Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1329.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Ein guter Gast(arbeiter)

Ein gutes Buch ist ein Buch, von dem der Leser überzeugt ist, er hätte es selbst nicht anders geschrieben. Dieser Grundgedanke mag der Schlüssel zum Erfolg von „Viva Polonia“ von Steffen Möller sein, das hier eine späte Würdigung findet. Hinzu kommt, dass es sich um ein ganz und gar ungewöhnliches Thema handelt, nämlich um ein Land und um Menschen in unserer Nachbarschaft, die wir viel weniger kennen als manche entfernte Urlaubsregion.

Aber der Reihe nach: Es geht nicht um einen Deutschen, der auszog, die große weite Welt oder unser Nachbarland Polen kennenzulernen. Der Autor wollte einfach nur „ein bisschen Polnisch lernen“, war überzeugt, dass man so etwas am besten im Land selbst macht, und wollte deshalb für ein paar Wochen nach Krakau gehen. Dass ihn Land und Leute dort faszinierten und er ganz einfach blieb, das ist das Ungewöhnliche an der Geschichte. Und dass Steffen Möller, der Philosophie und Theologie in Berlin studiert hat, an polnischen Universitäten Deutsch unterrichtete, ist auch noch logisch nachzuvollziehen. Erstaunlicher und ganz ungewöhnlich ist, dass er als Kabarettist (in polnischer Sprache selbstverständlich) und als Fernseh-Comedian im Nachbarland erfolgreich ist. So hat man sich in Polen einen Deutschen wohl doch nicht vorgestellt. Das ist ein persönlicher Erfolg für Steffen Möller und ein wichtiger Ansatzpunkt in Polen für eine veränderte Sicht der Polen auf die Deutschen.

Gewiss, aus vielerlei Gründen ist die deutschpolnische Beziehung nicht unproblematisch. Und gerade hier schafft es Möller mit seinem Buch, das zunächst in ähnlicher Form in polnischer Sprache erschien, auf Vorurteile von und über beide Seiten einzugehen. Dies gelingt ihm mit viel Ironie und Selbstironie, er lässt lächeln und schmunzeln, ohne etwas ins Lächerliche zu ziehen.

Die literarische Leichtigkeit, die keineswegs oberflächlich ist, bringt die Leser dem  Nachbarland näher, von und auf beiden Seiten. Natürlich gibt es keinen direkten Weg, dem Geheimnis der polnischen Mentalität auf die Spur zu kommen, hier ist aber, wie bei vielen Reisen, der Weg wichtiger als das Ziel. Dies wird in all den Erlebnissen und Episoden deutlich, die Steffen Möller aus seinem polnischen Alltag berichtet. Er ist oft überraschend offen, ohne anzuklagen, er spricht es deutlich aus, wenn er vom Zusammenleben mit den Polen beeindruckt ist, und schüttelt über sich und die Polen den Kopf, wenn er mal wieder Gast in verschiedenen Fettnäpfchen war.

So vielseitig wie der Alltag eines Menschen ist, wohlgemerkt eines Deutschen in Polen, so facettenreich erleben wir auch das, nennen wir es ruhig: normale Leben der Polen beziehungsweise in Polen. Dieses bunte Mosaik von Erlebnissen, Besonderheiten und Alltäglichkeiten, Banalem und Überraschendem kann der Leser sich auch selbst zu einem Kaleidoskop zusammenstellen. Mögen die Polen anarchisch, skeptisch, manchmal trotzig sein, wie auch immer, sie sind stets liebenswert. Aus vielen Blickwinkeln wird beispielsweise die Situation und Stellung der Frauen bzw. der Männer bei den Polen beleuchtet. Der Autor geht dabei auf bekannte Klischees ebenso ein, wie er deutlich macht, dass die Frau in Polen durchaus emanzipiert, aber nicht nur selbstbewusst geworden, sondern auch weiblich geblieben ist.

Achtung zeigt Steffen Möller vor der Improvisationskunst der Polen. Und Verwunderung darüber, dass man in Polen im Grunde genommen alles widerrufen, ändern, verschieben oder absagen kann. Der Autor leistet in vielen Bereichen „Aufklärungsarbeit“. Das mag mal verwunderlich, mal erstaunlich, mal auch widersprüchlich sein, langweilig ist es nie. Dies ist wohl der eigentliche Reiz des Buches. Darin finden wir unter anderem die Erklärung dafür, dass das Absurde in Polen eine größere Karriere macht als das Selbstverständliche, denn bei aller gesunden Skepsis erblüht bei den Polen eine reiche Phantasiewelt.

Dass Steffen Möller es versteht, fröhlich, ungezwungen und unmissionarisch den Polen die Deutschen und den Deutschen die Polen näherzubringen, hat ihm viel Anerkennung und das Bundesverdienstkreuz eingebracht. Sein erfolgreiches deutsches Buch „Viva Polonia“ hat er ergänzt mit verschiedenen organisatorischen Ratschlägen, Hinweisen und Tipps. So sei hier am Rande erwähnt, dass die Kontaktaufnahme in Polen einfacher sei, dass die Polen beim Flirten mutiger, charmanter, schneller und erfahrener seien, aber auch abgehärteter gegen Misserfolge.

Wissen muss man auch, dass sie immer hören wollen, dass es bei ihnen die beste Wurst der Welt und das beste Brot überhaupt gibt. Und wenn jemand von einem Polen nach der schönsten Musik der Welt gefragt wird und er nicht sofort Chopin sagt, nun, dann ist er eben selber schuld. All das erfährt man in dem Buch von Steffen Möller, weder schulmeisterlich noch besserwisserisch, weder übertrieben ironisch, noch gleichmacherisch, ganz einfach ehrlich und offen nach beiden Seiten. Das macht das Buch so „selbstverständlich“, als hätte es der Leser irgendwie selbst miterlebt. Und mitgeschrieben, siehe oben.

Franz Anton Bankuti (KK)

Steffen Möller: Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2008

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