Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1334.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Historisches forsch angehen heißt beileibe nicht forschen

Beate Szillis-Kappelhoff: Prußen – die ersten Preußen. Geschichte und Kultur eines untergegangenen Volkes. Bublies-Verlag, Beltheim- Schnellbach 2012, 358 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Gisela Graichen und Matthias Gretzschel: Die Prussen. Der Untergang eines Volkes und sein preußisches Erbe. Frankfurt am Main 2010, 240 Seiten, 22 Abbildungen, zwei Übersichtskarten

Unterschiedlicher können zwei Bücher, die sich mit dem Volk der Prußen befassen, kaum sein: Auf der einen Seite bieten zwei Journalisten eine Reihe von weitgehend oberflächlichen „Features“ an, die mit dem Volk der Prußen im Kern wenig zu tun haben, auf der anderen Seite gelingt es einer Pädagogin, eine kenntnisreiche und detaillierte Darstellung der Prußen vorzulegen, die dieses untergegangene Volk facettenreich lebendig werden lässt.

Die beiden Journalisten Gisela Graichen und Matthias Gretzschel gehen zunächst der bekannten Ostsiedlung durch den Deutschen Orden nach, wie man sie in vielen Geschichten von Bruno Schumacher bis Hartmut Boockmann, die von den Autoren nicht konsultiert worden sind, besser nachlesen kann. Dann folgt ein Kapitel über die Altertumsgesellschaft Prussia und das Prussia-Museum im Königsberger Schloss, das wiederum ohne die Berücksichtigung der Forschungen von Wulf D. Wagner auskommt. Und schließlich folgt ein Kapitel über die Grabungen in Wiskiauten, bei denen die Archäologen Timo Ibsen (Kiel) und Wladimir Kulakow (Kaliningrad) mit ihren Studenten zusammenarbeiten. Hier gewinnt die Darstellung Tatort-Charakter, wenn der russische Geheimdienst aufgeboten und Grenzschikanen geschildert werden.

Das Buch ist locker geschrieben, gründet aber auf lücken- und fehlerhafter Recherche. Da werden aus den Hochmeistern des Deutschen Ordens „Großmeister“ (passim), wie sie nur in anderen Orden vorkamen oder in der Schachwelt bekannt sind, die Bulle von Rimini unterzeichnet 1226 angeblich Friedrich I. Barbarossa, der zu dem Zeitpunkt schon 36 Jahre tot war, an Stelle des hauptsächlich in Sizilien residierenden Friedrich II.

Amüsant ist die Belehrung, dass der Autor des historischen Romans „Heinrich von Plauen“ „oft mit dem gleichnamigen Autor des 20. Jahrhunderts verwechselt wird“, worauf dann doch dem Dichter der „Jerominkinder“, Ernst Wiechert, der historische Roman von Ernst Wichert untergejubelt wird, ein Fehler, der auch im Literaturverzeichnis stehen bleibt.

Auf Seite 75 erscheint Ottokar I. statt Ottokar II., der tatsächlich der Namensgeber Königsbergs ist. Albrecht I. (S. 97), der Bär, lebte von 1100 bis 1170; Albrecht von Brandenburg-Ansbach, der Königsberger Universitätsgründer, trägt keine römische Ziffer. Im Schloss gab es keine „Domkirche“ (S. 101/102), sondern – wie der Name schon sagt – eine Schlosskirche. Auf Seite 144 wird die Legende vom nachgebenden Baugrund unter dem „Haus der Räte“ ein weiteres Mal erzählt. Richtig ist, dass der Bau infolge eines von Moskau verfügten Baustopps für öffentliche Gebäude in den 1980-er Jahren zum Erliegen kam und die Ruine seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Spekulationsobjekt ist. Der zum „Architekten“ promovierte Dombaumeister Igor Odinzow (S. 145) ist Bauingenieur, was seine Verdienste nicht schmälert.

Auf Seite 175 wird unrichtig behauptet, dass sich die Stadt Kaliningrad während des Stadtjubiläums von 2005 „erstmals ihrer langen deutschen Geschichte erinnert“ habe. Das war bereits im September 1994 der Fall, als mit zahlreichen Veranstaltungen und vor allem in lange vorbereiteter russisch-deutscher Zusammenarbeit das 450. Universitätsjubiläum der Albertina feierlich begangen wurde und über tausend Wissenschaftler aus einem Dutzend Nationen teilnahmen. Im Übrigen wurde das Stadtjubiläum 2005 nicht nur Anfang Juli, sondern vor allem in der ersten Augusthälfte mit zahlreichen deutschrussischen Veranstaltungen – Ausstellungen, Konzerten, Gottesdiensten, internationalen Begegnungen – gefeiert. Aber Journalisten sind oft eher an großen Namen interessiert, weniger an dem, was tatsächlich geschieht.

An all diesen Korrekturen, die hier nur in Auswahl angesprochen worden sind, ist festzustellen, dass es in dem Buch sicher um viele interessante Themen geht, aber keinesfalls um die Prußen, die in der Darstellung nur ein Schattendasein führen. Warum der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz dieses Werk mit einem Geleitwort gewürdigt hat, erschließt sich dem Leser nicht.

Das Buch von Beate Szillis-Kappelhoff hingegen ist eine wahre Fundgrube von Erkenntnissen und Wissen über die Prußen, sie versucht diesem untergegangenen Volk gerecht zu werden und erreicht dieses Ziel auch. Ausführlich wird die Geschichte der Prußen geschildert, ihre Freiheitskämpfe und schließlich die Unterwerfung, ihr Leben auf dem Lande und in der Wildnis, Fischerei und Waldbienenzucht, häusliches Leben und Musik, Schrift und Sprache. Vor dem Auge des Lesers wird dieses Volk plastisch präsent, was die zahlreichen Abbildungen noch unterstützen.

In einem zweiten Teil werden alle zwölf Prußenstämme detailliert vorgestellt und damit dem Vergessen entrissen. Besonders aufschlussreich und interessant ist das Kapitel über die Religion der Prußen, ihre Götter und ihre Riten, die vor allem die Lebenseckpunkte Geburt (die Rodynes-Zeremonie – das Zurschaustellen des/der Neugeborenen), Verlobung (eine köstliche Schilderung der Tätigkeit des Heiratsvermittlers), Hochzeit (Kleidung, Tanz, Trinkgebräuche) und Tod (die Wêle eines Sterbenden wanderte zu den Göttern, seine Dusin bestand weiter in Pflanzen und Tieren in der Nähe und hielt Kontakt zu den Lebenden) prägten. Auch das Weiterleben dieser religiösen Gebräuche, ja das gleichberechtigte Nebeneinander der heidnischen und christlichen Rituale in der Christenzeit wird geschildert.

Im vierten Kapitel lernt der Leser das nachbarliche Umfeld der Prußen kennen: die Kuren und Karschauer, die Žemaiten und Litauer, die Kaschuben, Masovier, Kujavier und Polen – ein reichhaltiger Einblick in die mittelalterliche Vielfalt in dieser Region Nordosteuropas.

Das letzte Kapitel „Prußen heute“ enthält zunächst ein umfangreiches Orts- und Gewässernamenverzeichnis von Allenburg (Natangen) bis Zoppot (Kaschubei) mit reichhaltigen und oft vielseitigen etymologischen Erklärungen. So ist die für den Fluss Pregel, an dem Königsberg liegt, angebotene prußische Deutung „preigillis“: an der tiefen Stelle, wie in den meisten anderen Fällen auch, nur eine der von der Autorin angeführten linguistischen Quellen. In gleicher Weise werden die Königsberger Stadtteile ausführlich gedeutet und man erfährt, dass Juditten (Samland) vom prußischen, die Landschaft beschreibenden Gaudityn („gaudis“: wehmütig, „judas“: schwarz, finster) abgeleitet werden kann.

Ergänzt werden diese Analysen von einer 17 Seiten umfassenden Liste prußischer Gottheiten, in der alphabetisch mehr als 150 Gottheiten (Autrimpas – Gott des Meeres), Göttergruppen (Perkunos, Potrimpos, Patolos – die drei wichtigsten Götter der zweiten Rangebene für Donner, Fruchtbarkeit und Tod), Gebete (Diewe wam padek! – Gott helfe mir!), Begriffe (alkaimas – Götterdorf) und Erklärungen (waidlit – Gottesdienst halten, sehen, vorhersehen) aufgeführt sind. Eine Zeittafel, eine umfangreiche Literaturliste und Weblinks runden dieses einmalige Werk ab.

Die Autorin hat ihr Leben lang Physik, Chemie, Mathematik und Musik gelehrt, ihre Interessen aber auch auf Archäologie, Geschichte, Geografie, heidnische Religion, baltische Musik, Kulturgeschichte und Kulturtechniken in Handwerk, Hauswirtschaft, Landwirtschaft und Fischerei ausgedehnt, sich mit baltischen Sprachen, baltischen Völkern und Stämmen, Kriegsführungen, Namenkunde und vielem mehr beschäftigt. Der Ertrag dieser Kenntnisse und dieses Fleißes ist das vorliegende Buch: ein Kompendium über das Volk der Prußen, das zugleich eine Hommage darstellt für die Menschen, die das großartige, bis heute mit ihrem Namen verbundene Land lange Jahrhunderte bewohnten, ehe der Deutsche Orden im 13. Jahrhundert dort auftauchte.

Klaus Weigelt (KK)

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