Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1322.

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Quod est in actis

Der irisch-amerikanische Historiker R. M. Douglas (48), der an der Colgate University in Hamilton bei New York lehrt, hat ein einzigartiges Werk über Flucht und Vertreibung der Deutschen 1944/47 geschrieben. Einzigartig ist das 560 Seiten umfassende Geschichtswerk deshalb, weil der Autor, 67 Jahre nach Kriegsende 1945, dieses Jahrhundertthema noch einmal aufgegriffen hat, versehen mit neuem Material aus tschechischen, polnischen und russischen Archiven, das erst nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staatenwelt der Forschung zugänglich gemacht wurde; einzigartig aber auch deshalb, weil der Autor nach eigener Aussage ein solches Buch seit Jahren schmerzlich vermißt hat, um es dann, von Freunden und Kollegen gedrängt, selbst zu schreiben; und einzigartig schließlich auch deshalb, weil hier die Initiative, unter neuen Aspekten über Flucht und Vertreibung nachzudenken, von einem biographisch nicht belasteten Forscher ausging, während deutsche Historiker diesem schwierigen Thema, von Ausnahmen abgesehen, seit Jahren ausweichen. So vermerkt R. M. Douglas in der Einleitung einen „bei deutschen wie nichtdeutschen Forschern vorhandenen Widerwillen“ gegen eine gerechte Bewertung des ungeheuerlichen Vorgangs, weil im Ausland bis heute die Meinung vorherrsche, die Deutschen wären mit Landverlust und Vertreibung zu Recht für die Verbrechen des Nationalsozialismus bestraft worden.

Daß diese schlichte Rechnung, um den Begriff „Aufrechnung“ zu vermeiden, nicht aufgeht und nicht aufgehen kann, zeigt nicht zuletzt dieses Buch, dessen Titel dem  Text des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945 entnommen ist. So ist es nur folgerichtig, daß das erste der 13 Kapitel den Titel „Der Planer“ trägt und sich einem Mann widmet, der als tschechischer Politiker im Londoner Exil 1938/45 die  Vertreibung der 3,5 Millionen Sudetendeutschen genauestens geplant, logistisch vorbereitet und in grausamster Weise durchgeführt hat: Eduard Benesch. Das zehnte Kind eines verarmten Kleinbauern machte sich die Eliminierung der deutschen Minderheit, die nach den Tschechen immerhin die zweitgrößte Volksgruppe vor den Slowaken und Ungarn war, zur Lebensaufgabe. Als Außenminister der noch jungen Tschechoslowakei wurde er nach dem Ersten Weltkrieg zu den Friedensverhandlungen mit dem besiegten Deutschland nach Versailles geschickt und konnte dort durchsetzen, daß im Vertrag vom 28. Juni 1919 den Sudetendeutschen kein Selbstbestimmungsrecht zugestanden wurde. In seinen sieben Londoner Jahren arbeitete er ununterbrochen daran, dem englischen Außenminister Sir Anthony Eden deutlich zu machen, daß ein Verbleiben der Sudetendeutschen nach 1945 in der Tschechoslowakei unzumutbar wäre. Mit dem von der tschechischen Exilregierung unter Eduard Benesch geplanten und in Auftrag gegebenen Attentat vom 27. Mai 1942 auf Reinhard Heydrich, den stellvertretenden „Reichsprotektor“ von Böhmen und Mähren, konnte der tschechische Exilpolitiker seinen Einfluß auf die britische Außenpolitik stärken und der Politik der Aussiedlung den Weg bereiten.

Wer dieses Buch liest, muß sich auf eine völlig neue Sicht einstellen. Nicht mehr die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung, die vergewaltigten Frauen, die erfrorenen und verhungerten Kinder, stehen im Mittelpunkt der Untersuchung, sondern die Täter und ihre Auftraggeber in Moskau, London und Washington: neben Eduard Benesch also Josef Stalin, Winston Churchill und Franklin Roosevelt. Es ist eines der Verdienste des Autors, daß hier die Mitverantwortung der Westmächte an diesem namenlosen Unglück der zwölf Millionen Vertriebenen aus den preußischen Ostprovinzen und dem Sudetenland benannt werden, nicht im Sinne polemischer Behauptungen, sondern beweiskräftig belegt nach intensivem Aktenstudium in den Archiven der Siegermächte.

Der belesene Autor findet unzählige Beispiele dafür, wie seit Beginn der Menschheitsgeschichte ganze Völker umgesiedelt und vertrieben wurden, bis ins Alte Testament hinein, und wird besonders fündig im römischen Weltreich und im zaristischen Rußland. Für die nach 1944/45 betroffenen Deutschen mag das nur ein schwacher Trost sein. Die Verursacher dieser unmenschlichen Politik, ob nun in Moskau oder London ansässig, waren an der Art und Weise, wie das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945, das eindeutig die Handschrift Josef Stalins trug, umgesetzt wurde, höchst desinteressiert. Sie befanden sich zum einen im Siegestaumel, es gab außerdem übergeordnete Gesichtspunkte wie die Erhaltung der brüchig werdenden Allianz der Siegermächte. Zudem beruhte, und hier zitiert der Autor wiederholt angelsächsische Quellen, die politisch-moralische Einschätzung dieses entsetzlichen Vorgangs auf der Annahme einer Kollektivschuld der Deutschen, die hier nur für ihre Verbrechen im Zweiten Weltkrieg bestraft würden.

Um diese Denkweise zu verdeutlichen, sei hier angeführt, was der britische Diplomat und Polenspezialist Robin Hankey am 11. Juli 1947 an einen Kollegen schrieb, nachdem er den Bericht eines deutschen Opfers über Mißhandlungen und Unterernährung im polnischen Nachkriegslager Potulitz bei Bromberg gelesen hatte: „Ich bin auch der Meinung, dass die Bedingungen … schrecklich sind. Ich wäre sehr viel tiefer bewegt gewesen, wenn ich nicht selbst die Vernichtungslager in Majdanek und Auschwitz gesehen … hätte. (Deshalb) kann ich nicht viel Mitgefühl für die armen Deutschen entwickeln, obwohl ich ihre Behandlung ablehne.“

Was dieses Buch vor allen anderen zum gleichen Thema auszeichnet, ist die Erkenntnis, daß deutsches Leid, wie es durch Flucht und Vertreibung millionenfach erzeugt wurde, in den frühen Nachkriegsjahren immer nur als Vergeltung für deutsche Verbrechen gesehen wurde. Diese Sicht ist bis heute auch in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Geschehens nachweisbar. Erst R. M. Douglas, der weder durch seine Biographie noch als Zeitzeuge mit Deutschland verbunden ist, hat dieses Denksystem falscher Zuordnungen und nur fiktiver Kausalitäten aufgebrochen. Von dieser Position aus versteht man auch, warum er die Zeugenaussagen deutscher Betroffener, er nennt sie „Opfererzählungen“, nicht einbezieht: Sie würden, so abwegig es klingt, seinen überzeugenden Diskurs, die Täter von damals zu überführen, nur stören. Auch seine für Deutsche vielleicht unverständliche Auseinandersetzung mit dem Historiker Theodor Schieder und seiner bis heute unübertroffenen „Dokumentation der Vertreibung“ erklärt sich aus dieser Sicht, auch wenn er dabei so überragende Zeugnisse wie Hans Graf Lehndorffs „Ostpreußisches Tagebuch“ und Marion Gräfin Dönhoffs Bericht „Namen, die keiner mehr nennt“ vernachlässigt. Eindeutig der steht Autor mit seinem anspruchsvollen und höchst lesenswerten Buch auf der Seite der Opfer.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

R. M. Douglas: „Ordnungsgemäße Überführung“. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, Verlag C. H. Beck, München 2012, 560 Seiten, 29.95 Euro

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