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Ausgaben: Ausgabe 1326.

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Geistlicher Dirigent in geistfeindlicher Zeit

Walter Schwarz: Tagebuchnotizen 1941–1945. Herausgegeben und kommentiert von Dietmar Neß. Mit einem einführenden Essay von Christian-Erdmann Schott. Verein für Schlesische Kirchengeschichte 2011. Studien zur Schlesischen und Oberlausitzer Kirchengeschichte, Band 12

Walter Schwarz, der nach der Zwangspensionierung des schlesischen Bischofs D. Otto Zänker am 8. August 1940 der geistliche Leiter der schlesischen Provinzialkirche wurde, schrieb in den Jahren des Zweiten Weltkriegs Tagebuchnotizen, die erst 70 Jahre nach Beginn der Eintragungen veröffentlicht werden konnten. Neuerscheinungen dieser Art besitzen heutzutage Seltenheitswert.

Der am 3. Dezember 1886 in Hirschberg im Riesengebirge geborene Bischofsvertreter wurde am 8. August 1940 vom Evangelischen Oberkirchenrat zum Geistlichen Dirigenten beim Breslauer Konsistorialpräsidenten ernannt. Seine Aufgabe war es, den Präsidenten in geistlichen Fragen zu beraten.

Die Notizen bieten keinen fortlaufenden, in sich geschlossenen Text. Keineswegs sind sie eine Geschichte der schlesischen Provinzialkirche. Sie bieten das, was dem Verfasser notierenswert war. Vieles muß erläutert und ergänzt werden. Dieser Arbeit unterzog sich der Herausgeber. Pastor Mg. Dietmar Neß (Groß Särben) verfaßte in den Fußnoten hervorragende Hinweise und Kommentare. Zusätzlich bietet das Buch 21 Dokumente aus den Jahren 1939 bis 1947. Ein umfangreiches Register erleichtert die Benutzung der Publikation sehr. Eine wertvolle Bereicherung der Tagebuchedition stellt der einführende Essay „Zwischen Widerstand und Anpassung“ von Dr. Christian-Erdmann Schott dar. Offen bleibt, warum Schwarz am 25.8.1941 mit den Aufzeichnungen begann und warum er sie am 23.12.1945 beendete.

Die Publikation spart zu Recht das aus, was sehr persönlich war. Die publizierten Tagebuchnotizen bieten neben ausführlicheren Darlegungen viele kurze Hinweise auf Personen und Begebenheiten sowie knappe Beurteilungen aus dem unmittelbaren Eindruck heraus. Vieles ist nur angedeutet; es erschließt sich aus den Anmerkungen und den Dokumenten im Anhang. Zur Bedeutung der Tagebuchnotizen sollte man bedenken, daß seit April 1941 keine kirchlichen Zeitschriften, Gemeindeblätter und ähnliche Publikationen mehr erscheinen durften. Das Buch bietet somit zahlreiche Informationen, die damals nicht veröffentlicht werden durften.

Betonen sollte man auch, daß Walter Schwarz die Kirche als institutionellen Schutzraum in schwieriger Zeit betrachtete. Er wußte um die Bedrohung, und er stellte sich den zunehmenden Problemen, ohne eine oppositionelle Haltung einzunehmen. Diese „Anpassung“ wurde ihm nach dem Zweiten Weltkrieg oft vorgehalten. Niemand konnte ihm aber vorwerfen, daß er sich im „Dritten Reich“ den Herrschenden in irgendeiner Weise angebiedert hätte.

Weder die Auswirkungen des Krieges noch die repressive Politik hielten Walter Schwarz auf; die täglichen Probleme entmutigten ihn nicht. Er nahm Wesentliches hellwach wahr und hielt es in seinem Tagebuch fest. Kritische Stellungnahmen sind selten. Ein Beispiel ist das schändliche Vorgehen gegen die Breslauer Juden. Zu dem ungeheuerlichen Vorgang der Verfolgung bis hin zur Deportation hätte man sich nicht nur knappe Hinweise, sondern eine kritische Stellungnahme und scharfe verurteilende Worte gewünscht.

Zeitgeschichtliche Notizen sind meistens sehr zurückhaltend. Über das Attentat auf Adolf Hitler ist beispielsweise zu lesen: „Nun haben die Attentäter das Gegenteil erreicht von dem, was sie wollten: Himmler Befehlshaber des Ersatzheeres. Wie es in der Geschichte zu gehen pflegt. Die Geschichte lässt sich nicht beschleunigen. Erst muss die Suppe ausgelöffelt werden, die uns eingebrockt ist. Es wäre auch zu billig, auf diese Weise aller Verantwortung vor der Geschichte ledig zu werden.“ Anklagende Äußerungen über den Diktator fehlen. Schwarz war kein Mann der Polemik.

Gefühle zeigt Walter Schwarz in den Tagebuchnotizen auf eher zurückhaltende Weise. Das belegen u.a. Eintragungen vom Januar 1945 über die Flucht Tausender aus Breslau vor der sich nähernden Ostfront. Am 17.1.1945 hält Schwarz sachlich-nüchtern fest: „Wir stehen vor ernsten Entscheidungen.“ Die Stunde des Abschieds  von Breslau kam bald. Am 21.1.1945 verlegte das Evangelische Konsistorium seine Geschäftsstelle nach Görlitz. Am 1.2. brach auch Wolfgang Schwarz dorthin auf. Schon am 17. 2. folgte der Abschied von Schlesien. Über Dresden und Leipzig fuhr der Flüchtlingszug nach Göttingen; Schwarz kam am 20. 2. bei seiner Tochter an. Am 8. April erlebte er den Einmarsch der USArmee. In der Aufbauphase nach dem Krieg versuchte Walter Schwarz, wieder beim Evangelischen Presseverband zu arbeiten. Das gelang nicht. Es gab einflußreiche Kreise, die ihm verübelten, daß er kein Mann der Bekennenden Kirche gewesen war. Über seine Empfindungen schrieb er nichts in sein Tagebuch. Seine Aufzeichnungen lassen aber erkennen,  daß es ihm darum ging, die Spannungen innerhalb der Evangelischen Kirche zu mindern. Nach seinem beruflichen Mißerfolg blieb Schwarz in Göttingen und organisierte Hilfen für vertriebene Schlesier. Er übernahm auch die Leitung der Evangelischen Bibliotheksschule. Als 1955 Altbischof Zänker aus gesundheitlichen  Gründen sein Amt als Vorsitzender der Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V. aufgab, wurde Schwarz als Nachfolger gewählt. Diese Tätigkeit konnte er aber nur zwei Jahre lang ausüben. Am 23. Februar 1957 starb Oberkonsistorialrat a.D. Walter Schwarz in Göttingen. Das Tagebuch zeigt den  belastenden und einschränkenden Alltag des geistlichen Leiters der schlesischen Provinzialkirche, der schon zu Beginn seiner Aufzeichnungen schreibt: „Man spürt, wie viel schmaler wieder die Basis der Kirche geworden ist.“ Um die kirchliche Arbeit weiterhin zu ermöglichen, ging er nicht den Weg des Kampfes gegen das Regime, sondern versuchte, das Beste aus dieser Lage zu machen. Ohne Anzeichen der Entmutigung bemühte sich der Geistliche Dirigent Walter Schwarz  darum, die geistlichen wie auch die organisatorischen Grundlagen der Gemeinden, der Pastoren und der Provinzialkirche zu bewahren. Sein Bericht von einer besonderen Leistung in schwerer Zeit hat Größe.

Weitere Äußerungen zum Zeitgeschehen und zusätzliche wertende Stellungnahmen zu politischen Ereignissen hätten ihn noch wertvoller gemacht.

Klaus Hildebrandt (KK)

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