Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1328.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Leid macht einsam, doch man kann es gemeinsam lesen

Lars Peter Schmidt und Kathinka Dittrich van Weringh (Hrsg.): Friedrich-Werner von der Schulenburg. Diplomat und Widerstandskämpfer. Russisch und Deutsch. Drei schwarz-weiße Abbildungen. Moskau 2012, 198 Seiten.

Jochen Hellbeck, Alexander Vatlin, Lars Peter Schmidt (Hrsg.): Russen und Deutsche in der Epoche der Katastrophen. Kriegsgedächtnis und Vergangenheitsbewältigung. Russisch und Deutsch. 66 kommentierte schwarz-weiße Abbildungen. Moskau 2012, 421 Seiten.

Die Jahre 1939 bis 1943 sind die entscheidenden Jahre des letzten Jahrhunderts, in denen der größenwahnsinnige Nationalsozialismus im Sommer 1941 trotz erster Rückschläge bei Smolensk und vor Odessa noch einen letzten vermeintlichen Höhepunkt erreichte, um nach dem 19. November 1942 in den Untergang zu treiben und Millionen Menschen mit ins Verderben zu reißen.

Der Hitler-Stalin-Pakt mit dem Geheimen Zusatzabkommen am 23. August 1939, der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und die sowjetische Großoffensive bei Stalingrad ab dem 19. November 1942, die mit der Kapitulation der 6. Armee am 2. Februar 1943 endete, markieren die Eckpunkte einer selbstverschuldeten Tragödie, in der Hitlers Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion vom Vernichtungskrieg der Roten Armee gegen die Wehrmacht und das Deutsche Reich abgelöst und zur Niederwerfung des Aggressors und zur Teilung Deutschlands und Europas für ein halbes Jahrhundert nach den Vorgaben eben jenes Paktes von 1939, ergänzt um die Abkommen von Teheran 1943 sowie Jalta und Potsdam 1945, führte.

Vor diesem historischen Hintergrund hielt das Moskauer Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung 2009 und 2010 zwei bemerkenswerte Konferenzen in Moskau und Wolgograd ab, deren Beiträge jetzt in Büchern vorliegen. Wenn sich bei dem Hinweis „Konferenzbericht“ vielleicht manches kritische Stirnrunzeln einstellen sollte, so kann hier als Resümee uneingeschränkt festgestellt werden, dass die Zweisprachigkeit der Bücher, die Beteiligung russischer und deutscher Wissenschaftler mit bemerkenswerten Beiträgen, der jedem Artikel beigefügte wissenschaftliche Apparat und die umfassende Konzeption der Publikationen jeden Zweifel sofort zerstreuen.

Die Moskauer Konferenz über Graf von der Schulenburg (1875–1944) wurde von der Rudomino- Bibliothek für ausländische Literatur, der Kulturabteilung der Deutschen Botschaft in Moskau, dem politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und dem Büro der KAS in Moskau durchgeführt.

Der Diplomat von der Schulenburg war von 1934 bis 1941 Botschafter in Moskau. Sein ganzes Bestreben während dieser Jahre war es, als erklärter Freund Russlands bei steter Wahrung der deutschen Interessen dem friedlichen Ausgleich zwischen beiden Völkern zu dienen. Als er sah, dass der von ihm miterarbeitete Pakt vom 23. August 1939, in den er große Hoffnungen gesetzt hatte, diesem Ziel nicht diente, sondern von Hitler nur als Hinhaltepakt vorgesehen war, um seinen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu planen, schloss Schulenburg sich nach 1942 dem Widerstand an, für den er von Berlin aus mehrfach Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit Moskau sondierte. Obwohl Carl-Friedrich Goerdeler die Verbindung mit den Westmächten präferierte, sah er Schulenburg als Außenminister seiner Nachfolgeregierung vor. Die Kabinettsliste wurde von der Gestapo im Tresor des ausgebombten Hotels Bristol in Berlin gefunden und Schulenburg im November 1944 hingerichtet.

Es ist bemerkenswert, wie einhellig positiv das Urteil der zehn Autoren über Graf von der Schulenburg ausfällt. Die früheren deutschen Botschafter in Moskau, Hans-Georg Wieck und Ernst-Jörg von Studnitz, äußern sich zum Werdegang des Diplomaten und seinem Weg in den Widerstand. Alexander Tschubarjan (Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte) schildert Graf von der Schulenburg in einem historischen Porträt, der Historiker Wladimir Sokolow beschreibt seine Freundschaft mit Russland, und Boris Chavkin (Akademie der Militärwissenschaften) befasst sich mit der Beteiligung Schulenburgs an der Verschwörung gegen Hitler.

Der eindrucksvolle Beitrag von Boris Chavkin schließt mit dem politischen Vermächtnis Graf Schulenburgs, das dieser im August 1944, drei Monate vor seinem Tod, dem Botschaftsrat der deutschen Botschaft in Moskau, Gotthold Starke, gegeben hat: „Teilen Sie Herrn Molotow mit, dass ich für die Sache gestorben bin, der ich mein Leben in Moskau gewidmet habe, das heißt, für die sowjetisch-deutsche Zusammenarbeit.“

Das Werk über „Russen und Deutsche in der Epoche der Katastrophen“ ist umfangreicher und natürlich auch facettenreicher. Die zwanzig Beiträge – elf russische, neun deutsche – behandeln die deutsche Sicht auf den Krieg im Osten, das von Arroganz zu Anerkennung sich wandelnde Bild der Nazi-Eliten von der Sowjetunion und Soldatenbriefe aus Stalingrad (wahre und erfundene), Analysen der sowjetischen und deutschen Propaganda während der Schlacht bei Stalingrad und der jeweiligen Feindbilder, der Lage der deutschen Kriegsgefangenen und der Rolle des Nationalkomitees Freies Deutschland, Erinnerungen eines Stalingrader Jungen und das historische Gedächtnis des Großen Vaterländischen Krieges bis hin zu dem Thema Volksgedächtnis und Staatspolitik und Beiträgen zur Schlacht um Stalingrad als Gegenstand von Filmen – ein reiches und differenziertes Spektrum, das hier nur angedeutet werden kann.

Wichtig in Ergänzung der vieldiskutierten Wehrmachtsausstellung ist die Klärung des Begriffes „Vernichtungskrieg“, die der Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts Moskau, Bernd Bonwetsch, vornimmt. Schon am 30. März 1941 erläuterte Hitler 250 Generälen des Ostheeres, dass zwar nach konventionellen Wertvorstellungen aller Armeen der Welt, auch der Wehrmacht, der militärische Gegner zugleich Kamerad sei, dieses aber für den geplanten „Russlandfeldzug“ nicht gelte; die Russen seien weder während noch nach dem Kampf Kameraden. Entsprechend wurden bis in den Frühsommer 1941 eine Reihe von „verbrecherischen Befehlen“ erlassen, in denen die „normalen“ Kriegsvorbereitungen mit Vorstellungen spezifisch nationalsozialistischer Weltanschauung verknüpft wurden: Antibolschewismus, Antisemitismus, Rassismus und Expansionismus.

Mit diesen Vorstellungen wurde „die Vertreibung und das Verhungern-Lassen von Millionen von Menschen als Notwendigkeit vorgesehen“. Bonwetsch führt aus: „Das Erschreckende daran ist weniger, dass Hitler und überzeugte Nazis so dachten. … Das Erschütternde ist vielmehr, dass auch ‚normale‘ Angehörige der deutsche Eliten nur selten daran Anstößiges fanden.“ In einer Aktennotiz zum Treffen der Staatssekretäre vom 2. Mai 1941 heißt es: ‚1. Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird. 2. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern…‘“ In diesem Ungeist wurde der Überfall auf die Sowjetunion vorbereitet und am 22. Juni 1941 begonnen. Am 10. Oktober 1941 folgte der berüchtigte Reichenau-Befehl zum „Verhalten der Truppe im Ostraum“ mit der unverhüllten „Aufforderung zu unsoldatischem, verbrecherischem Verhalten in nationalsozialistischem Geiste.“ Hitler bezeichnete den Befehl als „vorbildlich“ und ernannte Reichenau wenig später zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd.

Auch die Informationen über die sowjetische Propaganda in der Schlacht um Stalingrad sind aufschlussreich. So berichtet Alexander Jepifanow (Verwaltungsakademie Wolgograd), dass zwischen November 1942 und Februar 1943 sowjetische Flugzeuge 18 131 000 Flugblätter über den Stellungen der Wehrmacht abwarfen; 318-mal kamen Großlautsprecher zum Einsatz mit 1514 Übertragungen. Sowjetische Propagandaoffiziere entsandten 58 Gefangene (darunter 11 Deutsche) ins gegnerische Hinterland. Am 6. Januar 1943 übergab das sowjetische Oberkommando ein Ultimatum an das deutsche Oberkommando. Dieses wurde mehr als 6000-mal über Radio und Lautsprecher den deutschen Truppen bekannt gegeben.

All das hatte indessen sehr wenig Erfolg – nur eine verschwindende Minderheit der deutschen Soldaten begab sich freiwillig in Kriegsgefangenschaft. Generalfeldmarschall Paulus schrieb in einem Befehl an die Truppe: „In der Gefangenschaft erwartet uns der sichere Tod, entweder durch eine feindliche Kugel oder durch Hunger und Leid in einem schändlichen sibirischen Lager. Wer sich ergibt und in Kriegsgefangenschaft geht, sieht seine Angehörigen nie wieder. Wir haben nur einen Ausweg – ohne Rücksicht auf Kälte und Hunger bis zur letzten Patrone kämpfen.“ Prophetische Worte: Die meisten der Angesprochenen haben ihre Angehörigen nie wiedergesehen; auch Paulus nicht, der zwar überlebte, aber in der DDR ein alles andere als ruhmreiches und isoliertes Leben führen musste.

Klaus Weigelt (KK)

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