Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1319.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Wie weit es ist von Mensch zu Mensch

Artur Rosenstern, 1968 in Kasachstan geboren, reiste 1990 nach Deutschland ein und war zunächst als Privatmusiklehrer tätig. Nach dem Studium der Musik-, Medienwissenschaft und der Mittelalterlichen Geschichte arbeitete er u.a. für bekannte Musikverlage im Bereich Musikedition sowie als Übersetzer für russische Sprache. Dies ist das erste Buch des relativ jungen Autors Artur Rosenstern, eine Erzählung über zwei junge Einwanderer aus Kasachstan, die aus 16 Episoden besteht und formal an eine Musiksuite angelehnt ist.

„Lichtjahre sind manche Völker und einzelne Menschen voneinander entfernt, als lebten sie auf verschiedenen Planeten, als seien sie nicht gewillt, zu verstehen, dass der Verstand, der uns gottgegeben ist, vor allem dazu da ist, um Brücken zueinander zu bauen und nicht ausgeklügelte Kriege gegeneinander zu führen”, schreibt der Autor im Nachwort, und das ist auch der Schlüssel zum Titel und Inhalt seines Buches.

Wie integriert man sich, ohne die fremde Sprache und Kultur zu kennen, wie wird man „etwas“, wie wird man reich und erfolgreich, und genügt das eigentlich, um glücklich zu sein?

Mit einem Koffer, in dem sein Saxophon, eine Bratpfanne und ein Kochtopf zwischen den notwendigsten Sachen verstaut sind, kommt Andrej, ein junger Rußlanddeutscher aus Kasachstan, nach Deutschland auf der Suche nach seinem Glück und seiner Identität. In der ersten Zeit sieht er Deutschland wie ein Wunderland, in dem er sich sehr verloren fühlt und seinen eigenen Platz sucht.

Die Passagen über das Arbeitsamt, wo der mürrische Arbeitsvermittler keine Verwendung für einen ehemaligen Zirkusmusiker findet, werden Tausenden von rußlanddeutschen Akademikern mit in Deutschland nicht anerkannten Diplomen sehr bekannt vorkommen. Der Traum vom schönen Leben verschiebt sich für ein Jahr, in dem Andrej beschließt, erstmals einen Sprachkurs zu besuchen, um perfektes Deutsch zu erlernen – vor allem, um richtig das Wort Hannover auszusprechen (nicht Gannover) und seine Einwohner nicht als Ganoven zu bezeichnen –, gleichzeitig möchte er den Geheimnissen der deutschen Mentalität, des Deutschseins, auf die Spur kommen. Vorerst fühlt er sich genauso fremd wie sein ehemaliger Nachbar, der Kasache Murat, der auf verschlungenen Wegen auch nach Deutschland gekommen ist mit dem Ziel, Millionär und später Präsident von Kasachstan zu werden.

Andrej ist geduldiger, nachdenklicher und bescheidener in seinen Wünschen, aber
welcher junge Mensch träumt nicht von einem Wunder, einem schnellen Aufstieg in der neuen Welt? Wenn er auch nicht so begeisterungsfähig ist wie das Naturkind aus der kasachischen Steppe mit ungebrochenem Optimismus und Unternehmungsgeist, läßt er sich immer wieder von Murat mitreißen, der ständig neue Quellen späteren Reichtums findet.

Andrej berichtet über diese Versuche, die immer wieder zum Scheitern verurteilt sind, mit feinem Humor und gesunder Skepsis. Er ist ein guter Beobachter, und der Autor beherrscht die Kunst, jede neue Szene lebendig zu gestalten, mit humoristischen Details zu schmücken und gleichzeitig tiefgründig zu analysieren. Wenn am Anfang seine Protagonisten eher impulsiv und etwas naiv handeln, kommt später besonders bei Andrej das Nachdenken dazu. Es spiegelt sich in den Gesprächen mit dem Psychotherapeuten Dr. Dudinger wider, zu dem er seinen Freund als Dolmetscher begleitet, als der nach einer Party seinen Führerschein verloren hat und sich auf einen „Idiotentest“ vorbereiten muß.

Der praktisch veranlagte Murat ist betrübt, dass sich seine napoleonischen Pläne verschieben, und sogar etwas eifersüchtig auf seinen Freund, der nicht so oberflächlich ist wie er, sich mit dem Psychotherapeuten besser versteht und immer wieder über den Sinn des Lebens diskutiert. Dafür kommt von Murat die Idee, ein  Buch zu schreiben, und Andrej liefert dem Psychotherapeuten seine Gedanken über die besseren Integrationsmöglichkeiten der Einwanderer, die er als  wechselseitigen und langjährigen Prozeß versteht. Dabei spricht er vielen Rußlanddeutschen aus dem Herzen.

Daß dies trotzdem kein Sachbuch ist, bestätigen die letzten zwei Episoden, besonders die Reise der beiden Freunde mit Möbeln aus dem Sperrmüll nach Kaliningrad/Königsberg, wo Murat mit seinem Cousin ein Antiquitätengeschäft eröffnen will. Andrej, der eigentlich schon versucht, von dem aufdringlich gewordenen Murat Abstand zu nehmen, macht mit, aber aus anderen Gründen – weil diese Stadt seit seiner frühen Jugend eine magische Anziehungskraft auf ihn ausübt: „Außerdem sagte sich Andrej, fänden sich dort womöglich eine Menge altdeutscher Spuren; es könne ja sein, dass der Besuch dieser Stadt ihn beim Erforschen des germanischen Wesens ein Stückchen weiter bringen würde … Nichts hatte er bis dahin im modernen, durch und durch pragmatisch orientierten Deutschland von den Spuren dieser goldenen Ära entdeckt.“ In die „unmittelbare Unwirklichkeit“ gelangt er in einer phantasmagorischen Szene mit einer geheimen deutschen Gesellschaft, wo unter anderem theatralisch gekleidete Gestalten wie J. W. Goethe und E.T.A. Hoffmann vorkommen, die Andrej skeptisch nach seinem Wunsch, ein Deutscher zu werden, befragen. Auch der russische Grenzbeamte, der sie durch die Grenzkontrolle passieren ließ, weil sie ihm einen alten Fernseher und einen ledernen Ohrensessel geschenkt hatten, taucht im Traum auf. Letzterer wird plötzlich aggressiv und beginnt eine Schlägerei. Eine meisterhaft geschriebene Szene, die an Bulgakow und die Hexensabbats aus deutscher Überlieferung erinnert.

Das Buch von Artur Rosenstern ist sehr lesenswert, in gutem flüssigen Deutsch geschrieben, zum Lachen und Nachdenken geeignet, zum Lesen und Verschenken, aber auch als Anstoß, die geschilderten Probleme öffentlich zu diskutieren. Das würde auch dem Wunsch des Autors entsprechen, der im Nachwort schreibt: „Sollte das Buch nur ein Stückchen zum Bau dieser [zwischenmenschlichen] Brücken, ein Sandkorn zur besseren Verständigung zwischen Deutschen und Russen beitragen, sollte es hier und da ein Lächeln entlocken, so hat es seinen Zweck erfüllt.“

Agnes Gossen-Giesbrecht (KK)

Artur Rosenstern: Planet Germania. Über die Chance, fremd zu sein. Schardt Verlag, Oldenburg 2012, 155 S.

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