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Ausgaben: Ausgabe 1331.

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Zwei Revolutionen in einem Leben sind zuviel

Trotz des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahr 1991 war in Russland ein in Gang gekommenes Nachdenken über die eigene Geschichte nicht beendet worden, im Gegenteil! Bereits während Michail Gorbatschows Ära von „Glasnost“ und „Perestroika“ waren Tabus in ungeahntem Ausmaße angesprochen worden.

Bislang verbotene Autoren und Werke konnten endlich in ihrem Land erscheinen. Neben bekannten Namen wie Boris Pasternak traf dies auch auf jene Denker zu, die im 20. Jahrhundert als russische Religionsphilosophen eine zuweilen recht eigenwillige und keineswegs einheitliche Formation gebildet hatten. Gerade diese idealistischen Denker waren in der Sowjetunion nicht nur einem weltanschaulich begründeten Atheismus ausgesetzt gewesen, sondern mit der vollen Wucht eines militanten Antitheismus konfrontiert. Als „wissenschaftliche Weltanschauung“ sah der Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung bereits die Voraussetzungen eines philosophischen Dialogs als nicht gegeben an.

Simon L. Frank (1877–1950) war von dem russischen Philosophiehistoriker Vasilij Zenkovskij nicht von ungefähr als der „bedeutendste der russischen Philosophen“ bezeichnet worden. Als junger Philosoph betrat Simon L. Frank die akademische Bühne im zaristischen Russland als Marxist, hatte sich aber, ähnlich wie Nikolaj Berdjajew oder Sergej Bulgakow, die später ebenfalls als bedeutende russische Philosophen bekannt wurden, von dieser Weltanschauung wieder abgewandt und und denkerisch radikale Konsequenzen gezogen – wohlgemerkt noch vor der russischen Oktoberrevolution! In einer Moskauer Intellektuellenfamilie aufgewachsen, war Frank von der Religiosität seines rabbinischen Großvaters geprägt. Im Alter von 37 Jahren konvertierte er zur russischen Orthodoxie. Er gehörte zu jenen Denkern und Philosophen, die 1922 auf Veranlassung Lenins auf dem legendären „Philosophenschiff“ über die Ostsee in den Westen abgeschoben wurden. Frank konnte in Berlin Fuß fassen, da er dank seiner deutschsprachigen Großmutter der Sprache mächtig war. Er unterrichtete im slawistischen Seminar, bis er im Berlin der 1930er Jahre als „nichtarischer Christ“ zunehmend Schwierigkeiten bekam. „Zwei Revolutionen in einem Leben sind zuviel“, so hat sich Simon L. Frank seinem guten Freund, dem Psychologen Ludwig Binswanger, gegenüber ausgedrückt. Den Krieg überlebte er verarmt in Paris, von wo er 1945 zu seinen Kindern nach London übersiedelte.

Franks Schriften sind von einer eigenartigen Spannung gekennzeichnet, da sie einerseits aus der metaphysischen Tiefe orthodoxer Spiritualität schöpfen, zugleich aber auch eine Gedankenschärfe aufweisen, die der umfassenden Rezeption westlichen rationalen Denkens geschuldet ist. Die vorliegenden Ausführungen sind das Ergebnis einer bewußt subjektiv formulierten geistigen Bestandsaufnahme, die im Herbst 1941 nicht zuletzt vor dem Hintergrund der totalitären Herrschaftsformen und des tobenden Zweiten Weltkriegs erfolgte.

Es galt dabei, sich dem Urgrund zu nähern, der eine sinnvolle Existenz ausmacht. Der russischorthodoxe Christ Frank betont ausdrücklich, dass seine philosophisch-religiösen Überlegungen weniger von abstrakten Spekulationen gekennzeichnet sind als vielmehr von einer im Tiefsten erfahrenen Kraft christlicher Spiritualität: „Das ist die Erfahrung der Immanenz Gottes in der menschlichen Seele – die Erfahrung der Wahrnehmung jener geistigen Tiefen, in denen der Mensch mit Gott real in Berührung kommt und mit ihm verkehrt, in denen Gottes Kraft in die menschliche Seele real einfließt, Gott selbst in uns lebt und wirkt.“ Frank umkreist dabei in seinen drei „Erwägungen“ die Problemkreise „Was ist Glaube?“, „Die paradoxe Wahrheit des Christentums“ und, als gleichsam praktische Form einer ansatzweisen Verwirklichung, „Die Wahrheit als der Weg und das Leben“. In eindrucksvoller Weise beschreibt er einen zutiefst dem Menschen zugewandten Gott. Dessen unerschöpfliche Liebe befreit den selbstbezogenen Menschen zu einer authentischen Wahrnehmung seines Nächsten. Wahrgenommene Verantwortung des Menschen in der Welt und das Angewiesensein auf die göttliche Gnade bilden in ihrer scheinbaren Widersprüchlichkeit ebenso eine Einheit wie eine sinnliche Lebensfreude, die von der Kraft der Askese zu zehren vermag.

Die drei Erwägungen „Mit uns ist Gott“ bilden den sechsten Band einer auf acht  Bände veranschlagten Simon L. Frank-Werkausgabe, die im Laufe des Jahres 2013 zu ihrem Abschluß kommen wird.

Volker Strebel (KK)
 
Simon L. Frank: „Mit uns ist Gott“. Mit einem Nachwort von Peter Ehlen. Aus dem Russischen von Vera Ammer, nachbearbeitet von Peter Ehlen. Verlag Karl Alber, Freiburg im Breisgau 2010, 308 Seiten, 36 Euro

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