Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1323.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Wärme auf Permafrost

Das Buch von Ilona Walger ist eine Woche nach dem Tod ihrer Mutter erschienen. Es ist ein Buch über die Vertreibung der Deutschen aus dem Paradies an der Wolga ins „ewige Exil“ nach Sibirien (1941), und es beschreibt ihre Kindheitserinnerungen, die von trostlosen Barackenunterkünften, Kälte und Hunger, Not und Elend, Zwangsarbeit und unaufhörlichen Schikanen gekennzeichnet sind. Auch von einem Land „voller eisiger Kälte und menschlicher Wärme“, wie sie das unermeßlich große Sibirien in ihrem Buch nennt, wird erzählt. Das Leben zumal als Deutsche ist voller Entbehrung und Erniedrigung. Schritt für Schritt durchläuft sie die Etappen jenes menschenfeindlichen Systems und lernt bald, sich gegen Lehrer und
Mitschüler zur Wehr zu setzen. Doch sie spart die Freundschaften zwischen Deutschen und Russen genauso wenig aus wie das allgemeine Elend und den gemeinsamen Haß gegen den Diktator Stalin.

Ein Leben in einfachen Verhältnissen und voller Härte, aber auch ein Leben mit den
gewaltigen Schönheiten und Wundern des fernen Landes jenseits des Urals: „Erinnerung ist das Brot, das wir essen, wir leben davon“, schreibt sie. Es ist ein ergreifendes, sehr persönliches Werk. Mit geradezu zwanghaftem  Erinnerungsdrang und akribischem Eifer kehrt die Erzählerin in ihren Schilderungen in die frühesten Tage ihrer Kindheit zurück. Schon in Jugendjahren beginnt sie heimlich, ihren Kummer einem Tagebuch anzuvertrauen. Bei ihrer Auswanderung
im Mai 1990 geht sie dann das große Risiko ein, ihre Tagebücher über die Grenze
zu schmuggeln.

Ilona Walger ist 1939 in Marxstadt an der Wolga geboren. Dort und später in  sibirischer Verbannung wächst sie während der Stalinzeit auf. „In Sibirien zu überleben, half uns nur noch Gott“, pflegt die Mutter oft zu sagen. Vom Vater, der in der berüchtigten Trudarmee (Arbeitslager hinter Stacheldraht) Zwangsarbeit leisten muß, hat sie keine Vorstellung. Das Wort Vater ist ihr völlig fremd. „Von dort, der Ort oben am Polarmeer heißt Workuta, kommt niemand zurück“, sagt die Mutter. Und als der Vater 1947 plötzlich vor der Tür steht, ergreift sie die Angst. Mit ihm jedoch, der eine Arbeitsstelle als Buchhalter in einer Waggonfabrik bekommt, geht das Leben, wenn auch mühsam, vorwärts. Die Eltern, die vor dem Krieg als Lehrer
tätig waren, sind der russischen Sprache nicht mächtig und können ihren Beruf in
Sibirien nicht ausüben. Die Mutter arbeitet auf dem Feld in der Kolchose und als Putzfrau im Arbeiterheim der Waggonfabrik. Später schneidert sie für ein Stückchen Brot oder ein paar Kartoffeln schicke Kleider. Obwohl Deutsch strikt verboten ist, bemühen sich die Eltern, ihren Kindern hinter geschlossenen Türen die deutsche Sprache beizubringen.

Sprachen bleiben Ilonas lebenslanger Traum. Nach dem Abitur 1957 wird sie als
Deutsche nicht zum Studium zugelassen. Sie träumt von fernen Ländern, sie möchte gerne Auslandsjournalistin werden, aber dieser Beruf ist für eine Deutsche tabu. Und so verdient Ilona Walger ihren Lebensunterhalt in anderen Bereichen. Trotzdem ist ihr Wunsch nach Bildung so stark, dass sie unter Entbehrungen und nach Überwindung vieler Schikanen ihr Chemiestudium in Mittelasien, Taschkent, aufnehmen und im Jahre 1967 mit glänzenden Noten absolvieren kann. Im Jahre 1979 beginnt sie ein Fernstudium der Biologie mit Schwerpunkt Mikrobiologie in Minsk, das sie mit der Promotion erfolgreich abschließt. Ihre naturwissenschaftliche Bildung hat sie nach ihrer Einwanderung in die Bundesrepublik in der Forschung eingesetzt. Jetzt gilt ihre Forschungsbemühung der eigenen Biographie – mit beachtlichem Ertrag.

(KK)

Ilona Walger: Mein Lächeln für Sibirien. Kindheitserinnerungen
einer Russlanddeutschen.
Vindobona Verlag, Wien 2012, 292 S., 20,30 Euro

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