Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1333.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Bodenständig und idealistisch: russlanddeutsch

Das neue Buch von Robert Korn, dem ehemaligen Vorsitzenden der Wolgadeutschen Landsmannschaft e. V., das pünktlich zum 250. Jubiläum der Ansiedlung seiner Vorfahren an der Wolga erschien, ist „ein Versuch, die Namen Georg Löbsack und Alexander Würtz der Vergessenheit zu entreißen und der deutschen Öffentlichkeit zu präsentieren“. Vor neun Jahren hatte er mit demselben Ziel eine Reihe von Porträts prominenter Deutscher aus Russland veröffentlicht.

Der erste Teil ist dem Leben und Werk von Georg Samuel Löbsack (1893–1936) gewidmet, der in seinen Studien „Volksschicksal – nationaler Kulturgeist – Nation“ über fünf Generationen und 150 Jahre der deutschen Auswanderer in Russland spricht. Seine Gedanken über den Kulturgeist der Deutschen, über Krieg und Frieden sind immer noch aktuell. Seine journalistischen Aktivitäten nach dem Prediger-Seminar im Wolgaland und später in Deutschland in Magdeburg, wo er versuchte, den Deutschen das Schicksal der Wolgadeutschen näherzubringen, und  Hilfe für die Hungerleidenden an der Wolga organisierte, sind bemerkenswert. Sein Lebenswerk „Einsam kämpft das Wolgaland: Ein Bericht aus sieben Jahren Krieg und Revolution“ ist authentisch und gibt Einblicke in die Beziehung zwischen Deutschen und Russen, den von oben geschürten Deutschenhass während des Ersten Weltkrieges. Robert Korn zitiert ihn: „Der Kampf um Bodenrecht und Volkstum hatte schon in den ersten Jahren der Ansiedlung begonnen. Die Überlieferung weiß aus jenen Jahren von großen Heldentaten der Kolonisten, friedlichen wie kriegerischen, zu berichten. Mit der Niederschrift dieser Erfahrungen begann auch unsere kleine Volksliteratur.“

Da beide Wolgasänger begabt und gebildet waren, aber in keinem sowjetischen Lexikon erwähnt wurden, sind die Nachforschungen über ihr Werk sehr schwierig. Löbsack war schon sehr krank, als er 1936 nach Berlin ging, hat aber trotzdem noch viel geschrieben, und so ist es leichter, seine Gedankenwelt und literarischen Spuren zu verfolgen. Von den Versen des Alexander Würtz, den man als Volksdichter bezeichnen kann, wurden einige nur im Ausland – vorwiegend in deutschsprachigen Blättern und Zeitschriften in den USA – veröffentlicht, aber glücklicherweise ist vieles im Familienarchiv geblieben, von seinen Kindern teilweise auswendig gelernt worden; einige seiner einfachen und temperamentvollen Gedichte erschienen zur Zeit der Perestrojka in „Neues Leben“, Moskau.

Alexander Würtz, der vorwiegend unter dem Pseudonym Alexander Wolgaer veröffentlichte, wurde 1884 in Niedermonjou an der Wolga geboren und kam schon mit 59 Jahren in dem berüchtigten Mariinsker Konzentrationslager ums Leben. Dem Lebenslauf, den er seinerzeit selbst in der NKW-Untersuchungshaft geschrieben hat, ist zu entnehmen, dass er an Hochschulen unterrichtet hat und vor seiner Verhaftung im Jahre 1941 „wegen antisowjetischer Agitation“ an der pädagogischen Hochschule Swerdlowsk stellvertretender Dekan der Fremdsprachenfakultät gewesen ist.

Er hat zur Zeit der Gründung der Wolgarepublik ab 1924 sehr viele enthusiastische Gedichte verfasst, in denen er seine Hoffnung auf neue Zeiten und neues Lebens ausdrückte, später viele plakative Gedichte über den Hunger an der Wolga, und genauso wie Löbsack im Ausland für seine Landsleute mit ihnen um Hilfe geworben und vielen dadurch das Leben gerettet. Der Verfasser des Buches schreibt über die Bedeutung des Dichters: „In den Gedichten, Humoresken und Prosa, die in diesem Buch thematisch geordnet worden sind, besingt Alexander Würz nicht nur die Natur und verschiedene Jahreszeiten. Er hat auch seine wichtigsten Lebensstationen festgehalten und teilweise die Geschichte der Wolgadeutschen aufgezeichnet.“

Der russlanddeutsche Dichter und Literaturkritiker Johann Warkentin warnte in seiner „Geschichte der russlanddeutschen Literatur aus persönlicher Sicht“ die russlanddeutschen Autoren vor Schwarzweißmalerei. Das Buch von Robert Korn beginnt mit einer polemischen Auseinandersetzung des Autors mit seinen Vorgängern, russlanddeutschen Germanisten und Autoren, die – wie er selbst zugibt – „im Klima von Repressionen, Zensur und engen künstlerischen Dogmata der Vor- und Nachkriegszeit“ gearbeitet haben. „Da konnten von der offiziellen Linie abweichende Werke nur im Verborgenen oder im Ausland entstehen und existieren.“ Der Autor hat selbst sein halbes Leben das Schicksal der Russlanddeutschen in der Sowjetunion geteilt und ist nicht als besonders aufmüpfig aufgefallen. Jetzt genießt er die Meinungsfreiheit im Westen und schlägt im polemischen Eifer manchmal etwas über die Stränge.

Aber das Verdienst von Robert Korn ist, dass er versucht, eine Galerie von russlanddeutschen Intellektuellen hier bekannt zu machen, die eine große Rolle in der leidvollen Geschichte der Russlanddeutschen spielten. Ihre Bedeutung wird mit den Jahren steigen – wie aus historischer Sicht, so auch für ihre Nachkommen bei ihrer Suche nach eigenen Wurzeln und Identität.

Wir, die Generation der Rückwanderer, gewinnen allmählich eine für die Geschichtsobjektivität notwendige Distanz. Wir werden oft als Brückenvolk bezeichnet. Nur ist eine Brücke kein schöner Ort zum Leben, viele Füße haben das Brückenvolk getreten, manch scheinpatriotische Parole ist an das Geländer dieser Brücke geschmiert worden. Die Russlanddeutschen aber sind zäh und geduldig, und vielleicht kommt in 100 Jahren ein Enthusiast wie Robert Korn und versucht anhand von seinen und vielen anderen Überlieferungen ein neues farbiges Bild von unserer Generation zu malen.

Agnes Gossen-Giesbrecht (KK)

Robert Korn: Zwei Sänger von der Wolga. Georg Löbsack und Alexander Würz. Verlag Robert Burau, Lage (Westfalen) 2013, 315 S.

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