Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1320.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Thea Dorn hat sich aufs kreativste in Richard Wagner geirrt

Zwei Schriftsteller, ein Buch – und die Frage: Wie kommt so etwas zustande? Daß bei der Komplexität des Themas die Frage auftauchen kann, war dem Verlag klar, so daß er im Klappentext eine Antwort bereithält, und die lautet ungefähr so: Thea Dorn, 1979 im hessischen Offenbach geboren, wird als Dreizehnjährige von der Liebe zu Richard Wagner ergriffen. Das hessische Mädchen träumt davon, später die Isolde oder Brünnhilde sein zu dürfen, lernt statt dessen in Berlin Richard Wagner kennen.

Da ist sie aber nicht mehr dreizehn, studiert Philosophie und nicht Gesang und kann sich nicht mehr vormachen, der Wagner aus Berlin sei ihre große Jugendliebe. Sie muss anerkennend feststellen, es gibt da noch einen anderen Wagner, Richard, mit dem sich nicht Musik, sondern ein Buch machen läßt. Mit dem 1952 im rumänischen Banat geborenen Schriftsteller hat sie dann wohl vermutlich lange über die Beschaffenheit der Seele im allgemeinen und im besonderen philosophiert, entstanden ist ein humorvolles, ironisch gebrochenes, „enzyklopädisch“ angelegtes Werk mit komplexen 560 Seiten. Komplexität hin, Komplexität her – das Adjektiv schreiben wir auch in „deutsche Seele“ immer noch klein, in „deutsche Einheit“ übrigens auch.

Das seelische Alphabet fängt bei den Deutschen mit Abendbrot und Abendstille an. Keine Sorge, die Texte halten wach und bereiten vor – worauf? Auf den Abgrund. Der folgt der abendlichen Stille auf dem Fuß: „Das Deutsche ist ein Abgrund, halten wir fest daran.“ Thomas Mann erinnernd, fragen die Enzyklopädisten: „Gibt es einen Gedanken, der selbst abgründiger ist – und deutscher? Klüfte, Schlüfte Schlünde, Grüfte – die deutsche Sprache läuft zur Höchstform auf, wenn es darum geht, das Bodenlose in den Begriff zu bekommen.“

Es geht hinab – sogar sehr tief hinab in den Berg, zu den habgierigen Schatzgräbern und den „armen Maulwurfen“ (Goethe), den Bergleuten. Und dann geht’s über viele Buchstaben zu etwas Leichtem hinauf, zu etwas Erquicklichem à l’allemande: Das anstrengende Weib hinter uns lassend, landen wir bei der Wurst. Da kann Konfuzius einpacken. Mit Sprüchen wie „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ kann er nicht konkurrieren. „An der Wurstbude braucht man nicht einmal den Hund, um jemanden kennenzulernen.“ Denn mit der Bierwurst, Currywurst, Dauerwurst und allen den anderen Würsten im Rucksack kann nichts schiefgehen, gute Laune und Redseligkeit und alles, was das Herz begehrt, sind inklusive – im Doppel- oder Tetrapack.

Und wenn es mal wieder trübsinnig wird, das deutsche Gemüt, gibt es ein Antidepressivum mit sofortiger Wirkung: Schlagen Sie „Die deutsche Seele“ auf! Sie lesen: „Oh, deutsches Gemüt! Was bist du nicht alles: demütig, hochmütig, leichtmütig, gleichmütig, gutmütig, sanftmütig, einmütig, freimütig, kleinmütig, großmütig, langmütig, edelmütig, heldenmütig, reumütig, schwermütig, übermütig, wankelmütig, wehmütig. Bisweilen zeigst du dich anmutig, unmutig, missmutig, wagemutig, todesmutig. Nur selten bist du wohlgemut, von frohgemut ganz zu schweigen.

Solche Fülle an Gemüt braucht einen Ort, an dem sie sich zu Hause fühlen darf. Idealerweise ist das die eigene Brust.“

Geht’s Ihnen nicht gleich besser? Mir schon, ich halte sogar meine halbe ungarische Seele besser aus, seit dem Einblick in die deutsche Hälfte. Ganz im Ernst!

Ingeborg Szöllösi (KK)

Thea Dorn/Richard Wagner: Die deutsche Seele. Albrecht Knaus Verlag, München 2011, 560 S., 26,99 Euro

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