Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1327.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Berichte vermögen Überliterarisches zu leisten

Hans Mirtes, Gerolf Fritsche (Hg.): Flucht, Vertreibung, Ansiedlung, Integration – Vertriebene erzählen ihre Schicksale. AGSLEVerlag, Frontenhausen 2012, 347 S., 17 Euro

Hans Mirtes und Gerolf Fritsche stellen ein weiteres Buch zum Thema Zeitzeugen vor. Zwölf von ihnen lassen sie darin berichten, wie sie nach schlimmsten Erlebnissen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihr Leben gemeistert haben bzw. wie ihre Angehörigen es hingeben mußten. Die Berichte sind sorgsam aufgezeichnet. Sie zeigen, wie klar und lebhaft die Erinnerungen an die Zeit der Bedrängnis und der Lebensentscheidungen um das Jahr 1945 in den letzten Erlebnisgenerationen noch vorhanden sind.

Dieses Buch des AGSLE-Verlags ist als Folgeband zu „65 Jahre – Zivildeportation und wilde Vertreibung der Deutschen aus der CSR 1945“ zu verstehen, es weitet den Blick auf sämtliche Vertreibungsgebiete, vom Memelland in Ostpreußen über Pommern, Schlesien, das Sudeten- und Karpatenland bis nach Siebenbürgen und berücksichtigt in einem Beitrag auch das Schicksal der Deutschen aus Rußland. Dabei wird sichtbar, wie sehr die Vertreibung einerseits ein gemeinsames Schicksal vieler Deutscher aus verschiedenen Landschaften war, wie verschieden sie sich aber in den einzelnen Regionen auswirkte. Den Lesern kann man nicht einfach Lesevergnügen wünschen; es handelt immer wieder von schwersten Schicksalen. Dennoch können die Berichte den Leser aufrichten, das Buch vermittelt Zuversicht und ist dabei immer wieder spannend.

Die Reihe der Zeitzeugen eröffnet Walter Perkams aus Plicken bei Memel. Er schildert, wie die Flucht 1945 mißlingt, weil die Familie die Memelbrücke bei Tilsit nicht mehr erreicht, der Vater von Partisanen erschossen wird und die Mutter die vielköpfige Familie durch die Nachkriegszeit bringt. Erst 1958 gelingt die Ausreise in die Bundesrepublik, bereits mit einer jungen Familie. Maria Pekars schildert, wie sie – obwohl sie beim Brünner Todesmarsch von der Mutter getrennt und der Vater in die Sowjetunion verschleppt worden ist – beide nach zwei Jahren in Brünn glücklich wiederfindet. Viele Berichte könnten interessanter kaum sein. Außerdem belegt Maria ihren Bericht mit zahlreichen Dokumenten. Auch das also können Berichte leisten.

Einer stammt von einer Ukrainerin, einer sowjetischen Staatsbürgerin also, die ins Deutsche Reich deportiert wird, Nadeschda Gilmanowa. Als Fremdarbeiterin im Reich – als Dienstmädchen – hat sie ein leidliches Auskommen. Gefährlich wird es erst, als die Landsleute sie im Mai 1945 befreien. Sie siedelt sich später mit ihrer jungen Familie in Königsberg an. Nadeschdas Stimme ist eine, die in der Bundesrepublik bisher kaum hörbar war. Insofern bietet das Buch auch Neues im Chor der Zeitzeugen.

Die Geschichten sind bewegend. Zu den bewegendsten gehört jene der Alma Jelittes über die ersten Weihnachten 1945 in der Fremde in Mecklenburg in einer Zeit größter Not. Die Schlesier und ihre Mitwohnenden, die diese Weihnachten damals im Norden Deutschlands feierten, haben sie sicher ihr Leben lang nicht vergessen – auch der Leser wird dies nicht, der Almas Bericht einmal aufgeschlagen hat.

Ihren Berichte haben die Autoren neben Bildern und Dokumenten Karten zum besseren Verständnis beigegeben. Darüber hinaus befinden sich am Ende des Buches zwei große farbige Karten zum Thema dieses Buches: „Deutsche Vertriebene zwischen 1945 und 1950 sowie Vertriebene und Umsiedler in Polen und Ostpolen“ und zum anderen „Siedlungs- und Verschleppungsgebiete der Deutschen in Russland bis ca. 2000“. Sie sind gegenwärtig einzigartig auf dem deutschen Buchmarkt und finden sich in dieser Qualität auch nicht – leider – in einschlägigen Werken zur Vertriebenenproblematik. Schließlich steht am Ende des Buches der Text der Charta der Heimatvertriebenen vom August 1950.

Das Buch ist nicht nur zu empfehlen, weil auch wer meint, vieles zum Thema Vertreibung zu wissen, neue Erkenntnisse gewinnt. Es läßt sich gut abschnittweise lesen.

Franz Gissau (KK)

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