Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1314.

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„Besondere … Bemühungen“

„Ich bin der letzte noch lebende Zeitzeuge, der die ‚besonderen humanitären Bemühungen der Bundesregierung’ von 1963 an mit verfolgt und gefördert hat. Meine Erinnerungen hielt ich im Frühjahr/Sommer 1989 fest, zunächst nicht, um sie zu veröffentlichen, sondern um das niederzuschreiben, was mich jahrzehntelang sehr bewegt hat. Es freut mich, dass mein Erinnerungsbericht heute noch soviel Interesse erweckt und nun – zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung – wieder erscheinen kann“, so Ludwig A. Rehlinger im Vorwort der Neuauflage seines persönlichen Berichtes über den Häftlingsfreikauf.

Wie läßt sich die Neuauflage begründen? Zum einen befinden wir uns 2011 im Gedenkjahr „50 Jahre Mauerbau“, und zum anderen ist der 1927 in Berlin geborene Jurist nicht irgendwer: Er war über viele Jahre Verhandlungsführer der Bundesrepublik Deutschland beim Häftlingsfreikauf, von 1957 bis 1969 Ministerialbeamter im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, anschließend Präsident des Gesamtdeutschen Instituts – Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben und von 1982 bis 1988 Staatssekretär im Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen. Doch der Hauptgrund für eine Neuauflage besteht darin, daß es zum Thema Freikauf kaum Material gibt und Rehlingers Erinnerungen für Forscher eine der grundlegenden Quellen darstellen, wenn es darum geht, das Unverständliche zu verstehen.

Die Archivmaterialien der bundesdeutschen Behörden unterliegen – selbst 20 Jahre nach dem Mauerfall – immer noch strenger Geheimhaltung bzw. „archivrechtlichen Sperrfristen“. Für DDR-Archivbestände gibt es zwar keine Sperrfristen, doch sind die bruchstückhaften Dokumente der Generalanwaltschaft, der Staatsführung und des Ministeriums für Staatsicherheit wenig aufschlußreich. So kommt es, daß es zum Thema „Freikauf“ lediglich Erinnerungen, aber keine wissenschaftliche, auf wissenschaftlich erschlossenen Quellen basierende Monographie gibt.

Ludwig A. Rehlinger erinnert sich: Zwischen1963 und 1989 sind 33750 politische Häftlinge freigekauft worden, 2000 Kinder konnten zu ihren Eltern in den Westen übersiedeln und 250 000 Familien wieder zusammengeführt werden. Dafür haben die jeweiligen Bundesregierungen eine Gegenleistung von über 3,4 Milliarden D-Mark erbracht, die Aktion lief unter dem Namen „Besondere humanitäre Bemühungen der Bundesregierung“. Die Initiative zu diesem Menschenhandel der besonderen Art kam von der DDR. „Moralische Bedenken“ gab es und gibt es für diesen Erinnerungsträger keine: Es galt, Landsleuten, die in einem Unrechtssystem zu vielen Jahren Haft verurteilt worden waren, zu helfen.

Die Bundesregierung unterhielt in Berlin eine sogenannte Rechtsschutzstelle. Das war ein Verbund von mehreren Anwälten, die politische Häftlinge in der DDR verteidigten. Die Anwälte der Rechtschutzstelle hatten ihre Vertrauensanwälte in der DDR, der bekannteste war Wolfgang Vogel. Einer der Anwälte der Rechtsschutzstelle, Jürgen Stange, überbrachte die Mitteilung, die DDR sei willens, politische Häftlinge gegen materielle Leistung freizulassen. Statt der versprochenen 1000 Häftlinge kamen schließlich nur acht frei, aber es war ein Anfang gemacht – beide Seiten hatten Vertrauen zueinander gefaßt, so daß die Aktion weiterlaufen konnte: Die DDR hatte einen „Goldesel“ gefunden, mit dessen Hilfe sie sich wirtschaftlich im Lauf der Jahre zu stabilisieren gedachte, gleichzeitig wurde sie unliebsame politische Akteure los und konnte innenpolitisch Druck ablassen. Die Bundesregierung hingegen hatte stets „das Schicksal der vielen schwer geprüften Menschen“ vor Augen, so daß sie es bis zum Fall der Mauer nicht aufgab, Menschen freizukaufen. Der Verhandlungsführer Rehlinger hatte es nicht leicht – von den vielen „schmerzlichen Vorgängen“ und unerquicklichen Vorfällen berichtet er in seinem Buch ausführlich und gewährt uns einen berührenden Blick hinter die Kulissen.

Ingeborg Szöllösi (KK)

Ludwig A. Rehlinger: Freikauf. Die Geschäfte der DDR mit politisch Verfolgten 1963–1989. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2011,
19,90 Euro

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