Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1333.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Schlagader Europas

Es wurde aber auch Zeit. Da gibt es seit 1997 die wunderbare Reihe „Europa erlesen“ im Wieser Verlag, aber erst in diesem Jahr erscheint der Band, der dem Thema Europa so gerecht wird wie sonst kaum etwas: ein Buch über die Donau. Allerdings: Einen Band über einen Fluss von ca. 2860 Kilometern Länge stampft man nicht aus dem Boden, schon gar nicht, wenn man 317 Beiträge aus 210 Quellen versammelt. Fast 640 Seiten, allein das Inhaltsverzeichnis umfasst 35 davon. Autoren von der Antike bis zur Gegenwart wurden zusammengetragen. Und natürlich – Europa verpflichtet – aus vieler Herren Länder. Alphabetisch reicht das Verzeichnis der Autorinnen und Autoren von Hans Aßmann Freiherr von Abschatz bis Adam Zielinski. Ein Autor aber scheint es dem Herausgeber Christian Fridrich besonders angetan zu haben: Amand Freiherr von Schweiger-Lerchenfeld. Von ihm gibt es 20 Beiträge. Sein Buch über die Donau aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist mehr als ein Reisebericht, nach den Ausschnitten in diesem Donaubuch zu schließen, bündelt es das damalige Wissen über den Fluss.

Die Donau ist der einzige Strom Europas, der von West nach Ost fließt. Sie durcheilt bzw. streift zehn Staaten und deren mindestens 35 Kulturen und Sprachen. Das Buch beginnt freilich nicht direkt mit Beschreibungen über den Ursprung der Donau, sondern mit einer Betrachtung des Kroaten Pavao Pavlicic über die Donau als sauberer Fluss, der nichts lange für sich behält. Leichen können man „in zwei Tagen etwa zwanzig Kilometer flussabwärts suchen“. Es beginnt also quasi mit einer „Leich’“.

Im Buch hat man bei Wien freilich erst etwas mehr als die Hälfte der Donau erlesen, der große Rest aber ist nicht weniger unterhaltsam. Er straft vor allem jene Lügen, die den touristisch interessanteren Teil der Donau auf den Abschnitt zwischen Passau und Budapest begrenzen. Und ob nun die Erkundungen und Reiseberichte ab Budapest ostwärts etwas älter sind oder aus neuerer Zeit, die Neugierde der Autoren befriedigt nicht immer sofort des Lesers Leselust. Das machen Peter Esterhazy oder Rollo Gebhard, man hätte dann doch gern mehr von ihnen gelesen. Aber dafür gibt es Buchläden oder Bibliotheken.

Besonders beeindruckend in diesem Zusammenhang sind Yvailo Ditchevs Ansichten über die Donau, der gewissermaßen einen Kontrapunkt setzt zu Elias Canettis Gedanken, eine Reise von Russe donauaufwärts gehe nach Europa. Nein, Europa endet nicht in Russe, auch nicht im Donaudelta, aber fehlt da nicht etwas von dem französischen Rumänen Panait Istrati?

Allen Gedanken über Europa zum Trotz – das Buch ist vor allem als literarischer Reiseführer unverzichtbar.

Ulrich Schmidt (KK)

Europa erlesen: Donau. Hg. Christian Fridrich. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2013, 29,95 Euro

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