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Ausgaben: Ausgabe 1287.

Bücher und Medien

„Enttäuschte Loyalität“ als Erfahrung mitteleuropäischer Juden

Man könnte das Leben von Eduard Goldstücker (1913–2000) in drei grobe Phasen aufteilen: Jugend und erstes Exil während der Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren, akademische Erfahrungen als Professor für Germanistik in Ost und West sowie der Einsatz für Menschenrechte in Mittel- und Osteuropa aus dem zweiten Exil in Großbritannien.

Als Konstanten im Leben von Eduard Goldstücker finden sich sein Interesse für Kunst und Literatur wie auch sein politisches Bekenntnis zur politischen Linken. Bereits Anfang der 1930er Jahre trat Goldstücker als Student in die kommunistische Partei ein und agierte als überzeugter Funktionär für eine gerechte Zukunft im Sozialismus. Damals konnte Goldstücker nicht ahnen, daß er in einer sozialistischen Tschechoslowakei zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt werden würde. Im Zusammenhang mit den Schauprozessen in Böhmen entging er 1951 nur um Haaresbreite dem Galgen. Rudolf Slanský, bis zu seiner Verhaftung Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, war prominentestes Opfer jener stalinistischen Prozesse. Die Asche der Ermordeten wurden auf vereisten Landstraßen außerhalb Prags verstreut – ihr Andenken sollte ausgelöscht werden.

Am eigenen Leib hat Eduard Goldstücker die Schrecken zweier totalitärer Systeme erlebt. Unter abenteuerlichen Bedingungen konnte er mit seiner Frau Marta ins britische Exil flüchten, während seine Mutter und weitere Familienangehörige nach Auschwitz abtransportiert wurden, wo sich ihre Spuren verloren. Im britischen Exil war Goldstücker der erste Kommunist, der als Mitarbeiter in der tschechischen Exilregierung anerkannt wurde. Nach Kriegsende, als die Goldstückers wieder in ihre Heimat zurückkehrten, warteten neue politische Aufgaben. Goldstücker wurde erster Botschafter der Tschechoslowakei im jungen Staat Israel. Unterbrochen wurde diese Karriere durch die Schrecken der Schauprozesse, und Goldstücker begann in dieser harten Schule umzudenken. Nicht überstürzt, dafür um so konsequenter tauschte er den unreflektierten Glauben mit dem Gewissen als einziger Instanz, nach der er sich künftighin orientieren wollte.

In den Gesprächen mit Eduard Schreiber schält Goldstücker in kritischer Selbstreflexion und mit Blick auf Heinrich Heine den Begriff der „enttäuschten Loyalität“ heraus, der typisch für Lebensläufe jüdischer Prägung in Mitteleuropa sei. Überhaupt nehmen sich die beiden Gesprächspartner viel Zeit für die Untersuchung der jüdischen Erziehung in Goldstückers Kindheit. Seinen jüdischen Namen Jizchak Jakub Schalom ben Jozef hatte er einst bei einem Bittgottesdienst während einer lebensgefährlichen Erkrankung erhalten.

Das politisch-ideologische Umdenken weg von einer utopistischen Zuversicht hin zu wacher Selbstverantwortung erfolgte bei Goldstücker in einem langen Lernprozeß. Seine akademische Karriere als Professor und Prorektor an der Karls-Universität in Prag erleichterte ihm das intellektuelle Überschreiten von dogmatischen Grenzen. Über die Landesgrenzen hinaus berühmt wurden Goldstückers philologische Bemühungen um die sogenannte Prager Deutsche Literatur. Ein von der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften herausgegebener Sammelband „Weltfreunde“ (1965) bietet heute noch aussagekräftige Informationen. Die auf Schloß Liblice bei Prag zustande gekommene Kafka-Konferenz von 1963 wird als ein ideeller Vorbote des Prager Frühlings angesehen. Undogmatische marxistische Germanisten, die sich mit dem offiziell verfemten Schriftsteller Franz Kafka beschäftigten, waren zu einem kritischen Meinungsaustausch zusammengetreten, der auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Als der Reformkommunist Alexander Dubcek im Jahr 1968 die Menschen in der CSSR begeisterte, war auch für Eduard Goldstücker die Stunde gekommen, seine Erfahrungen mit der stalinistischen Diktatur einzubringen. Das Ziel war eine Demokratisierung des Sozialismus.

Die gewaltsame Niederschlagung des Reformexperiments durch bewaffnete Truppen des Warschauer Paktes war um so niederschmetternder. Es begann erneut ein Leben im Exil. Als Hochschulprofessor unterrichtete Goldstücker im britischen Sussex, in den USA und zuletzt in Konstanz. Mit seinen Mitteln und Erfahrungen versuchte er, den aufbegehrenden Strömungen in den Ländern des „real existierenden Sozialismus“ eine politische Stimme zu verleihen. Unermüdlich wies er darauf hin, daß „Sozialismus“ und „Demokratie“ nie hätten getrennt werden dürfen, eine Position, die ihm nach dem Zusammenbruch der Ostblockstaaten wiederum zum Vorwurf gemacht wurde. Goldstückers Freude über die Samtene Revolution von 1989 und seine Wiederkehr nach Prag wurde von einer erneuten Ausgrenzung überschattet.

Zuletzt sprach er ironisch-resigniert von einem dritten Exil, das er in seiner Heimat angetreten habe. Für die Altkommunisten galt er als Verräter, während ihm die aus demNichts erstandenen Demokraten seine sozialkritische Konsequenz vorwarfen. Dabei erweisen sich Goldstückers Einsichten über den religiösen Charakter einer vorgeblich wissenschaftlichen Weltanschauung als brennend aktuell.

Volker Strebel (KK)

Eduard Goldstücker / Eduard Schreiber: Von der Stunde der Hoffnung zur Stunde des Nichts. Arco Verlag, Wuppertal 2009. 226 Seiten, 32 Euro

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