Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1320.

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Das Klischee ist längst nicht passé

Es ist ein für das Verständnis der eigenen Geschichte wichtiges Buch, das wie viele andere aus Anlaß des 300. Geburtstages von Friedrich dem Großen erschienen ist. Die zentrale Botschaft des Autors lautet, dass Polen in der Wahrnehmung durch die Deutschen eher am Rande steht, obwohl die wechselseitige Beziehungsgeschichte der letzten Jahrhunderte eine Fülle an wichtigen Berührungspunkten bietet. Bömelburg zeigt und korrigiert dieses Defizit am Beispiel Friedrichs des Großen.

Der Untertitel seines Buches lautet „Ereignis- und Erinnerungsgeschichte“, das heißt, er beschreibt, analysiert und bewertet zunächst das Verhältnis Friedrichs zu Polen, und in weiteren Abschnitten schildert er die Wahrnehmung des Königs nach 1786 in den einzelnen Epochen bis in die Zeit nach der friedlichen Revolution in Deutschland und in Polen. In der deutschen Geschichtswissenschaft ist eine wissenschaftlich fundierte Langzeituntersuchung, die sich hauptsächlich mit dem Verhältnis Polen–Preußen/Deutschland beschäftigt, bisher ohne Vorbild. Es wird mit dieser gründlich recherchierten Arbeit eine Lücke für das deutschpolnische Geschichtsbild in Deutschland geschlossen.

Bömelburg beginnt mit einer geopolitischen Einleitung: Brandenburg–Preußen lag im 18. Jahrhundert zwischen dem Alten Reich „deutscher Nation“ und Polen–Litauen, das Gebiet des Königreiches Preußen umfaßte Territorien, die heute nicht mehr zu Deutschland gehören – Ost- und Westpreußen, Hinterpommern, Ost-Brandenburg und Schlesien liegen in Polen; der nördliche Teil Ostpreußens mit Königsberg gehört als Oblast Kaliningrad zu Rußland. Diese Fakten sind vielen Deutschen überhaupt nicht mehr bekannt, geschweige denn bewußt.

Die Auswertung aller erreichbaren Quellen – Edikte, Erlasse, Randbemerkungen u. a. sowie die politischen Testamente des Königs – zeigen ein von Anbeginn negatives Bild von Polen, das sich in der Überlieferung im 19. und 20. Jahrhundert und bis in unsere Tage zu einem festen Bestandteil im „deutschen Stereotypenhaushalt“ entwickelt hat – stellvertretend sei der Begriff „polnische Wirtschaft“ genannt –: Friedrich also als Begründer einer antipolnischen Tradition in Deutschland.

Schlüsselereignis für die Polen wurden die Teilungen. Sie bestimmen ihr Friedrich-Bild bis heute, es entwickelte sich die berüchtigte Traditionslinie von Friedrich über Bismarck zu Hitler. Die Nationalitätenpolitik im Kaiserreich sowie die Vernichtungen während der NS-Besatzungszeit gaben dafür immer wieder neue Nahrung. In Preußen und Deutschland werden die Teilungen bis ins 20. Jahrhundert als „Zivilisierungsmission“ begründet, eine Schutzbehauptung gegen die Kritik an der Auslöschung des polnischen Staates. Im Dritten Reich gipfelte die Instrumentalisierung Friedrichs: der König als erster Nationalsozialist, der „Tag von Potsdam“ 1933. Diese Motive waren eng verbunden mit der rassistischen Einstufung der Polen als Untermenschen. Die Argumentationslinie vom unfähigen, faulen , dummen Polen läßt sich bis in die Zeit Friedrichs des Großen zurückverfolgen, eine erschreckende Kontinuität.

Die Dichte der Argumente, die nur durch gründlichste Auswertung aller greifbaren Quellen möglich wurde, schafft die entscheidende Grundlagen zur Beurteilung der preußischen und deutschen Polenpolitik bis 1945. Es wird eine bisher so nicht bekannte Facette im Bild Friedrichs des Großen vorgestellt. Das Buch ist flüssig geschrieben, die einzelnen Kapitel können gesondert gelesen werden, das umfangreiche Literaturverzeichnis enthält die wichtigsten deutschen und polnischen Titel zur gemeinsamen Beziehungsgeschichte.

Karlheinz Lau (KK)

Hans-Jürgen Bömelburg: Friedrich II. zwischen Deutschland und Polen. Kröner Verlag, Stuttgart 2011, 381 S., 22,90 Euro

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