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Ausgaben: Ausgabe 1328.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Ein Rechtsgelehrter über Zeiten des Unrechts

Karl-Joseph Hummel (Bearb.): Paulus van Husen 1891–1971. Erinnerungen eines Juristen vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2010 , 614 S., 88 Euro

Karl-Joseph Hummel, Direktor der Kommission für Zeitgeschichte (Bonn), überarbeitete 977 Seiten der zwischen 1957 und 1967 niedergeschriebenen Lebenserinnerungen des westfälischen Juristen Paulus van Husen, der dem Oberkommando der Wehrmacht und dem Kreisauer Kreis angehörte, von der Roten Armee aus dem Berliner Zuchthaus befreit und später als Präsident des Oberverwaltungsgerichts sowie des Verfassungsgerichtshofes der höchste Richter des Landes Nordrhein-Westfalen wurde. Die Herausgabe des Buches konnte nur mit mehreren wissenschaftlichen Zuarbeitern geleistet werden. Allein neunhundert Namen mussten zugeordnet und mit ihren Lebensdaten ermittelt werden.

179 Seiten sind van Husens Wirken in Oberschlesien gewidmet, wohin er 1920 für 14 Jahre als preußischer Regierungsassessor geschickt wurde. Bereits nach kurzer Zeit wurde er stellvertretender Landrat in Rybnik und kam vier Jahre später auf Vorschlag seines Freundes Hans Lukaschek in die Gemischte Kommission für Oberschlesien. „Sie war auf der Grundlage des deutsch-polnischen Abkommens vom 15. Mai 1922 eingerichtet worden, um die wirtschaftlichen Beziehungen in der fortan geteilten Region einvernehmlich zu regeln und den Schutz der jeweiligen Minderheiten zu gewährleisten.“

Van Husen wies auf die Unterdrückungsmaßnahmen der polnischen Behörden gegenüber der deutschen Minderheit hin und schrieb als engagierter Katholik über die „Gewissensnot der deutschen Katholiken in Polen“. Mit dem Bischof von Kattowitz, dem späteren Kardinal Hlond – der die ostdeutschen Bischöfe nach 1945 widerrechtlich zum Rücktritt zwang – hatte van Husen „keine nähere Fühlung .Er war hoffnungslos chauvinistisch und ungerecht gegenüber den deutschen Katholiken.“ Gute Kontakte pflegte van Husen zum Zentrumspolitiker Prälat Carl Ulitzka, dem „ungekrönten König von Oberschlesien“. Nach der Absetzung Lukascheks als Oberpräsident der preußischen Provinz Oberschlesien und seinem eigenen Einsatz für die Juden lösten die Nazis van Husen ab und versetzten ihn als Oberverwaltungsgerichtsrat nach Berlin.

Am 20. März 1921 hatte van Husen die Volksabstimmung erlebt. „Angesichts des Terrors, welcher der an sich ungestört abgelaufenen Abstimmung vorausgegangen war, und gegenüber der französischen Unterstützung der Polen war das Ergebnis ein deutlicher Sieg für Deutschland.“ Van Husen wurde Zeuge, wie in den an Polen abzutretenden Gebieten „Jammer und Not“ bei den Deutschen herrschte. Eine Zeitlang herrschte „Insurgentenwillkür“ zur Austreibung der Deutschen. „Die damaligen Flüchtlingstrecks waren ein begrenztes Vorspiel des Vertriebenenelends von 1945.“

Van Husen war dabei, als am 17. September 1949 sein Freund Lukaschek zu Adenauer gebeten wurde. Er begleitete ihn nach Bonn, und im Restaurant des Bundeshauses trafen sie den Ostpreußen Linus Kather, der sich Hoffungen auf das Bundesvertriebenenministerium machte. Lukaschek, so van Husen, nahm das Ministerium an unter der Bedingung, dass Adenauer das Verhältnis zu Kather friedlich regele. „Das ist auch dem äußeren Schein nach geschehen jedoch ohne Aufgabe der Bestrebungen von Kather, der nicht geruht hat, bis Lukaschek aus dem Kabinett wieder ausgeschieden war.“

Norbert Matern

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