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Ausgaben: Ausgabe 1327.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Das sowjetische Programm inszenierter Zerstörung

Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. C. H. Beck Verlag, München 2012, 606 Seiten, 29,25 Euro

Wie schon lange nicht mehr hat dieses Buch weit über die Grenzen der Fachwissenschaftler hinaus – wo es zu fruchtbaren Debatten führte – Aufmerksamkeit erregt. Auf der Basis umfangreicher Recherchen in historischen Zeugnissen sowie einschlägigen Archiven bündelt die Studie neueste Forschungsergebnisse über Ursprung und Wesen stalinistischer Herrschaft. Drastisch korrigiert der Berliner Professor für die Geschichte Osteuropas ausdrücklich die Schlüsse seiner 2003 unter dem Titel „Der rote Terror“ erschienenen Geschichte des Stalinismus. Erklärungsmuster wie etwa eine gewaltsam aufgeholte Moderne in einem zurückgebliebenen Agrarstaat werden ausdrücklich verworfen. Ebenso liegt es Baberowski fern, den Stalinismus etwa vor dem Hintergrund des historischen Siegs der Sowjetunion über die hitlerdeutschen Invasoren zu legitimieren. Sein Anliegen ist es, „Stalins Herrschaft der Gewalt“ im 20. Jahrhundert, jenem „Zeitalter der Extreme“ (Eric J. Hobsbawm), auszuleuchten. Ausdrücklich wird dabei die persönliche Rolle und Verantwortung des Diktators herausgestellt.

Als Ergebnis legt Baberowski eine überzeugende und zugleich packend geschriebene Gesamtsicht vor, die bildhaft die Geschichte einer monströsen Verwahrlosung in Szene setzt. Genauer: die Zermalmung Rußlands im Namen einer unkontrollierten Diktatur mit universalem Erlösungsanspruch!

Anhand der geschichtlichen Abläufe in der Sowjetunion belegt Baberowski mit haarsträubenden Vorkommnissen das Ausmaß und die Skrupellosigkeit der staatlich angeordneten Gewalt. Eingängig wird auch die Atmosphäre unter den damaligen Aktivisten vermittelt, in welcher das Programm inszenierter Zerstörung herangereift war: „Die bolschewistische Gewalt richtete sich nicht nur gegen tatsächliche Gegner, sondern vor allem gegen menschliche Kollektive, die zu Aussätzigen erklärt worden waren: Adlige, Gutsbesitzer, Offiziere, Priester, Kosaken, Kulaken. (…) Der Feind lebte nur in den Köpfen der Kommunisten. Daraus bezog der bolschewistische Terror seine Maßlosigkeit und Monstrosität.“

Auch die parteiamtlichen Richtlinien waren nicht etwa in einem innerparteilichen Diskurs verhandelt worden. Selbst innerhalb des Machtapparates herrschte ein gewalttätiges Klima, welches von Denunziation, Ränkespielen und Verschwörungsszenarien beherrscht war. Ein vorauseilender Gehorsam war erwünscht und konnte dramatische Folgen zeitigen, wenn er einem neuen ideologischen Schwenk entgegengesetzt war. Bereits die sprachliche Praxis strotzte vor Gewalt, wenn von „Parasitentum“, „Volksverrätern“ oder „sozialem Müll“ die Rede war, „Elementen“, die „liquidiert“ gehörten oder zur „Ausrottung“ vorgesehen waren, wie es bei den Kulaken, den russischen und vor allem ukrainischen Großbauern, im Massenumfang auch in die Tat umgesetzt wurde. Dieser großmäulige Gewaltkult, der auch das Gebaren der Nationalsozialisten kennzeichnet, wird zudem in „den Insignien militärischer Gewalt, mit Militärstiefeln, schwarzen Lederjacken, Uniformen und Pistolenhalftern“ sichtbar inszeniert. Die „Verachtung für Toleranz, Mitleid und Empathie“ wurde, schreibt Baberowski, „zur Normalität, in der sich Täter und Opfer einrichteten“.

In sieben Kapiteln gelingt es Baberowski, ein entsetzliches Geschehen von gewaltigen Ausmaßen zu beleuchten. Von der Revolution und dem Bürgerkrieg in Rußland über die Errichtung des Sozialismus bis hin zum Massenterror werden maßgebliche Schlüsselstellen freigelegt. Zudem werden die Expansion der Gewalt nach dem Hitler-Stalin- Pakt von 1939 sowie Stalins besondere Rolle während des Zweiten Weltkrieges herausgearbeitet. Ein Kapitel über „Stalins Erben“ schließt Baberowskis Werk ab und deutet zugleich auf prägende Konstanten in der russischen Gesellschaft hin, die auch nach Stalins Tod wirken, ja nicht einmal mit dem Zusammenbruch des „realen Sozialismus“ verschwunden sind.

Die Weltsicht kollektiver Freund-Feind-Schemata findet sich im heutigen Rußland ungebrochen wieder. Politische Kritik hat einen schweren Stand und sieht sich schnell dem altbekannten Vorwurf „ausländischer Agententätigkeit“ ausgesetzt. Die Guten aber sind die „Unsrigen“, wie die regierungsnahe Jugendorganisation heißt. Ein bloßer Austausch von Hammer und Sichel mit dem Doppeladler im russischen Staatswappen bildet jedenfalls keinen Ersatz für eine dringend notwendige Vergangenheitsbewältigung in Rußland.

Volker Strebel (KK)

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