Fanto. Manfred Altner, Radebeul, leistet mit seiner gründlichen, aus vielen Briefstellen belegten Studie wahre Pionierarbeit für einen Verschollenen: Fanto, der Jude war, und seine Frau schafften es nicht, aus dem seit 1938 besetzten Österreich zu fliehen, verloren Stellung und Einkünfte, und Fanto beging 1940 Selbstmord. Die hier veröffentlichten zwei Dutzend Seiten über ihn sammeln wertvollste Zeugnisse zur Wiener und Dresdner Theatergeschichte und zu den Bühnenschicksalen bedeutender Werke von Gerhart Hauptmann, Richard Strauss und anderen.

Problematisch ist hingegen der Beitrag von Marc Schweißinger, Cardiff, in dem allen Ernstes behauptet wird, es sei Franz Werfel gewesen, der den Romancier in Gerhart Hauptmann erst wirklich erweckt habe, und wäre Werfel nicht emigriert, hätte sein Einfluß in Hauptmanns Prosa wohl großartige Früchte getragen. Wer Hauptmanns Leben kennt, weiß auch um die Gefühlsgrundlagen der großen erzählerischen Ausbrüche „Buch der Leidenschaft“, „Atlantis“, „Wanda“ und „Phantom“, die Krisen zwischen der alten Bindung an Marie Tienemann, der neuen Liebe zu Margarete Marschalk und den unvermuteten, alles verändernden Gefühlssturm, den die junge Idinka Orloff auslöste.

Besonderes Gewicht, ja in die allgemeine deutsche Geistesgeschichte zielende Bedeutung hat der leider nur kurze Beitrag, mit dem die Breslauer Germanistin Anna Stroka an den jüdischen Germanisten Werner Milch (1903–1950) erinnert. Seit 1902 mit dem Dichter persönlich bekannt, schrieb Milch in Deutschland und in der englischen Emigration immer wieder über Hauptmann, pflegte den Umgang mit Peuckert, Pohl und dem Goerdeler-Kreis und war mit Jochen Klepper befreundet, dessen trauriges Schicksal bis heute unvergessen ist. Aus England zurück, bemühte Milch sich um den durch Kommerells frühen Tod freigewordenen Marburger Lehrstuhl, mußte aber volle zwei Jahre lang gegen die weiterhin aktiven antisemitischen Seilschaften der traditionsreichen Hochschule ankämpfen und starb wenige Jahre nach der endlichen Berufung.

So unterschiedlich die Beziehungen dieser Freunde zu dem Dichter auch waren und so verschieden ihre Schicksale sie dem großen Schlesier bald nahebrachten, bald entfernten, so zeigt sich doch mit erstaunlicher Deutlichkeit, dass Hauptmann, soweit es seine Freunde betraf, das Jahr 1933 weitgehend ignorierte. Er ging zu den Begräbnissen jüdischer Freunde wie Samuel Fischer und Max Pinkus, er beherbergte verbotenerweise die jüdische Emigrantin Elisabeth Jungmann über Monate. Er korrespondierte unbeeindruckt von den Abmahnungen Frau Margaretes mit Emigranten, nicht etwa aus Wagemut; er wusste sich ja seiner Sonderstellung sicher, ihn hätte auch ein Goebbels nicht wie Wiechert oder Suhrkamp einzusperren gewagt. Es war, man muss es so sagen, ein Nichtbegreifen, das Hauptmann mit seinen 71 Jahren gegen die Entwicklungen nach 1933 abschirmte. Als 1938, nach der Besetzung Österreichs durch deutsche Truppen, Gottfried Bermann-Fischer den Dichter in Rapallo aufsuchte, trat Hauptmann ihm – der eben ein zweites Mal die Heimat verloren hatte – mit ausgebreiteten Armen entgegen und rief: „Was sagen Sie! Der Traum von Heinrich Heine, das vereinte Deutschland, ist endliche  Wirklichkeit!“

Neben dem literarischen und dem dokumentarischen Wert präsentieren uns die 340 sauber gedruckten Seiten dieses Sammelbandes auch eine eindrucksvolle organisatorische Leistung. Der Zusammenklang polnischer und deutscher Gelehrtenarbeit darf als vorbildlich für ähnlich gelagerte Persönlichkeitsforschungen bezeichnet werden: im zweisprachigen Elsass, im zweisprachigen Südtirol, in der Pflege deutschen Geisteserbes im Baltikum. Die von jedem Beiträger erbrachte Leistung weckt den Wunsch, mehr von den in einer fremden Sprache schreibenden, um einen unserer großen Dichter bemühten Gelehrten zu wissen. Kurzbiographien der Mitarbeiter werden schmerzlich vermisst und wären leicht zu beschaffen gewesen, da jedem Beitrag ja Korrespondenz vorausging. Den Einzelwert der Beiträge mindert dies natürlich nicht; man wüsste nur gerne, wem man zu danken hat.

Hermann Schreiber (KK)

Klaus Hildebrandt / Krzysztof A. Kuczynski (Hg.): „Habt herzlichen Dank für Eure Freundschaft“. Menschen um Gerhart Hauptmann. Wissenschaftlicher Verlag der Staatlichen Fachhochschule, Wloclawek 2011

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