Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1316.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Verbrechen, alphabetisch geordnet

Dieses voluminöse Werk wurde von fast 130 Fachleuten erarbeitet und geht auf einen Vorschlag des Historikers Holm Sundhausen (FU Berlin) zurück. Auf rund 750 Seiten Text werden Stichworte von „Ägypter“ (ethnische Minderheit im Kosovo) über „Finnen, Magyaren, Sudetendeutsche, Tschechoslowakei …“ bis Zwangsassimilation in unterschiedlicher Länge behandelt, jeweils mit zusätzlichen bibliographischen Angaben. Es werden sowohl Deportationen in der Sowjetunion, unter der NS-Herrschaft sowie die Nachkriegsvertreibungen durch nationalistische Regime – vor allem der Deutschen aus den Ostgebieten – als auch die Vorgänge während der Jugoslawienkriege bis in die jüngste Vergangenheit dokumentiert.

Zweifellos wird auch der zeitgeschichtlich und politisch unterrichtete Leser viele neue erschütternde Tatsachen über das „Jahrhundert der Vertreibungen“ und die vielen von diesen Verbrechen betroffenen Volksgruppen und Völker erfahren, auch über maßgeblich verantwortliche Politiker und Apparatschiks von Stalin, Hitler, Benes, Churchill, Gomulka, Tito bis zu Milosevic und Karadzic. Überaus differenziert werden die Leiden der Völker der Sowjetunion, des Baltikums und Südosteuropas geschildert.

Im folgenden beschränke ich mich auf Anmerkungen zu der sudetendeutschen Tragödie und den tschechoslowakischen Aktionen, die von deutschen und tschechischen Verfassern beigesteuert wurden, ohne den Anspruch auf eine vollständige Rezension.

Da gibt es einen schwachen Beitrag unter dem Stichwort „Aussiger Brücke", gemeint ist das Massaker von Aussig im Jahre 1945. Die Opferzahlen sind nach allen bisherigen Untersuchungen hier viel zu gering angegeben. Es fehlt auch die von schwerwiegenden Indizien gestützte Schlußfolgerung, daß dieses Massaker ein Staatsverbrechen mit kaschierter Mitwirkung der Benes-Regierung gewesen ist. Die Darstellung des „Brünner Todesmarsches“ erscheint demgegenüber fundierter.

Eine ganze Reihe von Beiträgen zum Themenbereich „Sudetendeutsche“ und Tschechoslowakei stammt von Detlef Brandes, emeritierter Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Da ist neben Zustimmung auch Kritik zu äußern. Den Sudetendeutschen wurde durch ein Benes-Dekret die Staatsbürgerschaft aberkannt. Brandes übersieht, daß sie seit 1938 deutsche Staatsangehörige auf deutschem Staatsgebiet waren und die CSR kein Recht hatte, Bürger eines anderen Staates zu vertreiben. Falsch ist auch seine Behauptung, daß die „Zwangsaussiedlung“ in den Dekreten nicht erwähnt wird. Sie erscheint im Dekret Nr. 137 (betr. die Internierung) unter § 2 in den Worten: „Zum Zwecke ihrer späteren Abschiebung“.

Irritierend für den deutschen Leser ist die vorrangige Verwendung von tschechischen Ortsnamen durch Kristina Kaiserová, wenn von Denkmälern für ermordete Sudetendeutsche die Rede ist, so im Falle von Postelberg, Haida oder Wekelsdorf. Gleiches gilt auch für unübersetzte Literaturangaben am Ende des Beitrags und bei Brandes.

Dessen Artikel über die Tschechoslowakei seit ihrer Ausrufung im Jahre 1918 enthält keine konkreten Zahlen zu den verschiedenen Nationalitäten, keinen Hinweis auf den gewaltlosen sudetendeutschen Protest und die Gewaltaktion des tschechisch-slowakischen Militärs am 4. März 1919, ebensowenig eine Erwähnung der Diskriminierung der Deutschen in den böhmischen Ländern. Die eigentliche Vertreibungsgeschichte dagegen wird objektiv und deutlich beschrieben, dies trifft auch auf den Beitrag über den Minister Ludvik Svoboda zu, einen der tschechischen Vertreibungsverbrecher.

Das Lexikon behandelt auch die Themen Lastenausgleich, Vertriebenenorganisationen, wichtige Begriffe zu Flucht, Vertreibung und Aussiedlung, wichtige Einrichtungen und Verträge. So wird auch die in Berlin errichtete Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung erwähnt, auch die Sudetendeutsche Landsmannschaft, deren Vertretungsberechtigung jedoch bezweifelt wird. Erika Steinbachs Zentrum gegen Vertreibungen und seine bisherige Entwicklung fand Aufnahme, ohne daß dabei Westerwelles Husarenritt erwähnt würde.

Wenn auch diese kritischen Anmerkungen zum „Lexikon der Vertreibungen“ notwendig sind, so stellt diese Veröffentlichung doch eine wichtige Zusammenfassung der Gesamtproblematik aus historischer und soziologischer Sicht dar. Die politische und rechtliche Bewertung dieser Katastrophen müßte jedoch tiefgründiger von kompetenten Sachkennern vorgenommen werden.

Immerhin zeigen sich in der Zuerkennung des Rückkehrrechts (Vertrag von Dayton) in russischen Dekreten und in den Verurteilungen von Vertreibungsverbrechen etc. die längst fälligen Einsichten, daß es sich bei Vertreibungen um Grundprobleme der Menschheit handelt.

Rüdiger Goldmann (KK)

Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Hg.: Detlef Brandes, Holm Sundhausen, Stefan Troebst in Verbindung mit Kristina Kaiserová, Krzysztof Ruchniewicz und Dmytro Myeshkov. Böhlau-Verlag, Wien – Köln – Weimar 2010, 800 Seiten, 99 Euro

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