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Ausgaben: Ausgabe 1317.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Der „unendlich Zarte“ an den „muldigsten Stellen“

Schriftsteller früherer Zeiten waren emsige Briefschreiber, und Rainer Maria Rilke einer der emsigsten. Es handelt sich beim ersten Band um Briefe, die er vom
24. Juli bis zum 2. Oktober 1917 von Gut Böckel geschrieben hat. Das Gut liegt in Ostwestfalen, hart an der Grenze zu Niedersachsen. Die nächste größere Stadt ist Bünde. Rilke war dort hingefahren auf Einladung der Besitzerin Hertha König. Sie hatten sich 1910  im Haus des Verlegers S. Fischer kennengelernt. Sie blieben in Kontakt, sahen sich aber nicht sehr oft, weil Rilke damals viel in Frankreich weilte.  Eine Zeitlang war er Sekretär bei Auguste Rodin. Der Ausbruch des Ersten  Weltkriegs bedeutete für ihn im doppelten Sinn eine Katastrophe. Zum einen konnte er nicht mehr nach Frankreich zurück, überdies mußte er zum Militär. Nach einem Zusammenbruch wurde er dann auch aus dem Militärdienst entlassen. Zunächst  konnte  er jedoch nach München gehen und war zunächst Gast in Hertha Königs Wohnung in der Widenmayerstraße.

Eine Einladung nach Gut Böckel war nichts Ungewöhnliches für die Gutsbesitzerin.  Als Enkelin eines Zuckerbarons aus der Ukraine verfügte sie über ebensoviel  Gastfreundschaft wie Geld. Ihr Großvater Leopold König war im Alter nach Bonn  gezogen und hatte sich in der Villa Hammerschmidt, in der nach dem Zweiten  Weltkrieg die Bundespräsidenten residieren sollten, niedergelassen. Rilke war  nicht der einzige, der von ihr unterstützt wurde.

Im Sommer 1917 nun also kommt Rilke nach Ostwestfalen. In den 70 Tagen, die er  sich dort aufhält, schreibt er 50 Briefe. Zumindest sind so viele erhalten. Im Grunde  hält der Leser hier ein Tagebuch Rilkes in Händen. Wie sehr Hertha König ihren  Gast schätzte, kann man schon daran erkennen, daß sie ihm eine Zimmerflucht  herrichtete. „Ob der unendlich Zarte, Empfindsame sich behaglich fühlen würde auf  unserem niedergelegenen Gutshof mit seinem schwerfälligen Dasein, zumal in der  besonderen Verdunkelung jenes vorletzten Kriegsjahres?“ fragte sich die  Gastgeberin besorgt. Die Stimmung des Zarten traf sie recht genau. In den ersten  Briefen, in denen er die Lage des Guts beschreibt, heißt es: „… das hiesige Klima ist nicht so ohne weiteres hinzunehmen, besonders wenn man in eine Zeit  schwerer Niederschläge kommt und in einem der alten Wasser-Schlößchen wohnt,  die an den muldigsten Stellen der Landschaft gelegen, hinter ihren Wassergräben  fast schon wie Aquarien eingerichtet sind: Verhältnisse, die sowohl für mein  Gemüth, als auch für meine Leistungsfähigkeit nicht gerade die günstigsten sind.“  (Brief an Alexander Fürst von Dietrichsein-Mensdorff) Diese äußeren Bedingungen trugen nicht dazu bei, Rilkes Depressionen zu mildern. Doch die Atmosphäre im  Haus war um so herzlicher. Täglich bekam der Dichter von der Dichterin frische Blumen ins Zimmer gestellt.

Neben den vielen Briefen schreibt Rilke Gedichte aus seinen Tagebüchern ab, um  diese handschriftlichen Seiten Freunden und Bekannten zu verehren. Außerdem  beschäftigt er sich mit der Übertragung der Gedichte Michelangelos. Man darf sich  das alles allerdings nicht als allzu aktiv vorstellen, in den Briefen scheint immer  wieder sein Entsetzen über den andauernden Krieg ebenso durch wie seine in  diesem Umstand wurzelnde Arbeitshemmung: „Immer mehr gewahr ich, wie weit  ich, in meiner Abgeschiedenheit doch davon abhängig war, in einer irgendwie  gleichbewegten bauenden und strebenden Welt zu stehn: denn nun, in einer maaßlos zerstörenden, scheint mir nichts sinnloser, als, einzeln, die  Gegenbewegung des Hervorbringenden zu versuchen, die ja viel zu rein, zu arglos  ist, um als Widerspruch gedacht zu werden.“ (Brief an Eva Cassirer) Oder an Jacob  von Uexküll: „… schreiben heißt jetzt nicht fließen für mich, übergehen –, sondern  vom erstarrtesten Gemüt irgend einen Splitter abschlagen“.

Trotz dieser Depressionen läßt er sich aber auch gern ablenken, folgt den  Vorschlägen der Gastgeberin. So werden also, wenn auch nicht allzu häufig,  Nachbarn besucht, man geht Pilze sammeln, man liest sich abends vor. Seine  Stimmung bessert sich ein wenig, als sich auch das Wetter bessert, doch die  Erlösung ist auch das nicht.

Die Ursache dafür lag vielleicht noch ein wenig tiefer. Deutlich wird das in der  Sammlung der Briefe an Hertha König. Er schrieb der Mäzenin von 1914 bis 1921.  Auffallend häufig bedankt er sich für Überweisungen, für Lebensmittelpakete. Immer wieder fragt er an wegen unterschiedlichster Probleme, die Hilfe kommt prompt,  aber dezent. Es ist ein ewiger Kampf um geeignete Wohnungen, um  standesgemäße Haushaltsführung – es geht auch im größten Geldmangel nicht  ohne Haushälterin, selbst wenn sie nicht kochen kann! –, immer müssen  bestimmte Möbelstücke zur Ausstattung der jeweiligen Wohnung besorgt werden.

So am 10. März 1918: „Bei Pössenbacher sah ich gestern, allerdings nur von der  Straße aus, einen sehr geeigneten Schreibtischsessel; ob wir ihn nicht gelegentlich zusammen ansehen könnten?“ Drei Tage später schreibt er: „Unsere Brief haben  sich gekreuzt. Sie geben mir freudige Nachrichten vom Zusammenkommen meiner  künftigen Umwelt, dass ich einen Augenblick selbst ganz zuversichtlich davon  wurde. Am selben Tag hat mir auch die Bank eine Einzahlung angezeigt.“ Und weiter unten im Brief heißt es: „Ich melde mich einen der nächsten Tage am Telephon,  sage mich dann zu Tische an und wir verabreden gleichzeitig die Besichtigung des Sessels bei Pössenbacher.“

Doch der Elan erlahmt, wenn es um seine Schreibarbeit geht. Weder München noch Gut Böckel konnten ihm die Erlösung bringen. Er findet sie 1922 in der Schweiz, wo er auch 1926 stirbt. Den Kontakt zu seiner Mäzenin hatte er 1921 abgebrochen.

Es ist dem Pendragon Verlag in Bielefeld zu verdanken, daß er das Andenken an die  großartige Mäzenin Hertha König aufrecht erhält. Seit 1994 gibt es eine Hertha- König-Gesellschaft, seit 2004 vergibt sie im Zweijahresrhythmus einen nach ihr  benannten Literaturpreis, geteilt in einen Haupt- und einen Förderpreis. Preisträgerinnen sind z. B. Alissa Walser (dieses Jahr) und Jenny Erpenbeck (vor zwei Jahren).

Ulrich Schmidt (KK)

Rainer Maria Rilke: Briefe von Gut Böckel. 24. Juli – 2. Oktober 1917. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Theo Neteler. Pendragon Verlag,  Bielefeld 2011, 256 Seiten, 19,90 Euro Rainer Maria Rilke: Briefe an Hertha König 1914 – 1921. Herausgegeben von Theo Neteler. Pendragon Verlag, Bielefeld 2009,  192 Seiten, 16,90 Euro

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