Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1328.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Emotionslos, doch leidenschaftlich auf Wahrhaftigkeit bedacht

Teja Fiedler: Die Zeit ist aus den Fugen. Vom Kaiserleutnant zum Vertriebenen. Das Leben meines Vaters. Piper-Verlag, München 2010. 320 Seiten, 24 Abbildungen auf Tafeln

Familiengeschichten, die vor allem auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts fokussiert sind, gibt es mehr als genug. Als mir dieses Buch mit dem Foto des feschen k. u. k. Leutnants Alois Fiedler auf dem Umschlag empfohlen wurde, zögerte ich, es überhaupt in die Hand zu nehmen. Schon der Titel ist irgendwie antiquiert, dachte ich, dann der eigenartige Vorname, und schon wieder eine von diesen Familiengeschichten … Ich täuschte mich gründlich. Als ich nachforschte, stellte ich fest, dass diese außergewöhnliche Lebensgeschichte in ihrer Bedeutung für das Verständnis der deutsch-tschechischen Tragödie von 1918 bis 1945/45 von den Rezensenten kaum wahrgenommen und schon gar nicht erkannt worden ist.

„Tief drin im Böhmerwald“, im Dorfe Rohn, eine Gehstunde hinter Prachatitz, beginnt die Geschichte. Vater Isidor Fiedler, ein verständiger Bauer, baut eine zweite, mit Dampfkraft betriebene Sägemühle, sein ältester Sohn Alois darf studieren, erst in Wien, dann in Prag. Im Nationalitätenkampf – hier Deutscher Turnverein, dort Tschechischer Sokol, hier nationale Überheblichkeit, dort die Forderung nach Gleichbehandlung und nationaler Unabhängigkeit – behält Alois, obgleich Mitglied einer schlagenden Verbindung, einen kühlen, ausgleichenden Kopf. Dann der Weltkrieg, den der Einjährig-Freiwillige, Leutnant der Reserve Alois Fiedler, als Kompanieführer des in und um Reichenberg garnisonierten 74. Infanterie- Regiments von Anfang bis Ende mitmacht, erst in Serbien, dann an der italienischen Dolomitenfront. 1918 trägt ihn sein tschechischer Kompaniefeldwebel Karel Rosicky bei Bassano di Grappa aus dem Kampfgeschehen.

Schon diese Kapitel über den Ersten Weltkrieg sind hervorragende zeitgeschichtliche Schilderungen. In ihnen wird Geschichte so dargestellt, wie sie war, wie sich deren Akteure aktiv und passiv verhalten haben und verhalten mußten, ohne ein Gran besserwisserischen Vorwurfs. Und diese – einzig richtige – Art Geschichtsschreibung hält der Autor, ehemaliger Auslandskorrespondent des „Stern“, das gesamte Buch über durch. Es ist eine Wohltat, geschichtliche Tatbestände nicht nur nach beiden Seiten hin ausgewogen, gut vermittelt und spannend dargestellt, sondern auch und vor allem ohne jede politisch korrekte Verdrehung und Unterschlagung, ohne jeden pseudomoralischen Vorwurf oder gutmenschliches Lamentieren zu lesen.

Das Leben im neugegründeten tschechoslowakischen Staat bringt für die deutschen Bürger entgegen der Versicherung des Präsidenten Thomas Masaryk mancherlei staatsbürgerliche Benachteiligungen. Auch der frisch promovierte Dr. jur. Alois Fiedler muß das bitter erfahren.

Die tschechoslowakische Justizverwaltung lehnt sein Ansuchen auf Aufnahme in den richterlichen Vorbereitungsdienst ohne Gründe ab. 1931 erhält er, auf Lebenszeit, ein Notariat in Dauba in Nordböhmen. Er wird Mitglied der Sudetendeutschen Partei, bleibt aber weiter der auf Ausgleich mit den Tschechen bedachte, politisch kühle Mann. Nach dem Anschluß der Sudetengebiete im Oktober 1938 wird er als Mitglied des Nordböhmischen Automobilclubs ins Nationalsozialistische Kraftfahrkorps übernommen. Er heiratet zum zweitenmal, seine neue Frau beschert ihm zwei weitere Söhne. 1945 rettet ihn die Rote Armee vor tschechischen Partisanen, er wird verhaftet, muß ein bitteres Jahr in der berüchtigten Strafanstalt Prag-Pankraz verbringen und wird 1946 nach Niederbayern ausgewiesen. Dort, in Plattling, findet er seine 1945 in die Sowjetzone vertriebene Familie wieder.

Wer erfahren will, wie die brutale Vertreibung der Deutschen aus den Sudetengebieten im Jahr 1945 wirklich abgelaufen ist und unter welchen entwürdigenden Bedingungen die als „Umsiedler“ und „Flüchtlinge“ abqualifizierten und gerade noch geduldeten Heimatlosen ihren Neuanfang im restlichen Deutschland beginnen mußten, für den sind diese nahezu emotionslos geschriebenen Kapitel Pflichtlektüre! Eine tschechische Ausgabe sollte baldmöglichst folgen.

Hans Pichler (KK)

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