Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1296.

Bücher und Medien

Auch Fremdheit kann ein gemeinsames Erlebnis sein

Ich bin ein Israeli, geboren in Galizien, mein Vater erblickte aber das Licht der Welt in Wien, meine Söhne werden sicher Amerikaner, jedoch zu Hause, so wirklich zu Hause, fühle ich mich nur unterwegs.
(Adam Zielinski: Gebeutelt)

Erinnert sich noch jemand an die Diskussionen über die EU-Erweiterung von 15 auf 27 Staaten? Und an die Behauptung, daß z.B. den Polen keineswegs die EU-übliche Freizügigkeit in Sachen Arbeitsaufnahme gewährt werden könne? Der Grund für die Restriktion: So ein polnischer Arbeitnehmer könnte ja mit seinem Dumpinglohn die deutsche Tarifstruktur aushöhlen. Interessanterweise wurden selten bis nie Polen des Dumpings überführt, sondern deutsche Unternehmer. Aus anderen Ländern wie Großbritannien z.B. hört man, daß polnische Arbeitnehmer den dortigen Arbeitsmarkt nicht durcheinandergebracht haben. Aus Deutschland weiß man freilich, daß erstklassige Fachleute in einigen Branchen immer noch gesucht werden.

Schon dieser kleine Aspekt aus der deutsch-polnischen Nachbarschaftsgeschichte zeigt, daß es mit der Migration und der daraus resultierenden Integration von Polen in Deutschland nach wie vor Probleme gibt.

Im neuesten Jahrbuch des Deutschen Polen-Instituts (DPI) aus Darmstadt wird das Thema Migration abgehandelt. Und natürlich sind wir – also die bundesrepublikanische Gesellschaft – ein Stück vorangekommen im Sinne guter Verständigung bzw. Integration. Wenn man zum Beweis dieser Behauptung auf glückliche Fälle wie z. B. Miroslav Klose oder Lukas Podolski verweist, hat man gewissermaßen die Spitze des Eisbergs im Blick. Das Bild vom Eisberg paßt insofern, als es keine genauen Zahlen über Polen in Deutschland gibt, genauer gesagt, über Polen mit deutschem bzw. zusätzlich auch polnischem Paß. Relativ genau weiß man, daß ca. 400 000 Bürger mit polnischem Paß mittlerweile in der Bundesrepublik leben. Die Zahl der Polen mit deutschem bzw. beiden Pässen wird auf ca. 1,2 Millionen geschätzt. Großzügig wird also von 1,5 bis 2 Millionen Menschen mit polnischem Migrationshintergrund gesprochen. Viele von ihnen kamen in den 1980er Jahren mit einem Touristenvisum. Der Verfasser erinnert sich noch daran, daß der Rektor der Grundschule seines Sohnes um Spielzeug für polnische Kinder bat. Diese Kinder dürften jetzt Mitte bis Ende Zwanzig sein, vielleicht studieren sie, vielleicht stehen sie schon im Arbeitsleben. Auf jeden Fall sind sie integriert.

Der Verfasser erinnert sich auch noch der Tagung der deutsch-polnischen Freundschaftsgesellschaften vor zehn Jahren in Rszeczow. Als höchste Repräsentantin Deutschlands war immerhin die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth anwesend. Vor Regierungsseite niemand. Behauptet wurde damals, Deutschland messe der deutsch-polnischen Verständigung ebenso viel Bedeutung bei wie seinerzeit Adenauer der deutsch-französischen. An entsprechenden Worten hat es nie gemangelt, an Taten, sprich finanzieller Ausstattung, schon. Hier wie dort ist festzuhalten, daß noch vieles im argen liegt.

Das Jahrbuch will den Ist-Stand beschreiben. Wie schaut der aus? Basil Kerski beispielsweise, er ist Chefredakteur der deutsch-polnischen Zeitung „Dialog“, stellt fest, daß polnische Vereine und Verbände im Vergleich zu türkisch-deutschen Lobbyisten kaum wahrzunehmen sind: „Viele Publizisten und Politiker sehen in der Nichterkennbarkeit der Deutschpolen einen Beweis für ihre gelungene Integration, bezeichnen polnisch-deutsche Migrationsbiografien als große Erfolgsstory.“ Er bezweifelt das, indem er eine Untersuchung anführt, in der es heißt, dass diese Nichterkennbarkeit auf einen starken Assimiliationsdruck zurückzuführen ist. Einerseits. Andererseits heißt es in der gleichen Untersuchung, die lokale und regionale Zersplitterung der polnischen Auswanderer spiele für die Nichterkennbarkeit ebenso eine Rolle wie die weitgehende Bereitschaft, „sich den in der deutschen Gesellschaft herrschenden Lebensbedingungen anzupassen“.

Seit die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ die Situation der in Deutschland lebenden Polen thematisiert hat, ist hierzulande etwas in Bewegung geraten. Mit dem Verweis auf die Pflege der deutschen Minderheit in Polen wird Adäquates hier verlangt. Einen Minderheitenstatus, wie ihn z.B. die Friesen genießen, wird es für Polen wohl nicht geben. Immerhin hat die christlich-liberale Regierung Ende letzten Jahres signalisiert, über eine stärkere Förderung der polnischsprachigen Gruppe nachzudenken. Kann man ja mal so formulieren. Mit Blick auf das bisherige Regierungshandeln läßt sich freilich nur Stillstand konstatieren.

Was wäre denn möglich?

Basil Kerski wird sehr konkret, indem er aus einem Arbeitspapier der Kopernikus-Gruppe zitiert. Diese Gruppe hat sich Gedanken gemacht über die Förderung der polnischsprachigen Gruppe in Deutschland und schlägt z. B. vor, daß Polnisch im deutschen Schulunterricht breit und systematisch angeboten werden könnte: „Eine größere Zahl von Polnischlehrern würde ein natürliches, die polnische Kultur und die Kontakte mit Polen förderndes Milieu bilden.“ In der Folge gäbe es mehr Polonistik-Studenten in Deutschland. Zur weiteren Förderung sollte sich Polen zur Stiftung von entsprechenden Lehrstühlen bereitfinden. Klingt gut, aber wer den bundesdeutschen Bildungsföderalismus kennt, ahnt, wie das endet.

Das Thema Migration wird im übrigen von vielen Seiten besichtigt. Wirtschaft und Studium sind freilich am ergiebigsten. Breiten Raum nimmt die Literatur ein. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf zeitgenössischer Literatur, aber der Rückgriff z.B. auf Andrej Bobkowski, der 1948 nach Guatemala emigrierte und dort 1961 starb, zeigt, daß – wieso auch nicht? – die Probleme der Emigration sich gleichen, egal in welchem Jahr sie stattfand. Jacek Kaczmarski bringt es in seinem Gedicht „Unsere Klasse“ auf den Punkt: „Ich habe die Klasse gefunden –/In der Verbannung, im Land, im Grab,/Aber irgendwas hat sich verändert,/Jeder kritzelt sich sein Leben –/Ich habe die ganze Klasse gefunden/Groß geworden und erwachsen,/Ich hab unsere Jugend aufgekratzt,/Aber allzu weh hat es nicht getan …“ Das erstaunt, denn die angedeuteten Lebenswege von ehemaligen Klassenkameraden erzählen von Verletzungen, Schmerzen und Verlusten.

Dergleichen Erlebnisse ziehen sich durch alle Beiträge. Sie erzählen außerdem von den Anstrengungen, am Exilort Fuß zu fassen, vielleicht auch Anerkennung zu erlangen von den Alteinwohnern. Daran hapert es oft, nicht nur in der Literatur, sondern überhaupt in der Gesellschaft. Und solange z.B. die Wichtigkeit des deutsch-polnischen Jugendaustauschs nur ein Lippenbekenntnis bleibt, wird sich daran nichts ändern. Solange die Politik nicht offensiv wird, bleibt alles Stückwerk. Vielleicht hilft aber auch so ein Erlebnis wie diese Fußballweltmeisterschaft, bei der eine bunt zusammengesetzte deutsche Nationalmannschaft begeistert. Der Sport wäre nicht das erste Mal ein Vorreiter der Integration.

Ulrich Schmidt (KK)

Migration. Jahrbuch Polen 2010 des Deutschen Polen Instituts. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2010. 11,80 Euro

»