Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1322.

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Jiddisch aus dem Jenseits

Ein Schriftsteller geht durch einen Park und entdeckt einen Zeitungsleser. Der liest eine Geschichte des Autors, der Zeit seines Lebens jiddisch geschrieben hat. Der Autor spricht seinen Leser an: „Ihr seid vermutlich kein Hiesiger?“ Der Befragte antwortet indirekt: „Herrlich, sobald es Jiddisch ist, sieht man aus wie einer, der aus dem Jenseits gekommen ist.“ Dies ist ein Zitat aus der Geschichte „Mein Leser“ von Josef Burg, geschrieben 2002. Zu diesem Zeitpunkt war sich Josef Burg vermutlich darüber im klaren, daß die Weltsprache Jiddisch immer nachrangig sein wird. Der damals 90jährige hat sich also aus eigenem Antrieb als „aus dem Jenseits“ kommend charakterisiert. Jenseitig – damit ist das hier vorzustellende Buch von Raphaela Kitzmantel, „Die jiddische Welt von Gestern. Josef Burg und Czernowitz“, absolut nicht negativ charakterisiert. Denn Leben und Wirken des jiddischschreibenden Schriftstellers Josef Burg in Czernowitz fanden statt in einer Gegend, die, in früheren Zeiten von Karl Emil Franzos als „Halbasien“ bezeichnet, nach dem Zweiten Weltkrieg hinter dem Eisernen Vorhang verschwand. Das nach dessen Fall einsetzende Interesse an der Bukowina und ihrer Hauptstadt Czernowitz richtete sich zunächst hauptsächlich auf die deutsch geprägte jüdische Welt, also auf Rose Ausländer und Paul Celan, um nur die berühmtesten Vertreter zu nennen. Daß es daneben eine jiddische Welt gab, sickerte erst langsam in das Bewußtsein derer, die mehr über den „Mythos Czernowitz“ erfahren wollten.

So erfuhr auch Josef Burg erst nach und nach die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt. Zwar erschien 1988 in der DDR eine erste deutsche Übersetzung mit Erzählungen, die zwischen 1934 und 1984 entstanden sind, aber erst 1999 war Josef Burg literarisch auch in Westdeutschland salonfähig. Vor allem der Hans Boldt Verlag in Winsen/Luhe darf sich das hohe Verdienst anrechnen, ihn präsentiert zu haben. Es ist ein schmales, aber wunderbares Werk.

Josef Burg hat Zeit seines Lebens nur in Jiddisch geschrieben, weil ihm dies nicht nur als Ausdrucksform, sondern auch als Lebensform angemessen schien. Sehr deutlich wird dies in einer Äußerung über Paul Celan: „Er gehört der deutschen Literatur oder der österreichischen, wie man es sehen mag, jedenfalls nicht der jüdischen. (…) Zur jüdischen Literatur gehört, was in Jiddisch oder Hebräisch geschrieben wurde. (…) Die Sprache ist das Entscheidende.“ Dieses rigorose Urteil gilt dann natürlich auch für alle anderen Czernowitzer jüdischen Dichter. Der Entschluß, nur jiddisch zu schreiben, bedeutete, sich von vornherein auf eine beschränkte Leserschaft einzulassen. Dafür gab es in der Zwischenkriegszeit eine ganze Reihe von Publikationsorganen. Josef Burg war’s zufrieden. In Czernowitz, wo 1908 die für die jüdische Identität so wichtige Konferenz über Jiddisch stattgefunden hatte, wurde er gelesen.

Geboren wird er am 30. Mai 1912 in Wischnitz am Czeremosz, etwa 90 Kilometer nordöstlich von Czernowitz. Der Vater ist Flößer. 1924 zieht die Familie um in die große Stadt. Die Atmosphäre zieht ihn in ihren Bann, erste literarische Versuche werden freilich erst 1934 veröffentlicht. Als die Sowjets 1940 in Bessarabien einmarschieren, beginnt für Josef Burg eine fast zwanzigjährige Odyssee durch die Sowjetunion. Im Unterschied zu seinen Leidensgenossen kann er der Verfolgung durch Deutsche oder Rumänen entgehen.

Zum besseren Verständnis hätte Raphaela Kitzmantel darauf hinweisen können, daß der sowjetische Einmarsch in Bessarabien im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt stand, der Europa vom Baltikum bis eben Bessarabien aufteilte in die deutsche und die sowjetische Interessenssphäre. Für Czernowitz bedeutete es im Herbst 1941 die Einverleibung in die ukrainische SSR, gewaltsam herbeigeführt vom damaligen ukrainischen Parteichef Nikita Chruschtschow. Die Odyssee durch die Sowjetunion beginnt für Josef Burg in Rosendamm in der Wolgarepublik. Sie führt ihn über Taschkent, Samarkand, Tscheljabinsk, Iwanowo, Stalingrad, Pyatigorsk und Baksan schließlich zurück nach Czernowitz. Auf allen Stationen wird er als Lehrer für Deutsch an Schulen und Universitäten gut beurteilt. Aber immer wird der Punkt erreicht, an dem er entweder als Jude oder als Nichtparteimitglied oder als „Kosmopolit“ (deutschfreundlicher Westabweichler!) denunziert und weitergeschickt wird.

1959 entschließt sich Josef Burg zur Heimkehr. Doch in was für eine Heimat kommt er? Die Familie ausgelöscht, Freunde und Bekannte ermordet oder vertrieben: „Ich kam in eine Stadt, in der ich mein ganzes junges Leben verbracht hatte, in der ich Schriftsteller geworden war und Mensch – aber ich kannte dort niemanden. Ich hatte das Gefühl, dass die Steine unter meinen Füßen weinten.“ Josef Burg ist wieder in vertrauter Umgebung, mehr nicht. Nach wie vor ist das Leben entbehrungsreich. Er ist mittlerweile verheiratet und hat eine Tochter. Es dauert, bis er wieder als Lehrer erst an der Schule und dann auch an der Universität in Czernowitz arbeiten kann.

Unter Chruschtschow setzt auch kulturell zunächst Tauwetter ein. Das ist eines der Paradoxa der Sowjetunion: hie Antisemitismus allenthalben – da explizite Förderung des Jiddischen. Ab 1961 erscheint eine Monatsschrift, „Sovetish Heymatland“, in der er freilich nur sporadisch publiziert. Denn nachdem er entdeckt hat, daß man in Paris oder. Warschau unter Umgehung der sowjetischen Genehmigungsbehörden publizieren kann, nutzt er es aus. Das aber macht ihn zur persona non grata in der Zentralredaktion in Moskau. Diese ungleichen Auseinandersetzungen ziehen sich über Jahre hin, Jahre, in denen das Reservoir der jiddischschreibenden Autoren immer kleiner wird, weil sie auswandern nach Israel etwa oder in die USA.

Josef Burg aber denkt gar nicht ans Auswandern: „Der Pruth spricht mit mir Jiddisch. – Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Donau Jiddisch spricht.“ Aus dem Bukowiner wurde also kein „Bukowiener“, obwohl er von 1934 bis 1938 in Wien gelebt hat. 1988 erscheint sein erstes Buch in der DDR, verbunden mit einer Einladung. Da liegt die Sowjetunion in Agonie, und die Hoffnungen auf weitere Erleichterungen erfüllen sich. Josef Burg, knapp 80 Jahre alt, kann endlich in – für seine Verhältnisse – größerem Maßstab dem Jiddischen Aufmerksamkeit verschaffen. Sein großes Vorbild ist der Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer. Der nutzte seine Dankesrede zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1978 für ein Loblied auf das Jiddische: „Das Jiddische ist im übertragenen Sinn die weise und demütige Sprache unser aller, die Sprache der entsetzten und hoffnungsvollen Menschheit.“ Beiden Teilen hat sich Josef Burg allen widrigen Lebensumständen zum Trotz immer zugeordnet.

Soweit ein Leben aus dem „Jenseits“ hinter dem Eisernen Vorhangs, aus dem „Jenseits“ der gängigen, kanonisierten Literaturgeschichte. Josef Burgs Leben ist Raphaela Kitzmantel zwar nicht gerade ein normales Leben, doch das Außergewöhnliche des Anspruchs dieses Schriftstellers an sein Werk und sein Leben hebt sie nicht besonders hervor. Gern hätte man mehr gelesen aus ihren Gesprächen mit Josef Burg, gern hätte man zu den bedeutsamen Einschnitten in Josef Burgs Leben auch den historischen Hintergrund wenigstens skizziert bekommen, gern hätte man die zum Teil sehr langen, kommentarlos aneinander gehängten Zitate etwas besser eingeordnet bekommen, als es einem das eigene Wissen eingibt. So bleibt festzuhalten, daß Raphaela Kitzmantel „Die jiddische Welt von Gestern“ nur stückweise der Vergessenheit entrissen hat.

Ulrich Schmidt (KK)

Raphaela Kitzmantel: Die jiddische Welt von Gestern. Josef Burg und Czernowitz. mandelbaum Verlag, Wien 2012, 19,90 Euro

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