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Ausgaben: Ausgabe 1326.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Ein Schicksalsroman in des Wortes eigentlicher Bedeutung

Viktor Heinz: Als ich gestorben war. BMV Verlag Robert Burau, Lage 2012, 150 Seiten. Bestellungen unter Telefon 05202/2770 oder info@bmv-burau.de

Viktor Heinz, einer der besten deutschen Autoren aus Rußland, der seit 20 Jahren in Göttingen lebt und bisher zehn Bücher veröffentlicht hat, feiert in diesem Jahr im Oktober sein 75. Jubiläum mit zwei gerade erschienen Büchern, dem Lyrikband „Spiegelbilder“ und dem Roman „Als ich gestorben war“. Diesen etwas skurrilen Titel verdankt der Roman der Tatsache, daß der Hauptheld des Buches, der Bildhauer Peter Bade, nach einer mißlungenen Operation und dem vermeintlichen klinischen Tod in die Leichenhalle gebracht wird und von dort nach einem Erlebnis der anderen Art flieht, was sein alter Freund Ernst Wagner nicht mitbekommt, da er  auf gepackten Koffern sitzt, um mit seiner Tochter nach Deutschland auszureisen.

Zwanzig Jahre später treffen sich die ehemaligen Jugendfreunde, die sich in den sechziger Jahren in Rußland als Rekruten an der chinesischen Grenze während des Konfliktes zwischen der UdSSR und China kennengelernt haben, in Deutschland wieder. Dieses Treffen und die feierliche Einweihung der einzigartigen Skulptur einer stillenden jungen Mutter im Park – es sind eigentlich nur zwei Tage aus dem Leben von zwei älteren Rußlanddeutschen, die einander dabei über die wichtigsten Ereignissen aus der getrennt verlebten Vergangenheit berichten, aber sie werfen Licht auf ihr ganzes Leben. Viktor Heinz versteht es, den Spannungsbogen bis zur letzten Seite des Romans aufrechtzuerhalten.

Es ist ein Roman, der vieles andeutet und durch mystische Bilder erklärt, zum Beispiel die Erscheinung der Pflegemutter von Peter Bade nach ihrem Tode und ihre Rolle im Schicksal von zwei Waisenkindern, welche die junge Wolgadeutsche für Geschwister gehalten und während der Deportation vor dem Hungertod gerettet hat. Nach der Auflösung der Deutschen Autonomen Wolgarepublik hat sie unterwegs in die Verbannung ihren ältesten Sohn beerdigen müssen, später verhungert ihr Ehemann im Arbeitslager. Kann man sie verurteilen für ihre Ängste und Sorgen im Überlebenskampf, aus denen heraus sie alles getan hat, um die junge Liebe von Peter und Erika nicht zuzulassen?

Es ist aber nicht nur ein Roman über die von einer Mutter zerstörte erste Liebe ihres Sohnes, die zur Inspirationsquelle und Qual seines Lebens wird und zum späten Erfolg führt. Es ist auch ein Buch über das Schicksal der Rußlanddeutschen während und nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu ihrem Exodus nach Deutschland. Die beiden Protagonisten sind Vertreter der rußlanddeutschen Intelligenzija, der Intellektuellenschicht, die zum größten Teil durch Deportation und Zwangsarbeit an  entlegensten Orten von Kasachstan und Sibirien vernichtet wurde.

Ernst Wagner und Peter Bade haben es wegen ihrer deutschen Nationalität nicht leicht gehabt, in der Nachkriegszeit zum Studium zugelassen zu werden, aber sie haben ihre Jugendträume nicht aufgegeben und sind ihren Weg gegangen. Sie blicken zurück auf ein erfülltes Leben mit vielen Irrungen und Wirrungen, Fehlern, Reue und Dankbarkeit fürs Überleben.

Im neuen Roman von Viktor Heinz verschmilzt die Tragik der Geschichte mit der persönlichen Lebensdramatik, Träume und Wirklichkeit, Unerklärliches und Pragmatisches, Quellen der Inspiration mit Liebes und Lebensgeschichten, Helles und dunkle Schatten der Vergangenheit mit den Versuchen, in der neuen Heimat – Deutschland – heimisch zu werden. Ein langer Weg über ein halbes Jahrhundert, geschildert und meisterhaft durchkomponiert vom Autor auf knappen 140 Seiten, die auf jeden Fall lesenswert sind und eine Bereicherung nicht nur für die rußlanddeutsche, sondern für die gesamtdeutsche Literatur darstellen.

Agnes Gossen-Giesbrecht (KK)

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